Libanon Rafiq al-Hariri ist nicht in die Geschichte des Bürgerkriegs verstrickt

In diesem Punkt unterscheidet sich Rafiq al-Hariri von den meisten Politikern am Kabinettstisch: Er hat nie die Verhaftung, Entführung oder Ermordung politischer Rivalen angeordnet, ist nicht in die Geschichte des Bürgerkriegs verstrickt. Zwar steigt die Staatsverschuldung und sinkt das Wirtschaftswachstum in seiner Zeit als Ministerpräsident, und sein privates Vermögen multipliziert sich um ein Vielfaches, dank der Vermischung seiner politischen und unternehmerischen Interessen, doch für die meisten Libanesen bleibt er eine Ausnahmeerscheinung. Als er 2000 erneut kandidiert, wird er wieder zum Ministerpräsidenten gewählt, doch auch diese Amtszeit endet 2004 mit seinem Rücktritt; erneut ist die Einmischung aus Damaskus der Grund.

Die Taxifahrer, die das St. Georges Hotel passieren, erzählen von der Detonation im Februar 2005. Hier, sagen sie, hier ist sein Konvoi auf die Küstenstraße abgebogen. Wenn sie erzählen, wie der Tatort schnell und ohne Beweisaufnahme geräumt wurde und wer alles von den Plänen gewusst haben muss, dann flüstern sie.

Dort, wo Hariri begraben liegt, einen Steinwurf entfernt von der großen Moschee, hängen Bilder von ihm vor einem Fahnenmeer, das an die Zedernrevolution erinnert, im Zuge derer über eine Million Libanesen den Abzug der syrischen Armee fordern. Nach dreißig Jahren militärischer Präsenz in Libanon und direkter Einflussnahme auf die libanesische Politik zieht Syrien sich drei Monate nach dem Attentat vollständig aus Libanon zurück.

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Gleich an zwei Punkten spitzt sich der Konflikt zwischen den zwei Erzrivalen zu. In Libanon geht es um den Einfluss der Hisbollah, in Jemen um angebliche Waffenlieferungen an Rebellen.

Hariris Tod wird zum Mythos, er selbst zur Schicksalsfigur. Das Verhängnis der Familie wird mit dem der Kennedys verglichen, die Hariris sind überlebensgroß. Im Schatten der Olivenbäume, wo die Erzähler sitzen, wird das Leben der Hariri-Kinder in leuchtende Vokabeln gehüllt: Fünf Söhne und eine Tochter, ein Leben in Wohnpalästen und auf Yachten, Flüge mit der eigenen Flotte, Residenzen in Paris, London, Riad, Wangenküsse mit Königen und Prinzen, ein Wirtschaftsimperium, das sich von Saudi-Arabien ausgehend in die arabische Welt verzweigt. Und in den Garküchen nebenan flimmern die Bilder der Trauernden über die Fernsehschirme, die Familie verkündet, dass Saad, der Zweitälteste, auf den Vater folgen soll.

Zwei Parteienallianzen prägen die Politik von Libanon seit dem Tod Rafiq al-Hariris. Die von seinem Sohn Saad geführte sunnitische Zukunftsbewegung ist die dominante Gruppierung innerhalb eines Bündnisses, das eine antisyrische Haltung auszeichnet, das mit dem Widerstand gegen Assad sympathisiert und von Saudi-Arabien mitfinanziert wird. Ihr gegenüber steht eine Allianz, die von der schiitischen Hisbollah geführt wird, welche Assad unterstützt und mit Iran verbündet ist.

Nach dem Tod seines Vaters stellt sich Saad Hariri nicht sofort als Ministerpräsident zur Wahl. Erst 2009 kandidiert er und wird gewählt. Doch nach nur zwei Jahren zerbricht seine Regierung. Der Grund: Sechs Jahre nach dem Attentat auf seinen Vater kommt das UN-Sondertribunal für Libanon, das für die Aufklärung des Anschlags zuständig ist, zu dem Schluss, dass hochrangige Hisbollah-Mitglieder sowie Politiker der Schutzmacht Syrien an der Verschwörung beteiligt waren. Empört über die Anschuldigungen verlassen die Minister der Hisbollah die Regierung.

Die folgenden Jahre verbringt Saad Hariri hauptsächlich im Ausland, während Libanon politisch gelähmt bleibt. Zwischen 2014 und 2016 scheitern insgesamt fünfundvierzig Versuche, einen Staatspräsidenten zu wählen, während mehr als eine Million Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien ins Land kommen und die Oppositionen sich auf syrischem Boden militärisch gegenüberstehen. Das Hariri-Imperium gerät in Schieflage, der Konzern Saudi Oger taumelt in die Zahlungsunfähigkeit, das Vermögen der Familie schrumpft. Es gibt neue Gerüchte: Angeblich steht Hariri bei saudischen Banken tief in der Kreide, politisch betrachtet hat er kaum noch Unterstützer in Riad, wo man sich mehr um den Einfluss Irans am Golf und in Syrien sorgt als um Libanon.

