Lesung an den Kammerspielen:Mit ihren eigenen Worten

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In München wurden 2000 Menschen bei Krankenmorden durch Nazis getötet. Ein Theaterprojekt verleiht Opfern eine Stimme

Von Susanne Hermanski

Es gibt Texte, die zerreißen dem Leser das Herz. "Liebe Mutter! Da ich von hier fort muss und nicht weiß wo hin, will ich Euch die letzten Zeilen schreiben. Es ist hart für mich. Ich sage allen herzlichen Dank und auf Wiedersehen, wenn nicht in dieser Welt, dann hoffentlich im Himmel! Es grüßt Euch herzlich Euer dankbarer Sohn". Das schreibt der 24-jährige Münchner Johann Ascheneller am 19. Juni 1941 in seinem Abschiedsbrief, einen Tag vor seiner Deportation aus Haar in eine Tötungsanstalt. Das Wort "hoffentlich" in den holpernden Buchstaben der Schreibmaschine hat er unterstrichen.

Johann Aschenellers Leidensgefährtin, die Schauspielerin Emmy Rowohlt schreibt am 29. Dezember 1943 an ihre jüngere Schwester Thekla aus dem Hungerhaus von Eglfing-Haar: "Meine liebe gute Thekla! (...) Und nun heute dein weniges - aber sehr schmackhaftes Gebäck, das ich geradezu gierig - noch vor dem ewig gleichen Mittagskohl verschlang. Ahntest Du meinen großen Brothunger, Du hättest sicher noch 2 dicke Scheiben Schwarzbrot dazu gelegt und einige Zeitungen! Die beste Gesundheit im Jahre 1944! und Wiedersehen im Sommer. Ich habe nur noch 47 kg. Wie viel wiegst du?"

Bevor sie die Nazis im Rahmen ihres zynisch so genannten "Euthanasie"-Programms zum so ganz und gar nicht sanften Tod durch Verhungern verurteilten, hatte Emmy Rowohlt, Ex-Frau des Verlegers Ernst Rowohlt, auch Engagements an den Münchner Kammerspielen gehabt. Ebendort werden ihr Brief und andere Originaltexte nun in einer Lesung vorgestellt. Die Falckenberg-Schüler Shirin Lilly Eissa und Samouil Stoyanov tragen sie vor. Die beiden Wissenschaftler, die diese und andere Quellen in den Archiven gefunden haben, sind der Psychiater und ehemalige leitende ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, Michael von Cranach, und die Historikerin Sibylle von Tiedemann.

Schon in ihrem 2018 erschienen Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde haben die beiden (gemeinsam mit Annette Eberle und Gerrit Hohendorf) die Geschichte der Schauspielerin Emmy Rowohlt erwähnt. Die gebildete Frau war viel in Stücken von Wedekind, Hebbel und Ibsen aufgetreten. Erste, kurzzeitige Ehefrau Ernst Rowohlts wurde sie dessen Biografen Paul Mayer zufolge, weil der Verleger sie in Herbert Eulenbergs Liebesstück "Belinde" bewundert hatte. Schicksale wie ihres wurden auch in der Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum zum Thema Krankenmorde thematisiert. "Aber jetzt sollen die Quellen für sich sprechen", sagt Sibylle von Tiedemann, "die Quellen der Täter, der Opfer und auch ihrer Angehörigen". Am 13. Januar wird an den Kammerspielen also erstmals zu hören sein, was so schwer zu ertragen ist und doch gehört werden muss.

Insgesamt wurden in Deutschland und Osteuropa zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 psychisch kranke Menschen und Menschen mit Behinderungen von ihren Ärzten und ihrem Pflegepersonal ermordet. Als "lebensunwert" hatte sie Adolf Hitlers "Euthanasie"-Erlass vom 1. September 1939 eingestuft. Die folgenden Grausamkeiten wurden zentral von Berlin aus gesteuert. Getötet wurden Erwachsene wie Kinder, mit Gas, überdosierten Medikamenten, durch gezieltes Verhungernlassen oder indem man die Pflegebedürftigen unter ihnen ohne Gnade vernachlässigt hat. 2000 von ihnen waren Münchner, das haben die Recherchen bislang ergeben. Und es waren Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die als erste direkt in eine der Tötungsanstalten verlegt worden sind - vor 80 Jahren, am 18. Januar 1940.

