Münchner Kammerspiele:Enthält vage Betroffenheit

Lesezeit: 3 min

Münchner Kammerspiele: Kein Trost, eher eine Drohung: Marienerscheinung im Kinderheim.

Kein Trost, eher eine Drohung: Marienerscheinung im Kinderheim.

(Foto: Armin Smailovic)

Liat Fassberg untersucht in ihrem Stück "In the name of" Zwangsadoptionen, die Uraufführung an den Münchner Kammerspielen verliert sich im Inkonkreten.

Von Egbert Tholl

Der Text ist ein grafisches Kunstwerk. Er besteht im Kern aus Wortwolken, deren Bestandteile man für sich ordnen muss. "Vermischen; Schreien; Nacht; aufweckt; sie ihn; bis." Andere sind in sich konkret: "Wir haben dich ausgewählt." Doch den Kontext, den Zusammenhang, den muss man erforschen. Auf den 118 Seiten kleben neben, über und unter den Wolken Post-Its, sind Lexikonartikel abgedruckt, Zeitungsausschnitte, Stoffsammlungen. Senkrecht am Rand steht die Bedienungsanleitung: "Basierend auf der dialogischen Struktur des Talmuds verlangt dieser Text das Zusammenkommen - das gemeinsame Lesen, Kommentieren, Analysieren und Diskutieren." Das Material aus verschiedenen Orten, Zeiten und Perspektiven soll Basis für weitere Auseinandersetzungen bilden. Es geht um Kinder, die in institutionalisierten Zwangsmaßnahmen ihren Eltern weggenommen wurden.

Trotz oder vielleicht auch wegen dieser höchst ungewöhnlichen Struktur hat Liat Fassberg, geboren 1985 in Jerusalem, mit "In the name of" im vergangenen Jahr den Förderpreis für deutschsprachige Dramatik gewonnen, der mit zwei Uraufführungen an den Münchner Kammerspielen verbunden ist. Die erste inszenierte nun Joël-Conrad Hieronymus, Regieassistent am Haus. Seine Umsetzung von "In the name of" ist bestenfalls eine erste Annäherung an den Stoff.

Der beste Teil der Aufführung ist eine Ausstellung, bevor es reingeht

Im Foyer des Werkraums der Kammerspiele befindet sich ein Bar, die wegen Corona schon länger nicht mehr im Betrieb ist. Hier hat die Schauspielerin Wiebke Puls mit Fassbergs überbordendem Material eine beeindruckende Ausstellung eingerichtet. Puls hätte eigentlich auch mitgespielt, wurde aber krank und kurzfristig ersetzt von Lisa Marie Stojčev, einem hypernervösen, irrlichternden Emotionsbündel.

Nun ackert man sich, umwölkt von der Soundinstallation von Max Mahlert, also durch die Akten, Schriften und Fotos, man bräuchte Stunden dafür, die man nicht hat. Man erfährt von Ungeheuerlichkeiten, die man teils weiß, teils nicht, die man ahnte, aber nicht deren Ausmaß. Es geht um Kinder, sehr viele Kinder, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts an bis fast in unsere Zeit ihren Eltern weggenommen wurden. Von Regierungen wie dem Franco-Regime in Spanien oder in der DDR - hier wie dort traf es Oppositionelle, die inhaftiert wurden, ihre Kinder wurden regimetreuen Familien übergeben. Geburts- und Todesurkunden wurden gefälscht, kirchliche Einrichtungen profitierten. Manches lief schief: Eltern, denen die Kinder weggenommen worden waren, erhielten Jahre später Einberufungsbescheide für diese.

Die Zwangsadoptionen summieren sich bis zur Million, und hier fehlen sogar noch Fälle

In Irland gab es die "Magdalen laundries", von Nonnen betriebene Großwäschereien, in denen "gefallene Mädchen" schufteten, ihre Kinder wurden zur Adoption gegeben. 1993 kam das ans Licht, als in Dublin Teile eines Klosters verkauft wurden und Gebeine von 155 Toten entdeckt wurden. In Australien entstand eine "stolen generation" - bis 1960 wurden indigenen Familien die Kinder weggenommen, ein Ethnozid, die Zerstörung der kulturellen Identität. USA, Kanada, Israel - der Nachwuchs von Einwanderern, die nicht in den gesellschaftlichen Mainstream passten, wurde ins herrschende System versetzt, teils schuf man damit billige Arbeitskräfte. Die Zahlen summieren sich bis zur Million, dabei fehlt bei Fassberg noch manches, etwa die Zwangsadoption koreanischer Kinder nach der Besetzung des Landes durch Japan. Auch dies ein Ethnozid, der in einer Produktion des "Spielart"-Theaterfestivals im vergangenen Herbst thematisiert wurde.

Voll, aber nicht voll genug mit Wissenssplittern geht man dann in die Aufführung und trifft dort in einer Rauminstallation von Leonard Mandl auf tolle Schauspielende, die einen emotionalen Abdruck des zuvor Gelesenen vermitteln. Das ist als Spurensuche eine Zeit lang spannend, verliert sich aber zunehmend in einem Geraune von Empfindungen, dessen Bestandteile man kaum noch zuordnen kann. Wo es gelingt, bei spießigen Adoptiveltern, seltsamen pseudomedizinischen Experimenten, einer bedrohlichen Marienerscheinung oder angedeuteten Szenen von Kinderarbeit, ist es sofort aufregend. Doch die Erschütterung über all diese Leben, denen ihre Wurzeln abgeschnitten wurden, durchdringt zunehmend schlechter das Aroma vager Betroffenheit, und Fassbergs grandiose Spurensuche endet im Allgemeinen und Inkonkreten.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusFC-Bayern-Legende Udo Horsmann wird 70
:Kalle Rummenigge - Thomas Bernhard 0:1

Coming of Age beim FC Bayern: Dem Ex-Abwehrspieler und heutigen Literaturfreak Udo Horsmann zum 70. Geburtstag.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB