"Libertatia" von Ja, Panik:Aus Guerillakrieg wird Befindlichkeitsstörung

Ein schlimmer Ulk und trotzdem fällt einem hinterher auf: Das war jetzt eigentlich Bowie auf Hartz4. Und ein großer Song. Und noch später weiß man: In diesem fürchterlichen Ungemach des schnell zerfallenden Schaums einer lauwarmen Badewanne liegt die neue Poesie des Herrn Spechtl. Denn die ganze Platte ist so, ist leiser Schaum und Nacktheit. Der Vorgänger war ja ein gewaltiger Dammbruch, eine grandiose Anklage featuring finales Aufbäumen im letzten genialen Stück, das eine Viertelstunde bitter in die Welt schrie. Dieser schöpferische Kraftakt also hatte die Band fast alles gekostet, sogar zwei Mitglieder. Jetzt aber ist nach dem Sturm.

Und jenes Libertatia das heute besungen wird, so erfährt man, ist eigentlich ein besserer Ort aus den Geschichtsbüchern. Ein Utopia, das sich einst Piraten in Madagaskar erdacht hatten. Mit neuen Gesellschaftsregeln und ohne Privatvermögen sollte es gewissermaßen ein Arkadien für geschundene Räuberseelen sein. Verlockend, daraus einen Zusammenhang zu fabrizieren. Die Besatzung einer Band ist auf der letzten Planke dort gestrandet, und komponiert nun am ersten klaren Morgen nach dem Sturm, am ersten Morgen in Libertatia. Post-Apokalypse now!

Ganzheitlich balsamiert

Ruhig und friedlich ist es auf diesem Neuland von Ja, Panik und alles hat weniger Moll. Es gibt auf einmal Harmoniegesänge und sogar ein ganz vergnügliches Saxofon. Die einstigen Wiener Fahrradbolschewiken, sie spielen hier die larmoyanten Pragmatiker, die einfach auch mal Lust aufs Tanzen haben. Hall statt Verzerrer, kein Überkippen, kein Furor, ja noch nicht mal: Rock. Die Produktion bei Tobias Levin, der schon etlichen Wildfängen das erste richtige Studioalbum verpasst hat, fördert diese Entwicklung. So ganzheitlich balsamiert klang der Spechtl noch nie, das gefeiert Rohe der ersten Platten ist hin, hin, hin. Gut, die eine oder andere kleine Fadheit hat sich mit dem Sanftmut auch eingeschlichen, aber am Ende überwiegt doch das Gefühl, großzügig beschenkt worden zu sein.

Die schönste Gabe ist "Eigentlich wissen es alle", ein sanft gepicktes Sechs-Minuten-Stück voll milder Weisheit und großen Zeilen wie: "Im Abseits fangen Topjobs an." Du musst nicht mehr kämpfen sagt es, auch nicht mehr schreien, denn eigentlich wissen alle Bescheid. Was für eine beruhigende Botschaft in einer Welt, in der alle ohne Not ständig auf Senden drücken. Und so ist "Libertatia" ein Album, um gute Freunde in Sicherheit zu wiegen, eine Spieluhrmelodie für die Rastlosen und Prekären in Berlin und Old Europe. Ja, seine deutsch-englische Hybridsprache textet Spechtl weiterhin, aber die Kulisse ist eine andere. Im Nachthemd über die Ruinen. Er ist jetzt auch mal Mick Talbot, Ilja Richter oder gleich der Friedensrichter seiner Generation.

Und wie es sich für ein gutes Utopia gehört, gibt es auch noch ein Manifest, das erklärt, was der Albumtitel alles bedeutet: "LIBERTATIA ist die verlorene Angst in unseren Augen, wenn wir uns nicht mehr wiedererkennen in dem hübschen Pärchen, das an der Bushaltestelle klebt. Wenn wir aufhören Touristen zu sein, zu Hause, im Harz, am Mittelmeer." So setzt sich also die Ideologiekritik der Gruppe fort. Aus der Generalanklage wird Wehmut, aus Guerillakrieg wird Befindlichkeitsstörung. Das Gerücht, diesmal hat es beinahe gestimmt.

© SZ vom 08.02.2014/mkoh
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