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"Licht und Schatten":Gut im Kino sitzen

Das "Kinotagebuch" des Romanisten Victor Klemperer berichtet vom Siegeszug des Tonfilms, der NS-Propaganda und dem Alltag der Verfolgung. Klemperer verband die Weite des Blicks, strenge Urteile und Begeisterungsfähigkeit.

Von Jens Bisky

Im Mai 1940 wurden Eva und Victor Klemperer aus ihrem Haus im Dresdner Stadtteil Dölzschen vertrieben und in ein "Judenhaus" in der Caspar-David-Friedrich-Straße zwangsumgesiedelt. Der 59-jährige Romanist räumte seine Bibliothek aus, verbrannte Manuskripte, das Wenigste konnte er mitnehmen. Wichtig war ihm, was er für die Arbeit an seinen Erinnerungen brauchte. Aufheben wollte er die Hefte des seit 1924 im Ullstein-Verlag erschienenen Magazins Uhu. Sie seien "nicht nur hübsch, es ist ein Hauch freier Zeit in ihnen, eine Art Dix-huitième-Stimmung". Und bewahrt werden sollten unbedingt "die großen Kinoprogramme mit ihren amüsanten Bildern".

Klemperer war ein begeisterter Kinogänger, er hatte schon 1912 die "Kintopographie" Berlins beschrieben und den Film als "ein freudiges Spielen mit den Erscheinungen des Lebens" gefeiert. Skeptisch war er, ob der Tonfilm das Lichtspiel nicht um seinen Reiz bringen würde. Ende 1938 wurde ihm wie allen Juden der Besuch von Kinos verboten. Das Verbot war eines in einer langen Reihe von Maßnahmen, die eine schikanierte, terrorisierte Randgruppe schufen, die Juden der Bürgerrechte beraubten, sie zum Objekt der Willkür erniedrigten, ihre Ermordung vorbereiteten, sie erst ermöglichten. Victor Klemperers Tagebücher dokumentierten dieses Verbrechen, den Alltag der Verfolgung, des Lebens unter ständiger Todesdrohung.

Die Tagebücher des Philologen sind erst in den Neunzigerjahren veröffentlicht worden, wobei aus Umfangsgründen auf viele Einträge über Filme und Kinobesuche verzichtet wurde. Nele Holdack und Christian Löser haben sie zusammengetragen, sodass wir nachlesen können, welche Filme Klemperer zwischen Juni 1929 und April 1945 gesehen hat und wie er über die Entwicklung der neuen Kunst dachte.

Über zwei kleine Tonfilme notierte er am 9. Juni 1929 unwirsch: "Es klingt noch recht hässlich: das wird sich beseitigen lassen. Aber was sich nicht beseitigen lassen wird, weil es ein immanentes Vitium ist: die Künstlichkeit, das Tote, der ,Ersatz'. ,Panoptikum' sagt E., die auf diese Seite der Sache gleich hinwies u. hinzufügte: hier werde aber wirklich nur künstlicher Theater-Ersatz geboten, während die Film-Kunst sui generis sei." Das Paar war sich in seiner Ablehnung einig, mögen noch so viele sagen, dass dem Tonfilm die Zukunft gehöre, sie fanden ihn scheußlich.

Aber dabei blieb es nicht. Klemperer verband Urteilsstrenge mit Beeindruckbarkeit und hielt daher schon wenige Monate später fest, wie ungemein ihn "der erste große u. durchgeführte Tonfilm" erschüttert habe. Es ging um "Atlantik": "Der Untergang der Titanic ... Zumeist ein Kammerspiel im Salon. Wenige Personen. Etliche wissen oder erfahren, dass es zu Ende geht. Der Zusammenstoß ist ganz diskret erfolgt. Nur dazwischen, nur am Schluss Massenszenen der Verzweiflung, der Panik, des Betens, Ertrinkens. Alles aber ungeheuer ergreifend." Im Film, der nach einem Theaterstück gedreht wurde, überzeugte ihn vor allem das Spiel Fritz Kortners. "Eine ganz große Leistung. Und seine Stimme klingt völlig natürlich. Die Stimmen der andern, besonders weibliche, noch entstellt, wie in einen Topf gesprochen. Gut, die Geräusche des einströmenden Wassers etc. ... Grandios in einer einzigen stummen Szene mit halbverdecktem Gesicht ein ungenannter Heizer. Halb im Wasser stehend; mit verzerrtem Gesicht auf den gekrampften Arm starrend, in dem ein üppiges Weibsbild eingraviert ist."

