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Letztes Album von M.I.A.:In einer gerechteren Welt wäre M.I.A. ein Weltstar

Die Message ist die Message: die Beinahe-Ikone M.I.A. veröffentlicht ihr (vielleicht) letztes Album.

(Foto: Viviane Sassen; Bearbeitung SZ.de)

Weil die Welt aber nicht gerecht ist, hört sie nun auf - mit einem letzten, chaotischen, famosen Album.

Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer wöchentlichen Musik-Kolumne.

Kendrick Lamar gibt Unterricht in schwarzer amerikanischer Geschichte, Beyoncé inszeniert ganze Filme über die vergessenen Frauen der USA, Frank Ocean verfasst rührende Blogeinträge über das Massaker von Orlando. Wut auf Polizeigewalt ist das neue Bling-Bling, Haltung ist das neue Alleinstellungsmerkmal im Musikbusiness. Aber ist es wirklich so ein heroischer Akt, wenn Beyoncé in Black-Panther-Formation über den Superbowl-Rasen marschiert?

Nein, sagt M.I.A. - und bekommt Ärger. Nun ist die britische Rapperin mit tamilischen Wurzeln schon seit ihrem Debüt "Arular" aus dem Jahr 2005 ein sehr ungemütlicher Star. Mathangi Arulpragasam, so ihr bürgerlicher Name, politisiert und provoziert. Kürzlich kritisierte sie in einem Interview die Scheinheiligkeit der Pop-Granden. "Black Lives Matter" sei ein altes und wenig tabuisiertes Thema, sagte M.I.A. da. Über Muslime oder Syrier zu sprechen, das trauten sich jedoch weder Beyoncé noch Kendrick. Das Londoner Afropunk-Festival entzog ihr daraufhin den Headliner-Spot.

Vier Alben und mehr als zehn Jahre lang waren M.I.A. und ihre global gedachten Grenzgänger-Produktionen die ungezähmten Widerspenstigen des Pop, das gute Fair-Trade-Gewissen auf den Tanzflächen des Spätkapitalismus. Während das Koks auf den Toiletten den südamerikanischen Drogenkrieg befeuerte, konnte man sich zu "Paper Planes" oder "Bad Girls" die Schuld der privilegierten Geburt von der Seele tanzen. Das ist jetzt vorbei. M.I.A. gibt auf. Ihr fünftes Album, "A.I.M." (Interscope), soll ihr letztes sein.

Das Flüchtlingskind M.I.A. singt für die Geflüchteten der Welt

Und was für ein Album das ist! Ein Wuselwerk von schönstem Pop-Optimismus. Einerseits. Andererseits aber auch die bedingungslose Kapitulation der Stimmlosen und Nichtgehörten. "We representing peeps/ They don't play us on the FM", heißt es im ersten Song "Borders". Sie spielen uns nicht im Radio. Uns, die Außenseiter. Uns, die Flüchtlingskinder. Aber das sollten sie. Am besten gleich das ganze chaotische Album. Verunglückte Produktionsexperimente stehen auf "A.I.M." neben federleichtem Flatterpop, Bhangra-Schnipsel neben Skrillex-Beats. Das Flüchtlingskind Mathangi Arulpragasam singt für die Geflüchteten der Welt.

Es geht um Smartphones und Grenzpatrouillen, um Calais und Drohnenkrieg. "Borders" rüttelt an den realen und imaginären Zäunen der Einwanderungsgesellschaft: "Your Values? What's up with that?" Ja, was ist eigentlich mit diesen Werten, von denen wir immer sprechen? Und "Jump In" erzählt mit zerstückelter Stimme von der Flucht. Hat es wirklich so lange gedauert, bis diese Thematik im Pop angekommen ist? Ja, hat es.

In einer gerechteren Welt wäre M.I.A. ein Weltstar. Aber die Welt ist nicht gerecht. Und M.I.A. ist und bleibt eine Beinahe-Ikone. "Ich hätte die tamilische Oprah Winfrey werden können", sagte sie in einem Interview. Für den Superstar-Status hat es in den USA nie gereicht. Zu fremd, zu anders, zu eigenwillig für den ganz großen Erfolg. Bei ihrem Superbowl-Auftritt mit Madonna, dem wohl größten Gig ihrer Karriere, zeigte sie einer Kamera den ausgestreckten Mittelfinger. Das war - anders als Beyoncés Baseballschläger-Schwung bei den VMAs - nicht geplant. Und deshalb nicht okay. Es gab Ärger mit der NFL. Im Video zu "Borders" trägt sie ein Fußballtrikot, auf dem sie das Sponsoren-Logo einer arabischen Fluggesellschaft in "Fly Pirates" geändert hat. Es gab Ärger mit Paris Saint-Germain.

M.I.A. brachte das Erbe des britischen Punks in die durchgetaktete Welt des Hochleistungs-Pop. Es ist ihr Wille zum Scheitern, der sie von den großen Diven Beyoncé, Rihanna oder Lady Gaga unterscheidet. Während die Niederlage bei Queen B im strengen Business-Plan gar nicht erst vorgesehen ist, steckt sie bei M.I.A. in jeder Bewegung. Man schaue sich nur eines ihrer vielen berüchtigten Musikvideos an: "Bad Girls" zum Beispiel. Während der Pop-Eklektizismus eine globale Sprache zwischen Niqab und Goldkette findet, wippt M.I.A. selbst herrlich unbeholfen vor den Wüsten-BMWs herum. Ein Hüftschwung hier, ein Hüftschwung da, Hände hoch, Hände runter. Die Message ist die Message, nicht die Inszenierung.

Die Sache mit dem letzten Album mag ein PR-Stunt sein. "A.I.M." aber ist - letzte Worte hin oder her - das Statement eines großen Freigeistes. Mit einem Schuss beginnt "Finally", ein Selbstzitat aus "Paper Planes", M.I.A.s größtem Hit. "I'm free and I'm a freak", singt sie. Egal, was die Hater sagen, ich gehe weiter auf das zu, was vor mir liegt. So glücklich klang M.I.A. in ihrer ganzen Karriere nicht. Weshalb es zum Abschiedssong "Survivor" auch keinen Mittelfinger gibt, sondern wolkenfreien Kitsch-Pop mit Synthie-Streichern: "Men are good, men are bad and the war is never over." Noch nie klang Kapitulation so versöhnlich.

© SZ.de/cag/jobr

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