Cranach und Tiedemann haben aus Briefen und historischen Dokumenten ein Bild der damaligen Geschehnisse rekonstruiert. Eine Quelle sind dabei die Briefe von Emmy Rowohlt. Sie ist nach Sibylle von Tiedemanns Forschungsstand das einzige Münchner Opfer, "das noch aus dem Hungerhaus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar sehr verzweifelte Briefe geschrieben hat".

Die 1883 in Hamburg geborene Schauspielerin war weder körperlich noch geistig behindert. Und wahrscheinlich war sie noch nicht einmal psychisch krank, was offiziell als Grund für ihren Aufenthalt in Haar angegeben wurde. Denn womöglich wollte sie der Psychiater, der sie am 10. November 1939 in der psychiatrischen Abteilung des Gefängnisses Stadelheim für unzurechnungsfähig erklärt hatte, damit eher schützen. Rowohlt war zum dritten Mal in Folge wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz angeklagt. Dieses Gesetz kriminalisierte alle kritischen Äußerungen, die angeblich das Wohl des Reiches, das Ansehen der Reichsregierung oder der NSDAP "schwer schädigte".

Rowohlt hatte, wie es in der Polizeiakte hieß, öffentlich "äußerst gehässige, ketzerische und von niedriger Gesinnung zeugende Äußerungen gegen den Führer und andere führende Persönlichkeiten" von sich gegeben. Im Oktober 1939 offenbar in der Kantine des Nationaltheaters. Einer denunzierte sie. Rowohlt bemühte sich vergeblich um ihre Entlassung oder wenigstens um Urlaub aus der Anstalt. Als ihr Frühjahr 1941 die Flucht gelang, wurde sie wenige Tage danach wieder festgesetzt und zurückgeschickt. Im September 1943 verlegte man Emmy Rowohlt in das "Hungerhaus" für Frauen. Dort starb die 1,69 Meter große Schauspielerin ein Jahr später. Da wog die nur noch 38 Kilogramm.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Projekte, die das Thema Euthanasie künstlerisch behandelten, darunter zwei Spielfilme: Mit "Nebel im August" verfilmte Kai Wessel einen Roman von Robert Domes. Er erzählt die wahre Geschichte des 13-jährigen Ernst Lossa aus Augsburg. Der Junge aus der Minderheit der Jenischen wurde 1944 als schwer erziehbar in die Heil- und Pflegeanstalt Sargau eingewiesen und erhielt von einer Krankenschwester die Todesspritze. Bekannter ist Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-nominierter Film "Werk ohne Autor". Er erzählt darin, in Anlehnung an die Geschichte der Tante von Gerhard Richter, wie die Tante seiner Hauptfigur, eines Malers, wegen vermeintlicher Schizophrenie in eine psychiatrische Anstalt zwangseingeliefert wird. Dort zeichnet der Leiter einer Frauenklinik, der Gutachter am Erbgesundheitsgericht der Nazis ist, für ihre Ermordung verantwortlich. Im Film stirbt die junge Frau gemeinsam mit anderen Euthanasie-Opfern in einer Gaskammer. Die ästhetisierte Darstellung der Szene hat Donnersmarck zum Teil harsche Kritik eingetragen. Den Schauspielern an den Kammerspielen wird derlei wohl erspart bleiben. Sie spielen nichts nach. Sie lesen die Originaltexte "nur". Was nicht heißt, das wäre in irgendeiner Weise leicht.

Die nationalsozialistischen Krankenmorde in München, Lesung und Gespräch, Dramaturgie: Martin Valdés-Stauber, Montag, 13. Januar, 20 Uhr, Münchner Kammerspiele, Kammer 1

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