Lesung Die Wut und die Sprache

Der Liedermacher Hans Söllner stellt zusammen mit dem Journalisten Christian Seiler im Volkstheater seine Biografie "Freiheit muss wehtun. Mein Leben" vor

Von Christian Jooss-Bernau

Wer mit Hans Söllner ein Interview führt, setzt sich einem performativen Gedankenstrom aus, der einen ordentlich durchstrudelt und nach einer Weile an einem ganz anderen Ort wieder freigibt. "Freiheit muss weh tun. Mein Leben" heißt Söllners Autobiografie. Aufgeschrieben wurde sie von dem österreichischen Journalisten und Autor Christian Seiler, der schon André Heller die Lebensbeichte abgenommen hat. Im Internet findet man Videos, die Impressionen von diesem Vorgang liefern. Söllner also an einem Tisch sitzend, Geschichten aufhäufend, Anekdoten auspackend, mit denen er genauso mühelos einen Bühnenabend bestreiten könnte. Und da ist der andere, irgendwie auf dem Stuhl hinter seinem Laptop halb liegend, tippend, nachfragend, aber auf witzige Art chancenlos gegen den Wortstrom.

Christian Seiler ist es dann doch gelungen, das Ganze chronologisch zu sortieren und daraus ein rhythmisches Buch mit dem Off-Beat großer Gags zu machen. Beispielsweise dem, wie Söllner dem schnöseligen Autoverkäufer das Geld für seinen Mercedes gibt: bar, in kleinen Scheinen und ordentlich durchgemischt in zwei Plastiktüten. Oder dem, wie sie mal wieder sein Haus durchsuchen, Söllner den Beamten seinen kaputten Computer mitgibt und ihn repariert zurückbekommt. Die große Sprachleistung aber ist: Der Text ist auf Hochdeutsch und doch sitzt man Söllner gegenüber, weil Seiler dessen Sprachduktus erhält. Der Einstieg: "Ich war kein Kind, auf das jemand gewartet hat. Das ist ungefähr das Einzige, was ich mit meinen beiden Brüdern und meiner Schwester gemeinsam habe: Auf die hat auch keiner gewartet." Das liest sich wie der Anfang eines Romans, der schon vieles umfasst, was den Künstler ausmacht: der Blick auf Zustände, die grimmige Komik und die Kraft, sich mittels Sprache aus dem Sumpf dieser ewigen Zustände zu ziehen.

Hans Söllners Biografie ist nichts für Selbsterfahrungsesoteriker. In dieser Kindheit in Weißenbach mit dem trinkenden Vater, einem Schlosser, und der depressiven Mutter ist nichts lieblich: "Unser Alltag war ordinär, primitiv und grausig." Man ahnt, dass hier vieles ungesagt bleibt, Dinge, die sich nie ganz auflösen werden, bis zum einsamen Tod des Vaters und dem Verlöschen der Mutter. Es gibt sie, die unbeantwortete Frage, ob das alles hätte ganz anders kommen können. Später wird Söllner Bilder seines Vaters finden, als der 1966 auf Montage in Afrika war. Neben ihm sieht er immer dasselbe schwarze Mädchen.

Söllners erste Gage, damals im Robinson in der Dreimühlenstraße, waren ein Teller Schinkennudeln und ein Cola. Der Auftritt, eher eine Katastrophe. Aber Söllner schafft sich auf die Bühne, diese Kanzel, auf der man sprechen kann, während die unten zuhören. Es ist der 14. September 1989, als dann der erste Prozess beginnt, recht programmatisch überschrieben mit "Freistaat Bayern gegen Johann Michael Söllner". Den Strauß hatte er einen "dreckigen Faschisten" geheißen. "Der Strauß war gerade erst gestorben. Aber Zeit dafür, den Strafantrag gegen mich zu unterschreiben, hat er noch gehabt", sagt Söllner über Peter Gauweiler, seinerzeit Bayerischer Innenminister. Den Popanz als Deppen dastehen zu lassen, das ist Performance-Kunst, die keinem gefällt, der glaubt, dass er Macht hat. Insgesamt zahlt Söllner dafür über die Jahre einen hohen sechsstelligen Betrag. Auch ein gut verdienender Künstler kommt da an seine Grenzen.

Aber die lange Söllnersche Prozess-Geschichte ist in der Zusammenschau noch so aktuell wie damals. Zeitlos die Frage, wo die Kunstfreiheit endet, ob ein Sänger, der immer auch aus einer Rolle spricht, für diese Beleidigungen haftbar gemacht werden kann. Dass sie ihn die Sau von Reichenhall genannt haben, hatte seinen Grund. Aber eigentlich ist da einer, der nur auf Schweinereien mit schweinischer Sprache reagiert, weil er ein Gewissen hat. Dass er mal ein Fahrrad geklaut hat, ist ihm Jahre später noch unangenehm. Also heftete er ein Kuvert mit 1000 Mark an die Briefkastenanlage des inkriminierten Hauses.

Söllners Biografie ist auch ein Entwicklungsroman von einem, der eine Kochlehre macht, weil er dann endlich ein eigenes Zimmer hat. Im Deutschen Haus in Reichenhall ist es, da lässt ihn der Chefkoch 60 Liter Fleischbrühe aufsetzen. Fleisch, Zwiebeln, Lauch - Söllner macht, was er gelernt hat und erntet einen Wutanfall, weil er stattdessen die billige Instantbrühe hätte nehmen sollen. Das Ende des Kochs Söllner kommt mit seinen Sätzen: "Ich hab nicht drei Jahre Koch gelernt, damit ich hier eine Packerlsuppe heiß mach'. Leck' mich am Arsch." Diese Episode ist entscheidend für den späteren Künstler, bis heute: "Ich begriff, dass ich immer die Macht habe, mich zu wehren, wenn mir etwas gegen den Strich geht. Ich begriff, dass ich selbst Schluss machen kann."

Hans Söllner erzählt, Montag, 19. Oktober, 20 Uhr, Volkstheater