Zum Tod von Lina Wertmüller:"Ironie ist mein treuer Weggefährte"

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Lina Wertmüller wird 80

Lina Wertmüller im November 1987 in Berlin.

(Foto: dpa)

Sie war die erste Frau, die für einen Regie-Oscar nominiert wurde: Die italienische Filmemacherin Lina Wertmüller ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

Von Fritz Göttler

"Liebe und Anarchie", das war ihr Ding, so hieß einer ihrer erfolgreichsten Filme, 1973, über ein Attentat auf Mussolini, das in einem Bordell geplant wird. Lina Wertmüller trug schon damals eine Brille mit weißer Fassung, eine Gelsomina der Siebziger, Intellekt und Spiellust gepaart ("Ironie ist mein treuer Weggefährte!"), linke Politik und drastisches Volkstheater: Die Kombination ließ viele Kritiker und Cineasten jubeln, manchen wurde eher mulmig dabei.

Geboren wurde sie am 14. August 1928, der Vater war Rechtsanwalt, stammte aus einem alten Adelsgeschlecht Schweizer Provenienz. Er sah es nicht sehr gern, dass die Tochter Theater studierte, und auch nicht, dass sie sich für populäre Kultur begeisterte, "Flash Gordon" und andere Comics inklusive. Lina Wertmüller arbeitete als Schauspielerin, Regieassistentin, und Bühnenbildnerin an verschiedenen Theatern, gründete 1951 die Theatergruppe Harlequin. Ihr Freund Marcello Mastroianni brachte sie mit Federico Fellini zusammen, sie war Regieassistentin bei dessen "Achteinhalb". Und durfte danach selber Filme machen, angefangen 1963 mit "Die Basilisken", über das Leben in der Basilicata im Süden Italiens: "Ich liebe den Süden, die Sonne, das Meer." 1967 drehte sie einen Western, mit der zarten, wunderbaren Elsa Martinelli als Belle Starr, "Mein Körper für ein Pokerspiel", in dem die Cowboys und ihre Mädchen wirklich Körper haben, nicht nur großspurige Gesten.

Wertmüller arbeitete nicht nur fürs Kino, an der Bayerischen Staatsoper inszenierte sie "Carmen"

Wertmüllers Filme der Siebziger sind wild und der reine Überschwang, schon die Titel machen einen atemlos: "Travolti da un insolito destino nell'azzurro mare d'agosto", eine aufmüpfige Robinsonade, deutsch klingt es etwas steifer: "Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August".

Der größte Erfolg war 1976 "Pasqualino Settebellezze", deutsch "Sieben Schönheiten", der letzte von vier Filmen, die sie mit dem Schauspieler Giancarlo Giannini drehte, allesamt Orgien gegen italienische Männlichkeit, Pasqualino, Familienmann aus Neapel, tut alles - wirklich alles! -, um sich und die Seinen - sieben Schwestern! - zu erhalten und zu verhindern, dass sie Prostituierte werden. Sogar als Soldat verdingt er sich und, nachdem er in ein KZ kommt, als Sexobjekt der Lagerkommandantin (das ist die wuchtige Shirley Stoler, die ihre Filmkarriere begonnen hatte als eine der "Honeymoon Killers" im gleichnamigen Film, produziert von Martin Scorsese). Für "Pasqualino" wurde Wertmüller für einen Regie-Oscar nominiert, als erste Frau. Pauline Kael fand den Film misogyn und misanthrop, und widerlich.

In den Siebzigern wandelte sich das Kino radikal, entsagte demonstrativ jeder Form von Unschuld. Europas junge Filmemacher hatten großen Anteil daran, sogar, ungewollt, die Nouvelle Vague in Frankreich, die sich doch vorgenommen hatte solche Unschuld zu bewahren oder wiederzufinden. Nach dem Ende der Siebzigerjahre blieb für Lina Wertmüller der internationale Erfolg, sie schrieb Stücke, inszenierte Opern (auch eine "Carmen" an der Bayerischen Staatsoper). Am Donnerstag ist sie im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben.

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