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Liebling des Pop:Irgendwas mit Gefühl

Phoebe Bridgers ist 25 und wurde schon mit Bob Dylan und Kurt Cobain verglichen. Jetzt ist ihr zweites Album erschienen, "Punisher".

Von Juliane Liebert

Es ist der 20. April 2020, der erste internationale Elon Musk Day, und die Sängerin Phoebe Bridgers hatte schon seit Wochen keine Hose mehr an. Aber braucht sie bei einem Telefoninterview ja auch nicht. "Oh my god what? Es gibt einen Elon-Musk-Tag?" ruft sie erstaunt, auf das schicksalsträchtige Datum hingewiesen. "Es gibt einen nationalen Feiertag oder ist das sein Geburtstag? Ist es, weil er Gras geraucht hat? Ist das wegen des Memes, das ihn beim Kiffen zeigt? Oh Gott, ich habe es gerade gegooglet. Hier steht: Am 20. April ist der erste Elon Musk Day. Neeeeein!" Sie fängt sich. "Ich hoffe, dass er Beatmungsgeräte herstellen lässt."

Phoebe Bridgers ist 25 Jahre alt, und ihr zweites Album, "Punisher", ist diese Woche erschienen. Sie ist neben ihrer Solokarriere auch Teil von Boygenius und Better Oblivion Community Center, letzteres ein Projekt mit Connor Oberst.

Ihr neues Album beginnt mit dem Track "DVD Menu", der klingt wie ein . . . DVD Menu. Das man früher nachts, nachdem der Film vorbei war, in Schleife laufen ließ, weil man zu faul war, aufzustehen und den Fernseher auszustellen. Eine inzwischen fast schon wieder verdrängte Kulturtechnik. Bridgers "DVD Menu" versetzt einen auf die nächtliche Couch zurück, halbschläfrig, und dort kann man ihr zuhören, wie sie singt.

Dem Guardian sagte Bridgers, sie sei mit "12 oder 13" sicher gewesen, der nächste Bob Dylan zu sein

Sie singt vom Skinhead-Nachbarn des Menschen, in den sie verliebt ist. Davon, ob Elvis wohl glaubte, dass seine Lieder Wirklichkeit werden würden. Von Streits über John Lennon. "We fought about John Lennon / Till I cried" Hat sie? Sie lacht. "Also ich glaube, er ist einer der großartigsten Songwriter aller Zeiten. Aber er hat seine erste Frau definitiv zu Brei geschlagen. Und einen Song namens ,Give peace a Chance' geschrieben. Also, er ist ziemlich verwirrend. Ich glaube, Heldenverehrung ist sehr gefährlich. Solange Leute darüber reden und zugeben, dass das passiert ist, können wir immer noch die Beatles und John Lennon hören. Aber wenn man es sich nicht anhören kann, ohne an Gewalt zu denken, dann ist das schlimm."

Phoebe Bridgers: „Ich glaube, Heldenverehrung ist sehr gefährlich.“ Ist das an ihre Fans gerichtet?

(Foto: mauritius images / Alamy / Dan T)

In "Garden Song" wird der Backgroundgesang von ihrem Tourmanager bestritten. Normalerweise hört man eher männliche Stimmen mit weiblichem Backing oder — weibliche Stimme mit weiblichem Backinggesang. Bridgers dreht das Prinzip um. "Ja, das war eine Idee. Mein Tourmanager ist Niederländer. Er hat diese abgefahren tiefe Stimme, die ich immer schon geliebt habe. Sie klingt nach Magnetic Fields oder The National, und er hat einen starken Akzent. Als ich diesen Song schrieb dachte ich: verdammt, er sollte dabei sein. Er hat's gemacht und das war super." Sie lacht.

Die Medien lieben Phoebe Bridgers. Letztens wurde sie in einem langen Porträt im New Yorker vorgestellt. In dem werden nicht nur ihre Lyrics mit denen von Bob Dylan verglichen, sondern die Autorin des Textes verabredet sich auch mit Bridgers zum Cruisen, videochattet mit der Mutter der Sängerin und riecht an ihrem Urin, um noch jede so feine Duftnote des bridger'schen Exkrements in ihrer wahren Schönheit wiedergeben zu können.

Okay, das mit dem Urin ist übertrieben, aber dicht dran — und nicht nur der New Yorker ergeht sich in Fandom. Dem Guardian sagte Bridgers, sie sei mit "12 oder 13" sicher gewesen, der nächste Bob Dylan zu sein. Auch Pitchfork feiert jede Veröffentlichung der Sängerin, als wäre Kurt Cobain persönlich auferstanden.

Bridgers singt darüber, was sie fühlt. Mal nix, mal irgendwas. Aber sie fühlt immer

Das ist dann wiederum wirklich übertrieben. "Kyoto", die erste Single, klingt wie netter 08/15-College-Rock. Bridgers Stimme kippt gelegentlich ins Knödelige. Dieses angestrengte, leicht tremolierende Pressen, mit dem deutscher Befindlichkeitsretortenpop üblicherweise vorgetragen wird, und das immer ein bisschen wirkt, als hätten die Sänger emotionale Verstopfung. Auf dem letzten Song, "I Know The End", schreit sie rum. Deshalb also Kurt Cobain.

"Ich durchlaufe Phasen", sagt die Sängerin, "Wenn ich einen Song fertig habe, ist das mein liebster Song. Aber ich bin ziemlich scharf darauf, dass Leute "I Know The End" hören. Es hat so viel Spaß gemacht, den aufzunehmen, und es macht so abartig viel Spaß, ihn live zu spielen. Ich wollte einfach schon die ganze Zeit, dass Leute ihn hören und denken, dass er witzig ist."

Mittlerweile gilt ja alles, wo eine emo klingende, angezerrte Gitarre drin vorkommt, als Grunge-inspiriert. Aber die Assoziation verfehlt das Wesen von Grunge. Der war vor allem roh, nicht so überladen, nicht so eingängig. Bridgers Songs beruhen zumeist auf den typischen Pophymnenkadenzen, alles auf "Punisher" klingt deep und überlebensgroß. Die Kunst dabei ist, die Apotheose des Moments, des großen Gefühls nicht als Routine abzuspulen, sondern immer wieder zu beglaubigen. An die banale, abgefuckte Welt rückzubinden, aus der sie kommt. Dafür können Kleinigkeiten sorgen, ein Verstärkerbrummen, ein falscher Ton, eine unerhörte Rekombination von Popfloskeln.

Bridgers gibt sich auf dem Album einem permanenten, ungebrochenen Empfindsamkeitsgestus hin. Sie singt darüber, was sie fühlt. Mal nix, mal irgendwas. Aber sie fühlt immer. Gut für sie. Als ihre erste Band, Sloppy Jane, 2014 zu einem iPhone Werbespot eingeladen wurde, weigerte sich ihre Bandkollegin Haley Dahl. Phoebe Bridgers nahm den Deal an und arbeitete danach unter anderem mit Taco Bell zusammen. Besonders widerständig gegen Commercials klingt ihre Musik auch heute nicht. Müsste dann nur Werbung für irgendwas mit Gefühl sein. Beispielsweise . . . Taschentücher?

© SZ vom 20.06.2020
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