Lichtspiele "Im Kino gewesen. Geweint."

In der neuen, umgeschriebenen Ausgabe seines Buches "Kafka geht ins Kino" erkundet Hanns Zischler, wie die Erfahrung des Stummfilms im frühen zwanzigsten Jahrhundert das Schreiben verwandelte.

Von Fritz Göttler

Am Ende war auch Kafka wohl ein sentimentaler Hund. Hat ein paar Tränen geweint im Prager Kino, verschämt, bei den Straßenszenen aus Berlin, wo seine Verlobte Felice gerade lebte. "So sehe ich Kafka noch vor mir", erinnerte sich Willy Haas: "das Gesicht abgekehrt, damit keiner von uns ihn beobachtete, sich mit dem Handrücken die Tränen wischend ..." Kafka war ein Naiver, wenn's ums Kino ging, das heißt, er ging oft mit Frauen in die Filme oder versuchte Frauen in Filme zu schicken, die sie unbedingt sehen sollten, die eigenen und die der Freunde, Elsa Taussig zum Beispiel, die Verlobte seines besten Freundes Max Brod, aber auch Zufallsbegegnungen oder Bekanntschaften auf den Reisen mit Max.

In seinem unerschöpflichen Buch "Kafka geht ins Kino" erzählt Hanns Zischler von all diesen Avancen und Abenteuern. Gern gehen die Frauen auf den Straßen und in den Eisenbahncoupés die merkwürdigsten Verbindungen ein mit denen, die Kafka von den Leinwänden erinnert. Das Fräulein Rehberger zum Beispiel, das auf einem Bildungstrip in Pilsen zu Kafka und Brod stößt, mit ihnen eine nächtliche Autofahrt durch München riskiert und sofort zur Vorlage für eine Figur in einem Roman umfunktioniert wird, den die zwei gemeinsam schreiben wollen, der aber nicht über das erste Kapitel hinausgekommen ist. Was Fräulein Rehberger für ihre Romanrolle prädestinierte? Dass sie Kafka an die Heldin des Films "Die weiße Sklavin" erinnert, die naiv ins Prostitutionsgeschäft stolpert; an die Szene, in der diese aus einem Bahnhof kommt und zu einem wartenden Wagen geht und von zwei Männern in diesen gedrängt wird, wie Fräulein Rehberger in München von den zwei Jungreisenden ins Münchner Taxi.

Es ist ein Schreiben aus dem Kino heraus

Hanns Zischler schildert diese Projektion in lustvoller Ausführlichkeit, drei Sekunden dauert die Szene in der erhaltenen Kopie des Films, und es sind auch keine Häscher am Werk, die junge Frau steigt gelassen in das Auto, und genauso gelassen gehen einfach zwei Passanten an ihr vorbei.

Ob das gut ausgeht? Zwei Zuhälter verschleppen in "Die weiße Sklavin" die Heldin des Films (Mitte) in ein Bordell.

(Foto: Filmmuseum München)

"Die weiße Sklavin" ist durch diese private Räuberpistole Teil von Kafkas Figurenarsenal geworden, dessen Frauen durch ihre Unnahbarkeit und die Bedeutungslosigkeit ihrer Motivationen immer an Figuren des Stummfilms erinnern. Was im Kleinbürgertum von Femmes fatales übrig blieb. Kafka nutzte den Materialwert des Kinos, und Hanns Zischler folgt ihm dabei. Es ist ein Schreiben nicht über das Kino, sondern aus dem Kino heraus.

Legendär geworden ist der Tagebucheintrag vom 20. November 1913: "Im Kino gewesen. Geweint. 'Lolotte'. Der gute Pfarrer. Das kleine Fahrrad. Die Versöhnung der Eltern. Maßlose Unterhaltung. Vorher trauriger Film 'Das Unglück im Dock', nachher lustiger 'Endlich allein'. Bin ganz leer und sinnlos, die vorüberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn."

1983 hat Hanns Zischler zum ersten Mal den Kinogänger Kafka vorgestellt in einem Aufsatz im Freibeuter (16/1996) kam dann der Bildessayband "Kafka geht ins Kino", der nun in einer neuen Ausgabe wieder erschienen ist, ergänzt, revidiert, korrigiert, umgeschrieben, neu montiert. Manchmal sieht es aus, als sei kein Stein auf dem anderen geblieben, als solle kein Stein allzu lang auf dem andern bleiben. Es ist eine Menge Material dazugekommen. Das neue Buch ist reicher und schwerer, manchmal auch schwerfälliger. Auf einer DVD (gestaltet in Zusammenarbeit mit dem Münchner Filmmuseum) kann man sich nun "Die weiße Sklavin" anschauen sowie ein halbes Dutzend weiterer Filme.

Diese Filme können natürlich nicht das letzte Wort haben, die meisten sind sowieso heute verschwunden. Die oben zitierte Passage von der maßlosen Unterhaltung liest Hanns Zischler Wort für Wort, stellt Filmstills, Plakate, Inhaltsangaben, Starporträts, Filmkritiken dazu. Das Manko ist dadurch ungeheuer inspirierend geworden. Das Buch ist ein Wunderwerk der Komposition des Akzidentiellen. Seine Leichtigkeit verdankt sich dem neuen Blick auf Kunst, Kultur, Gesellschaft, den in den Siebzigern Strukturalismus und Postmoderne generierten. Auch Kafka, der bis dahin unermüdlich durchinterpretiert worden war, profitierte davon. Man begann, die Romane und Geschichten zur Seite zu schieben und die Tagebücher zu lesen. Man entdeckte Kafka, den Performer, und es brauchte einen Performer, um diese Entdeckung an die Leser weiterzugeben, den Schauspieler, Filmemacher, Forscher, Verleger Hanns Zischler.

Am Kinogänger Kafka studierte er, wie das stumme, krude, populäre Kino das moderne Schreiben radikal verwandelt hat. Die Schreiber und Autoren mussten sich umstellen, erhielten neue Aufgaben. Sie glichen zum Beispiel den Prager Brüdern Ponrepo, die 1907 im Haus "Zum Blauen Hecht" in der Karlsgasse 180 ihr frühes Kino etablierten. Wo sie selbst als Erklärer oder Rezitatoren der Filme auftraten. "Sie waren selbsternannte Souffleure der Schauspieler - oder Versteller, wie es im Jiddischen heißt -, die auf der Leinwand zu sehen waren. Sie waren bestellt, die im Bild schlummernden Affekte durch ihre 'Performance' erst richtig zur Geltung zu bringen." So hat es Kafka gemacht in seinen Texten, so wird es Hanns Zischler machen, wenn er sein Kafka-Buch diese Woche im Münchner Filmmuseum vorstellt.

Hanns Zischler: Kafka geht ins Kino. Galiani Verlag, Berlin 2017. Mit DVD. 216 Seiten, 39,90 Euro.