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Schwedische Literatur:Die Monotonie der Anmaßungen

Lina Wolff: Die polyglotten Liebhaber. Roman. Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2018. 288 Seiten, 22 Euro.

Lina Wolff seziert die Sprache von Männern und Frauen.

Wenn man auf der Suche nach dem oder der Richtigen ist, will man auf jemanden stoßen, der einem Verständnis entgegenbringt, der einen nicht verändern will, mit dem man die gleiche Sprache spricht. Doch die Realität sieht oft anders aus: Streit, Untreue, Langeweile, irgendwann Ekel, dann Gleichgültigkeit. Der neue Roman der schwedischen Autorin Lina Wolff erkundet, warum.

Auf einem Dating-Portal will Ellinor den Richtigen finden. Sie kommt aus einem Dorf in Südschweden, ist nicht besonders gebildet, etwas unansehnlich, aber clever, und sie hat gelernt, wie man sich prügelt. Männer hat sie nie in ihr Leben gelassen, bis die Kontaktanzeige sie zu Calisto führt, einem fettleibigen, ichbezogenen Literaturkritiker mit Hang zur Gewalt und einem malerischen Haus am Meer bei Stockholm. Er hat die Richtige eigentlich schon gefunden, für die er seine Frau einst betrog, doch die Geliebte ist bei einem Autounfall gestorben. Ob ihm das Manuskript des von ihm verehrten Schriftstellers Max Lamas darüber hinweghelfen könnte, dessen einziges Exemplar er besitzt?

Ellinor liest eigentlich keine Bücher und weiß darum nicht, welche Macht es ihr über Calisto verleiht, als sie es in den Händen hält. Denn obwohl Calisto sie erniedrigt, gar die Beherrschung verliert, bis Blut fließt, bleibt sie bei ihm. Aus ihrem Ekel vor ihm wächst mit der Zeit Faszination. Ellinor will herausfinden, wer dieser abgründige Mensch wirklich ist und warum er so an dem Manuskript hängt. "Der männliche Wahnsinn", liest sie da, "ist fast immer auf Demenz oder Genialität zurückzuführen. Zudem weist er Spuren einer Anmaßung auf, die oftmals in Eitelkeit gründet und zur Monotonie neigt. Der weibliche Wahnsinn funktioniert anders. Er ist vielfältig und scheint unterschiedlichste Gestalten annehmen zu können."

Dass ein Autor hier tatsächlich die Frauen verstehen möchte, über Respekt und die Sehnsucht nach Verständnis schreibt, ist Ellinor unerklärlich. Lamas fantasiert sich im Text seine Traumfrau als eine junge Geliebte, die alle seine Sprachen sprechen kann - elf an der Zahl. Denn welche Intimität, welche Lust, so denkt er, könnte solch nahtlose Kommunikation ermöglichen? Gelangweilt von seiner eigenen Frau, von seinen Geliebten verhasst, sucht er die Richtige in Italien, quartiert sich eigennützig auf dem Anwesen der skandalumwitterten Marchesa Matilde Latini ein, der adeligen Großmutter einer gewissen Lucrezia, und schreibt diesen außergewöhnlichen Text: Die polyglotten Liebhaber. Damit bricht er der alten Marchesa das Herz und Lucrezia verliert den Reichtum ihrer Vorfahren.

Über dieses Manuskript, das dem Roman seinen Titel gibt, sind die drei Erzählstimmen Ellinor, Max und Lucrezia miteinander verbunden. Und so vielschichtig und verworren die Geschichte auch sein mag, ist das doch ein schlagfertiges, witziges, feministisches Buch. Figuren wie Ellinor, die keine Opfer sein wollen, ihren Körpergeruch mögen, ein wenig geistlos daherkommen, aber trotzdem nie lächerlich sind, findet man gewöhnlich nicht in einem derart atmosphärischen Roman, mit so idyllischen Naturbeschreibungen, mit einer so einfachen, realistischen Sprache. Einem Roman, in dem es eigentlich hauptsächlich um Erniedrigung, Gewalt, Sex und Machtfantasien geht, wo die Männer triebhaft, egoistisch und liebeshungrig sind, und die Frauen sich zu rächen wissen.

Lina Wolff interessiert der männliche Blick auf die Frauen, und sie kritisiert zugleich, wie sie in der Literatur abgebildet werden. In ihrem Roman ist es Michel Houellebecq - der Lieblingsschriftsteller des Kritikers Calisto -, dem der Ruf des Frauenhassers anhaftet. "Wie er übers Altern von Frauen spricht, das ist fürchterlich zu lesen", sagte Wolff vor zwei Jahren in einem Interview über Houellebecq. Darin beklagte sie auch "die Zurschaustellung des weiblichen Körpers, die Brutalität, der junge Frauen ausgesetzt werden". Den Frauenfiguren ihres Romans widerfährt dies immer wieder. Wenn sie hübsch sind, müssen sie kompliziert, intrigant und irrational sein, wenn hässlich, sind sie nur Mittel zum Zweck, wenn reich, nutzt man sie aus, und wenn sie altern, wendet man sich von ihnen ab.

Allerdings ist der Roman nicht nur eine feministische Abhandlung. Er überzeugt vor allem literarisch. Seine Figuren sind weder schwarz noch weiß gezeichnet, sie haben Spleens und Schwächen, sind greif-, weil unberechenbar. Was nicht zuletzt die Kommunikation miteinander, insbesondere zwischen Frau und Mann, erschwert. Beinahe jede ihrer Kollisionen stellt einen Wendepunkt dar, nicht nur in Hinsicht auf ihre Biografien, sondern auch auf die Dramaturgie des Romans, der damit immer wieder an Tempo und Witz gewinnt.

Polyglott zu sein heißt, die Fähigkeit zu besitzen, mehrere Sprachen zu sprechen. Dieses Buch wirft die Frage auf, ob Männer und Frauen überhaupt imstande sind, auch nur eine gemeinsame Sprache sprechen zu können. "Das", schreibt Lina Wolff, ist "eine der größten Herausforderungen in der heutigen Welt, die Dinge so zu sehen, wie sie sein könnten."