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"Lindenberg!" im Kino:Ikarus auf der Reeperbahn

Still 'Lindenberg!'; Lindenberg

"Unter 1,3 Promille betreten wir keine Bühne": Der junge Udo Lindenberg (Jan Bülow, Mitte) macht sein Ding.

(Foto: DCM)
  • "Lindenberg! Mach dein Ding" ist eine traditionelle success story, mit den bewährten Genrefiguren, -milieus und -szenen.
  • Die Sechziger und Siebziger sind farbenfroh und liebevoll ausstaffiert in dem Film von Hermine Huntgeburth, aber was an Anarchie im jungen Udo steckt, kommt bloß als bunte Travestie daher.

In dieser Familie, keine Frage, dirigiert der Vater. Das Städtchen Gronau in Nordrhein-Westfalen, Gustav Lindenberg ist hier Installateur, und manchmal nimmt er seinen Sohn Udo mit auf einen Job, dann hockt er auf dem Wannenrand in einem Bad und erklärt dem Sohn die Welt: "Du trommelst gern ... Ist eine brotlose Kunst, da kannste nur in Feuerwehrkapellen spielen ... Also merk dir: Wir Lindenbergs werden alle Klempner, und sonst nichts."

Charly Hübner ist Gustav Lindenberg, und er spielt diesen Moment der (Selbst-)Erkenntnis mit einer tollen Mischung aus Verständnis und Resignation. Zum Geburtstag schenkt er dem Sohn dann aber doch ein Schlagzeug. Und der Sohn träumt vom Erfolg in einer Jazzband, seiner Jazzband, vor der er stehen wird wie Glenn Miller.

Wie aus dem Trommler Udo schließlich der Rocksänger und Panikorchester-Chef Udo wird, das erzählt Hermine Huntgeburth mit unerschütterlicher, manchmal enervierender Gradlinigkeit. Die Vorbilder sind "Bohemian Rhapsody" und "Rocketman", der Aufstieg von Freddie Mercury und Elton John (bei den Frauen ist es eher der Zusammenbruch, der im Kino gerade interessiert, das Ende der Karriere, wie in "Judy", der im letzten Lebensjahr von Judy Garland spielt).

Was an Anarchie im jungen Udo steckt, kommt bloß als bunte Travestie daher

"Lindenberg! Mach dein Ding" ist eine traditionelle success story, mit den bewährten Genrefiguren und -milieus und -szenen. Jan Bülow verkörpert Udo als einen typischen Unangepassten der Sechziger, er schiebt seinen Punk-Gürtel ein wenig protzig vor sich her, und wenn er selber die frühen Lindenberg-Songs singt, wirkt das ganz natürlich, weil der jetzige Lindenberg, die nuschelnde selbstzementierte Rock-Ikone, mit diesem Jungen wenig zu tun hat. Er lässt die Bandmitglieder blasen für einen Promilletest - "denn unter 1,3 Promille betreten wir keine Bühne".

Zu den Musikern zählt auch der treue Bassist Steffi (Max von der Groeben), mit dem Udo Porsches anpisst auf der Reeperbahn zum Klang von "Bad Moon Rising", wichtig sind für seine Entwicklung auch der Plattenproduzent, mit dem er sich erfolgreich reiben kann (Detlev Buck), die Zuhälter und Kneipenwirte von der Reeperbahn, die WG-Genossen. Und all die Frauen, deren Liebe Udo wichtig ist und die er dann in seinen Songs besingen wird.

Das Mädchen, das im Schwimmbad in Gronau vom Dreimeterbrett springt (Ella Rumpf), die Prostituierte, die ihm das Deutschsingen ausreden will (Ruby O. Fee) - "die Sprache der Täter!" -, das Mädchen, das er in Ost-Berlin kennenlernt (Saskia Rosendahl). Und dann ist da noch der Transvestit, der Udo behutsam schminkt und ihn auf den "Mach dein Ding"-Kurs, den Ikarus-Kurs bringt: "Du und ich, wir verbrennen uns die Flügel an der Sonne, wir stürzen ab und versuchen es aufs Neue. Versuch was anderes. Erfinde dich neu. Sei, wer du sein willst."

Die Sechziger und Siebziger sind farbenfroh und liebevoll ausstaffiert in diesem Film, aber was an Anarchie und Umstürzlerischem im jungen Udo steckt, nach '68, kommt bloß als bunte Travestie daher. Den eigentlich kreativen Lindenberg-Impuls lässt er im Dunkeln, wie Panik und Chaos zum Neubeginn führten.

So ist es am Ende wohl doch der Traum des Vaters, den er für diesen träumt. Der Vater als Dirigent: Manchmal, wenn Gustav Lindenberg nachts heimkam, weckte er die Kinder, stellte sich auf das Wohnzimmertischchen, drehte den Plattenspieler auf und dirigierte zur Musik. Als Udo, um sich für sein Geburtstagsschlagzeug zu bedanken, ins Schlafzimmer geht, liegt der Vater erschöpft auf dem Bett, den Kopf ins Kissen vergraben, unfähig zu reagieren.

Lindenberg! Mach dein Ding, D 2020 - Regie: Hermine Huntgeburth. Buch: Alexander Rümelin, Christian Lyra, Sebastian Wehlings. Kamera: Sebastian Edschmid. Schnitt: Ueli Christen, Eva Schnare, Musik: Oli Biehler. Mit: Jan Bülow, Julia Jentsch, Charly Hübner, Johanna Polley, Ella Rumpf, Detlev Buck, Ruby O. Fee, Saskia Rosendahl, Max von der Groeben, Julius Weckauf. DCM, 139 Minuten.

© SZ vom 17.01.2020/luch
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