Um, wie sein Vater, ein zweites Mal in das Amt des Ministerpräsidenten zurückzukehren, geht Hariri 2016 einen Weg, der bei weiten Teilen seiner Anhänger Entsetzen hervorruft. Als Pakt mit dem Teufel bezeichnen sie seinen Entschluss, den prosyrischen und von der Hisbollah unterstützten Präsidentschaftskandidaten Michel Aoun zu billigen, um im Gegenzug als Ministerpräsident ernannt zu werden. Hariri begründet den Schritt offiziell mit der Notwendigkeit, eine Einheitsregierung zu bilden, um das Übergreifen des syrischen Konflikts auf Libanon zu verhindern. Als Demonstranten 2016 die saudische Botschaft in Teheran stürmen und Libanon dies nicht entschieden verurteilt, friert das saudische Königshaus eine Finanzhilfe von vier Milliarden Dollar ein. Hariri, so scheint man es in Riad zu sehen, taugt kaum noch zum Statthalter in Beirut. Am 31. Juli stellt Saudi Oger, der Konzern, auf dem das Hariri-Imperium wirtschaftlich fußt, die Geschäftstätigkeit ein. Im Oktober 2017 schickt die libanesische Regierung als erstes arabisches Land wieder einen Botschafter nach Damaskus. Am 3. November bestellt der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman Hariri nach Riad, wo dieser am nächsten Tag seinen Rücktritt verkündet.

Der Libanon ist nun wieder Schauplatz für den Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran

In den folgenden vierzehn Tagen, in denen Hariri im Königreich bleibt, scheint aus den Gerüchten Gewissheit zu werden. International wird Kritik an der möglichen Einflussnahme Saudi-Arabiens laut. Auch um die Gerüchte, er werde festgehalten, zu zerstreuen, begibt sich Hariri am 18. November auf Einladung Macrons nach Frankreich, dem Land, von dem Libanon 1943 unabhängig wurde. Am Abend vor dem Unabhängigkeitstag, dem 22. November, landet Hariri wieder in Beirut.

Der Schriftsteller Pierre Jarawan: Was wird nun aus Saad?

(Foto: Marvin Ruppert)

Es ist ein Bild mit Symbolkraft, das sich den Fernsehkameras an diesem Tag während der Militärparade im Zentrum der Hauptstadt bietet: Libanons politische Führung demonstriert auf der Tribüne Geschlossenheit, während sich am Zaun gegenüber nur wenige Bürger eingefunden haben. Die Unabhängigkeit ist eine Inszenierung, der die Libanesen selbst nicht glauben. Auch wenn Hariri wenige Stunden später unter dem Jubel seiner Anhänger den Rücktritt vom Rücktritt verkünden wird, ist klar, dass das Land nach einer kurzen Phase der Stabilisierung wieder zum Schauplatz für den Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran geworden ist. Kronprinz Mohammed bin Salman muss Hariris Kehrtwende wie eine Provokation erscheinen.

Am Abend kriecht der Verkehr durch die Stadt, die Taxifahrer hupen und erzählen, der Rafiq-Hariri-Airport ist nicht weit entfernt, doch die Fahrt kann ewig dauern. Sie führt aus dem Zentrum, wo nur wenige Touristen in den Straßen flanieren, vorbei am Campus der American University, und die Taxifahrer erzählen von dem Geld, das sie für ihre Kinder sparen, damit diese ins Ausland gehen und Arbeit finden können, denn hier gibt es kaum welche. Draußen, an den Randbezirken, spielen die Flüchtlingskinder vor Zeltstädten im Staub. Was passiert jetzt, werden die Fahrer gefragt. Was wird aus Saad? Was wird aus den Wahlen im kommenden Jahr? Wieder eine Phase der politischen Lähmung und Unsicherheit? Es dauert ein wenig, bevor sie antworten, vielleicht, weil sie nicht verstehen, wie man so etwas fragen kann: Es ist alles wie immer, oder?

Der Autor ist Schriftsteller und wurde 1985 als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Amman, Jordanien, geboren, nachdem seine Eltern Libanon während des Bürgerkriegs verließen. Sein Roman "Am Ende bleiben die Zedern" ist 2016 im Berlin-Verlag erschienen.

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