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Liederabend:Drama und Aura

Waltraud Meier im Prinzregententheater

Dass am Ende Bravorufe erschallen, ein begeistertes Publikum mit Händen und Füßen Beifall zollt, ist zu erwarten gewesen. Wie viel davon ist Fangesang und Lebensleistungsapplaus? Im Fall der legendären Waltraud Meier ist die Frage nicht unberechtigt. Doch was die Sängerin - die sich allmählich von ihren Opern-Paraderollen verabschiedet hat - in den spätestromantischen Liedern an Ausdruck findet, lässt kritische Stimmen leise werden. Auch wenn sie vielleicht anmerken möchten, wie hie und da die Tongebung wackelt, dass die Tiefe ein bisschen matt klingt und die Höhe forciert.

Mit einer Auswahl aus Mahlers Wunderhorn-Liedern einzusteigen, ist mutig. Der Klavierpart, den Joseph Breinl mit Delikatesse und sensiblem Klanggefühl gestaltet, ist grausam durchsichtig. Doch Meier gleicht das minimale Manko an Flexibilität, die diese Stücke zu genialen Bizarrerien werden lässt, mit jahrzehntelanger Dramen-Erfahrung aus. Jedes Lied hat seinen Knotenpunkt. Auf diesen steuern Meier und Breinl zu, in ausgewogener Kombination von Stimmung, Ausdruck und dramaturgischem Geschick. Ein Blick macht "Wo die schönen Trompeten blasen" zur existenziellen Klage, ein diskretes Augenzwinkern verleiht Antonius' Fischpredigt kessen Witz - Meier als ewig Junggebliebene. Hugo Wolfs Mörike-Lieder werden so zu Miniaturszenen, in deren Zentrum Einsame stehen.

Im vibratosatten Klang der Stimme hört man Lebenserfahrung: So begegnet Meier den Liedern mit Strenge, mit Verzweiflung, mit Hoffnung. Ganz auf Bühnenaura kann sie in ihrer Interpretation von Richard Wagners Wesendonck-Liedern setzen. Den Höhepunkt erreicht Meier in einem faszinierend durchdachten "Lied der Waldtaube" aus Schönbergs Gurre-Liedern. Alles steuert auf diesen Schrecken, den Horror der Stille zu: "Tove ist stumm". Und so wird nach dem Ende von Meiers großen Partien ein Aspekt überdeutlich: Die Höllenrose (diese Wagner-Partie sang Meier immerhin 35 Jahre lang) ist eine begnadete Dramaturgin.