Lesenswert:Nazis auf dem Dorf

Ein Buch beleuchtet die NS-Zeit in Pöcking am Starnberger See

Von Karl Forster

Was während des Nazi-Regimes in München und anderen Großstädten Deutschlands geschehen ist, damit haben sich die Kulturschaffenden in allen Medien nachhaltig beschäftigt. Doch wie sich das Umland zur NS-Diktatur verhielt, ist weit weniger erforscht. Auch deshalb, weil zwischen Hörigkeit und Ablehnung oft nur wenige Kilometer und ein anderes Ortsschild standen. Unter dem Titel "Ein Dorf im Nationalsozialismus - Pöcking 1930 - 1950" haben nun die Historikerin Marita Krauss und ihr Ehemann Erich Kasberger, Publizist und Stadtteilforscher, beim Volk Verlag ein so gewichtiges wie lesenswertes Buch herausgebracht, in dem sie akribisch diesen Abschnitt der Geschichte ihres Wohnortes aufarbeiten.

In 15 Kapiteln, von den Wegen zur Macht über "Das Dorf und die Juden" bis zur Rolle des berühmten Sisischlosses und die Schwären der Nachkriegszeit berichten sie über Akzeptanz und Widerstand der Bevölkerung und ihrer gesellschaftlichen Vertreter, über Verrat an und Verstecke für Juden, darüber, wie Münchens Reiche die Treue zu Führer und Vaterland aufs Land mitbrachten. "Eine Mikrostudie zeigt das Große im Kleinen", schreiben sie im Vorwort und auch davon, dass der Pöckinger Gemeinderat einstimmig diese Aufarbeitung der Geschichte gut geheißen und vom Bürgermeister bis zum Wirt unterstützt hat.

Da wäre zum Beispiel der damalige Pöckinger Bürgermeister Michael Ruhdorfer. Obwohl Parteimitglied fast der ersten Stunde, obwohl Scharführer der SA-Reserve, stellen die Autoren die "zwei Gesichter" dieses Mannes heraus, der eben auch viele Juden vor Deportation und Tod gerettet hat. Oder die differenzierte Betrachtung der neuen Rolle der Frauen auf dem Land dank der "NS-Frauenschaft", deren Akzeptanz dort deutlich größer war als etwa die der SA für Männer. Spannend auch, wie sich aus München geflohene jüdische Geschäftsleute und dem Nazi-Regime kritisch gegenüberstehende Unternehmer wie Paul Randlkofer (Besitzer der Firma Alois Dallmayr) in Pöcking Unterschlupf suchten.

Fast 400 Seiten mit viel Bildmaterial sind so entstanden. Was das Buch so lesenswert macht: Bei aller wissenschaftlichen Präzision bemühen die Autoren eine Sprache, die nüchtern und klar, ja nahezu frei von Empathie ist. Diese entsteht dadurch beim Leser.

"Ein Dorf im Nationalsozialismus", 396 Seiten, Volk Verlag, 28 Euro

© SZ vom 08.02.2020
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