"Sprache des 3. Reichs: ,Der deutsche Lustspielfilm marschiert.' ", schreibt er 1936

Klemperer beherrscht die Kunst der knappen Charakterisierung. Er versteht es, in wenigen Sätzen die Handlung in der nötigen Deutlichkeit zu beschreiben, auch weil er die dramatischen Vorbilder und dramaturgischen Muster kennt. Der Filmkritiker Knut Elstermann hebt im Vorwort zum "Kinotagebuch" die Urteilskraft des Enthusiasten hervor, der auch von Unterhaltungsfilmen höchste Qualität verlange. Nur wenige der besprochenen Filme sind noch heute gegenwärtig, die meisten vergessen, und dennoch langweilt die Lektüre an keiner Stelle. Das liegt nicht allein an der Deutlichkeit der Urteile - "grässlichstes Kitschspiel der Hintertreppe", "so vollkommen idiotisch, dass wir uns schämten", "wir waren vom ersten bis zum letzten Bild und Ton entzückt" - sondern vor allem am kulturhistorischen, zeitdiagnostischen Interesse Klemperers. Er unterscheidet verschiedene Typen des amerikanischen Humors, fragt nach dem Einfluss des Films auf die Literatur seiner Zeit, notiert Publikumsreaktionen und Zuschauergespräche, Propagandaformeln.

"Sprache des 3. Reichs: ,Der deutsche Lustspielfilm marschiert.'", heißt es am 14. September 1936. In einer Filmzeitung fällt Klemperer "das ungeheure Kriechen vor der Regierung" auf. 1941 muss er eine Haftstrafe verbüßen, acht Tage im Polizeigefängnis, weil ein Fenster nicht verdunkelt war, die Kinoerfahrungen helfen ihm, sich über seine Lage klar zu werden: "Dann war ich allein, und die lauten Stimmen draußen flossen zusammen und ließen sich nicht mehr entwirren. Noch einmal kam mir das Empfinden Kino und dazu die Erinnerung an zahllose Bilder, komische und tragische des Gefangenen in seiner Zelle. Dann überwältigte mich die trostlose Neuigkeit des Ganzen, die triviale Erkenntnis ..., dass wir gar nichts wissen außerhalb des unmittelbar selbst erlebten. (...) Wie konnte ich vorher wissen, was Gefangenschaft, was eine Zelle ist?"

Als am Abend des 13. Februar 1945 Bomben auf Dresden fielen, rettete das Eva und Victor Klemperer das Leben, sie konnten entkommen, rissen den Judenstern von ihrer Kleidung, tauchten unter in der Menge, die sie mehr zu fürchten hatten als die Bomben. In Klotzsche sahen sie wenige Tage nach ihrer Flucht wieder einen Film, einen belanglosen. "Genusssucht" attestierte sich Klemperer, nachdem er und Eva im Juni 1945 nach Dölzschen zurückgekehrt waren: "Noch einmal gut essen, gut trinken, gut Autofahren, gut am Meer sein, gut im Kino sitzen ... ."

Victor Klemperer: Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929-1945. Hrsg. von Nele Holdack und Christian Löser. Mit einem Vorwort von Knut Elstermann. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 363 S., 24 Euro.

© SZ vom 24.11.2020
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