Liam Gallagher im Gespräch "Die Rebellion ist komplett verschwunden"

Ein Bild aus wilderen Zeiten: In den Neunzigerjahren waren die Brüder Noel (links) und Liam Gallagher den Drogen nicht abgeneigt.

(Foto: ddp images/CAMERA PRESS/David Lo)

Sie waren die größte und wohl zugedröhnteste Rockband der Neunzigerjahre: Ex-Oasis-Sänger Liam Gallagher über Exzesse, seinen Bruder Noel und die Jugend von heute.

Von David Steinitz

Zu den Hochzeiten seiner Band Oasis war Liam Gallagher ein wenig dem Größenwahn verfallen und behauptete standhaft, der Geist von John Lennon sei in seinen Körper gefahren. Früher zertrümmerte er auch jedes Hotelzimmer, das er betrat, aber heute geht er es deutlich ruhiger an. Beim Treffen in Berlin bestellt Gallagher beim Zimmerservice ein Bier, lässt es aber prompt zurückgehen, weil ihm die deutsche Halbliterportion zu groß ist. "Bringen Sie mir ein kleines!".

Der Grund für das Gespräch: die Dokumentation "Oasis: Supersonic", die am 11. November auf DVD erscheint. Der Film ist eine Liebeserklärung an die wilde Britpop-Ära und jene Phase in den Neunzigerjahren, als Oasis die größte und vermutlich auch zugedröhnteste Rocktruppe des Planeten waren - trotz und wegen des ewigen Bruderzwists zwischen Sänger Liam und Songschreiber Noel Gallagher. An dieser Kain-und-Abel-Tragikomödie, an der die Band 2009 endgültig zerbrach, arbeiten die Brüder auch nach der Trennung fleißig weiter. Das aktuelle Lieblingsschimpfwort des 44-jährigen Liam für seinen großen Bruder: "Kartoffel! Dieser Kerl sieht aus wie eine verdammte Kartoffel!".

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere spielten Oasis 1996 in England zwei legendäre Konzerte vor jeweils 125 000 Menschen im Knebworth Park, eins der größten Pop-Ereignisse der Neunziger, die BBC übertrug live, die Fans feierten die Band als die neuen Beatles. Gallagher erinnert sich an diese Zeit allerdings nur verschwommen, wegen der vielen Drogen. "Nicht mal zwei Jahre davor hatten wir vor höchstens zwei Dutzend Besoffener in Pubs und Clubs gespielt, die sich einen Scheiß für uns interessiert haben. Wenn der Erfolg dann so schnell und so heftig kommt, ist das ein verdammter Druck, unter dem du plötzlich stehst. Wenn du vor verdammten 125 000 Leuten gespielt hast, gehst du ja auch nicht um zehn ins Bett und schreibst noch ein bisschen Tagebuch, sondern du gehst feiern. In der Folge erinnere ich mich an nicht besonders viel, aber an einzelne Momente."

"Wir waren alle total drauf. Leider war die ganze Bühnen-Crew auch total drauf."

Die Exzesse gingen so weit, dass die Band bei ihrer ersten Amerika-Tour überhaupt nicht in der Lage war zu spielen: "Wir hatten tagelang nicht geschlafen, wir waren alle total drauf. Leider war die ganze Bühnen-Crew auch total drauf, inklusive dem Typen, der uns die Setlisten auf die Bühne geklebt hat. Da standen nämlich bei jedem von uns andere Songs drauf. Also haben wir angefangen zu spielen, aber leider unterschiedliche Songs gleichzeitig, was wir nicht sofort gemerkt haben."

Ob sich der Riesenerfolg von Oasis heute nochmal wiederholen ließe, bezweifelt Gallagher. Die Menschen würden sowieso nur noch daheim hocken und Kochsendungen anschauen und wenn sie doch mal auf ein Konzert gingen, seien sie nur mit ihren Handykameras beschäftigt, niemand würde mehr tanzen, mitsingen oder ein Bier trinken. Außerdem, sagt Gallagher: "Die Grundidee des Rock'n'Roll, die Rebellion, das ist ja komplett verschwunden. Heute kaufen die Eltern ihren Kindern freiwillig eine Gitarre, damit sie sich hübsch entwickeln und ein Instrument zu lernen gehört wohl automatisch dazu. Wenn du früher eine Gitarre haben wolltest, hieß es, nix da, du gehst mal schön zum Militär und schneidest dir die Haare, Freundchen."

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