Lewitscharoff über künstliche Befruchtung "Ich übertreibe, das ist klar, ich übertreibe"

Die neuen Optionen, durch künstliche Befruchtung oder die Hinzunahme fremder Keimzellen Kinder zu zeugen und Familien zu gründen, fallen also genau in diese Phase hoher sozialer Labilität. Was seither geschieht, die reproduktionsmedizinisch hergestellte Elternschaft von Menschen, die als unfruchtbar galten, später auch von älteren Frauen, Alleinstehenden und gleichgeschlechtlichen Paaren, mag zwar Sibylle Lewitscharoffs politisch oder religiös überlieferte Vorstellungen des Gebildes "Familie" verletzen. In erster Linie eröffnet die Entwicklung aber einem Personenkreis Zugang zu diesem Lebensmodell, der zuvor aus gesundheitlichen oder biologischen Gründen ausgeschlossen war. Ein Kind zu bekommen ist in diesen Fällen keine Selbstverständlichkeit mehr, kein zufälliger oder zwangsläufiger Effekt sexueller Aktivität (auch kein Ergebnis "ehelicher Pflicht"), sondern das Ziel eines langgehegten Wunsches.

Es ist konsequent, dass die Anklage der Schriftstellerin schließlich in der Zeit des Nationalsozialismus mündet. "Mit Verlaub", sagt sie, "angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden, blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe, das ist klar, ich übertreibe." Wie so oft in dieser irritierenden Rede übertönt der weltanschauliche Furor die tatsächlichen Gegebenheiten.

Denn die künstliche Befruchtung, daran lassen die historischen Dokumente keinen Zweifel, wurde von den Nationalsozialisten schroff abgelehnt. Dieser Befund ist zwar überraschend, wenn man bedenkt, dass "Rassenhygiene" und "negative Eugenik" in Form von Zwangssterilisationen oder der "Vernichtung unwerten Lebens" die wissenschaftliche Legitimation der NS-Exzesse bildeten. Doch die "positive Eugenik" der Samenspenden hatte in dieser Ideologie, die ohnehin als unberechenbares Konglomerat von Archaik und Hochmoderne, Biederkeit und Ausschweifung erscheint, keinen Platz.

Goebbels schreibt in seinem Tagebuch am 9. 11.43 über die "künstliche Zeugungshilfe": "Ich halte dieses Verfahren für gänzlich undurchführbar. Das fehlte uns noch, dass ausgerechnet jetzt ein so kitzliges Thema angeschnitten würde." Und Ernst Grawitz, "Reichsarzt SS", schreibt in einer "grundsätzlichen Stellungnahme" zur Frage der Samenspende beim Menschen im Jahr 1940: "Die künstliche Befruchtung lehne ich als Nationalsozialist und deutscher Arzt schärfstens ab. Wer wagt zu behaupten, daß die körperliche Vereinigung von Mann und Weib völlig ohne Einfluß auf die Gestaltung des zukünftigen Geschöpfes bleibt. Je länger ich über die hier angerührten Fragen nachdenke, umso mehr schüttelt mich das Entsetzen vor diesem wahrhaft verbrecherischen Eingriff in ein heiliges, nur der Natur und ihrem Wirken vorbehaltenes Handeln."

Es gehört zum Verhängnisvollen solcher Polemiken, dass ihre Verfasser oft nicht wissen, in welchen historischen Allianzen sie sich bewegen.