Letzter Zeuge aus dem Führerbunker Für Hitler am Telefon

Rochus Misch war für Hitler als Telefonist, Kurier und Leibwächter im Einsatz. In seinem Bestseller erinnert er sich zurück. Und zwar ruhig und sachlich.

Von Stephan Speicher

Seit Erscheinen im Juli dieses Jahres steht "Der letzte Zeuge. Ich war Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter" von Rochus Misch auf den Bestsellerlisten, mehr als 50000 Exemplare sind verkauft.

Der letzte lebende Zeuge aus dem Führerbunker: Rochus Misch, Jahrgang 1917.

(Foto: Foto: ap)

Ein gründliches, scharfsinniges Werk ist es nicht, keines, das Neues über den Nationalsozialismus zu berichten hätte, auch nicht gerade packend geschrieben. Was mag seinen Erfolg ausmachen? Prominenz des Autors kommt ihm kaum zur Hilfe. Geboren 1917, seit 1937 bei der SS-Verfügungstruppe, gehörte Misch von 1940 bis 1945 zum Begleitkommando des "Führers".

Den letzten Zeugen darf er sich nennen, weil unter denen, die im Führerbunker die letzten Tage Hitlers und des Nationalsozialismus teilten, keiner mehr am Leben ist außer ihm. Ein solcher Mann hat einiges gesehen. Und trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass seine Erinnerungen schon als Kontaktreliquie so gut gehen.

Oft berichtet und doch nicht trivial

Zwei Jahre zuvor hatte sich Bernd Freytag von Loringhoven in gleicher Sache zu Wort gemeldet: "Mit Hitler im Bunker" (wjs Verlag). Von einem Verkaufserfolg konnte hier nicht im entferntesten die Rede sein. "Mit Hitler im Bunker" war auch kein großer Wurf, zumal der Autor das, was er zu sagen hatte, schon in einer Vielzahl von Interviews gesagt hatte.

Aber manches war dann doch aufschlussreich, etwa Hitlers Widerwille gegen Vieraugengespräche - er fürchtete, sich bei solchen Gelegenheiten zu Zugeständnissen drängen zu lassen. Und bemerkenswert auch die Beschreibung, wie Hitler immer wieder hochrangige Offiziere für seine Pläne gewann: "Wer in der Absicht kam, Hitler die katastrophale Lage an der Front klarzumachen, verließ ihn meist als Bekehrter der vom Führer eines Besseren belehrt worden war. Kehrten die Offiziere dann aber zu ihrer Einheit zurück, so stellten sie fest, das sie nichts von dem erreicht hatten, was die Truppen angesichts der militärischen Lage brauchten."

Das ist schon oft berichtet worden und doch nicht trivial. Es beschäftigt uns wie jede Sache, die trotz vielfacher Vergegenwärtigung unerklärlich bleibt. Und ist es nicht unerklärlich, dass die Generäle, der gesellschaftlichen Elite entstammend, in ihrem Fach vorzüglich ausgebildet, unter dem Druck der Front-Erfahrungen stehend, dennoch Hitler moralisch wie geistig nichts entgegenzuhalten hatten?

Das sind Eindrücke, über die Rochus Misch nicht verfügt. Freytag von Loringhoven war seit Juli 1944 Adjutant des Generalstabschefs Heinz Guderian, in dieser Eigenschaft regelmäßig Teilnehmer der Lagebesprechungen und Gesprächspartner wichtiger Männer. Misch verrichtete Hilfsdienste einfacher Art. Als Kurier, Leibwächter oder Telefonist bekam er nicht viel mit.

Gelegenheit, Hitler in Entscheidungssituationen zu erleben, hatte er nicht, Bekenntnisse wurden ihm gegenüber nicht gemacht. Er gehörte zum Begleitkommando, mal in Berlin, mal auf dem Obersalzberg oder in der Wolfschanze. Immer in der Nähe, nie dabei. Er kann erzählen, wie Hitlers Wohnung möbliert war, wie gekocht wurde und dass die Sicherheitsvorkehrungen lässig gehandhabt wurden. Mehr nicht. Was kann da interessieren?

Der freundliche Chef

Misch malt ein freundliches Bild von Hitler als dem "Chef": "ein normaler, ein einfacher Mann, der einfachste Mensch, den ich kannte". Wohl hatte seine Umgebung immer "ein bisschen Angst", nicht aber das Gefühl, bei einem Versehen sofort scharf bestraft zu werden. Und fürsorglich sei Hitler gewesen.

Als der den Eindruck hatte, es gehe Misch nicht gut, schickte er ihn erst zu seinem Leibarzt und dann zur Kur nach Karlsbad. Es ist eine wohlwollende Welt, die den SS-Mann Misch birgt. Selbst als ein Nennonkel, Gewerkschafter und SPD-Mitglied, ins KZ deportiert wird, bedeutet das kein unlösbares Problem. Mit einer Intervention bei SS-Obergruppenführer Wolff holt ihn Misch wieder heraus.

Das mag alles so gewesen sein. Aber ist das interessant? Dass die völlige moralische Fühllosigkeit Hitlers einherging mit Nachsicht und Fürsorge gegenüber der engeren Umgebung, das verrät etwas über die Psychologie absoluter Macht. Zur Frage aber "Wie war es möglich?" trägt das nichts bei. Deshalb ist "Der letzte Zeuge" über weite Strecken regelrecht langweilig. Was nur finden seine Leser daran?

Ist Misch eine Figur wie Heinrich Manns Untertan? Der Verleger Christian Strasser hat das behauptet, aber plausibel ist es nicht. Diederich Heßling, die Titelfigur in Manns Roman, ist begeistert von Kaiser, Reich und Untertanen-Dasein, begeistert bis zur Raserei. Misch ist kühl. Er kommt durch Zufall in Hitlers Nähe und sieht die Vorzüge: ausgezeichnete Bezahlung und ruhiger Dienst. Politik ist ihm gleich, Hitler-Reden zu hören reizt ihn nicht, der Taumel der Massen stößt ihn ab.

Er ist ein guter Sportler und passionierter Techniker, er lebt für sich und die eigenen Belange. Gut aussehend, mit Anziehungskraft auf Frauen begabt, ein, wie er selbst es ausdrückt, "gewöhnlicher Mann" in privilegierter Lage. Diese Lage will er sich erhalten, er hat Gründe, seinen Pflichten mit Akkuratesse nachzukommen. Bloß nicht wieder an die Front. Soldatische Bewährung oder auch nur Beförderung sind ihm Störung. Misch ist Mann Hitlers, aber völlig unheldisch.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum es nicht verwundert, dass Misch von Deportationen nichts gewusst haben soll.