Leonardo da Vinci Vom Codex Silicon bis zum Mona-Lisa-Edelselfie

Edelselfie vor Leonardos "Mona Lisa": Beyoncé und Jay-Z

(Foto: Sony Music)

Er beflügelte Bill Gates genauso wie Dan Brown oder Beyoncé: Zum 500. Todestag von Leonardo da Vinci eine kleine Sammlung über die Nachwirkung des großen Renaissancemannes.

Aus der SZ-Redaktion

Nein, Leonardo da Vinci fühlte sich nicht geehrt, in den Armen des französischen Königs sterben zu dürfen. Denn Franz I. war am 2. Mai 1519 gar nicht in dem Schlösschen bei Amboise, das er dem Künstler zur Verfügung gestellt hatte. Sein überlieferter Terminkalender straft die Jahrzehnte später von dem Kunstschriftsteller Giorgio Vasari ersonnene Fantasie von der königlichen Liebkosung Lügen. Die letzte Umarmung gebührt eher Francesco Melzi, Leonardos Sekretär, der nach dem Ableben des Malers schrieb: "Es ist unmöglich, den Schmerz auszudrücken, den ich über seinen Tod empfinde. Solange meine Glieder zusammenhalten, werde ich immerfort unglücklich sein, mit gutem Grund; denn täglich brachte er mir herzliche und heißeste Liebe entgegen."

Melzi organisierte Leonardos Beerdigung und tat darüber hinaus, wie ihm geheißen: Er sortierte die unveröffentlichten Schriften zur Kunst und berichtete jedem, der danach fragte, wie der Maler gedacht, was er getan und gewollt hatte. Um 1570 starb auch Melzi. Und Leonardos langsamer, steter Aufstieg vom vielseitig interessierten, forschenden Künstler zum famosen Alleskönner begann.

Erst interessierten sich vor allem Kollegen für ein von Melzi zusammengestellten Traktat Leonardos, der die Malerei zur Leitwissenschaft erklärt. Ab 1651 erschien das Pamphlet in zahlreichen Auflagen auf Italienisch und Französisch. Mit der Aufklärung, vor allem aber nach der Französischen Revolution rückten dann auch da Vincis naturwissenschaftliche Forschungen in den Blick. Und im Zeitalter der Maschinen, dem späten 19. Jahrhundert, entdeckten Leser die technischen Darstellungen da Vincis wieder.Die inzwischen verstreuten Manuskripte konnten nur deshalb populär werden, weil Leonardos Malerei nie verschwunden war. Johann Wolfgang von Goethe schwärmte von seinem Besuch des "Abendmahls" in Mailand. Und etliche bedeutende Tafelgemälde des Meisters waren immer in guten Händen, denn Franz I. war es kurz vor oder nach Leonardos Tod gelungen, die "Mona Lisa", die "Anna Selbdritt", den "Johannes der Täufer" an sich zu nehmen. Sie wanderten später in den Louvre nach Paris.

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500. Todestag von Leonardo da Vinci

Wie die Mona Lisa zum berühmtesten Bild der Welt wurde

Es gab andere Bilder, die dem italienischen Universalgenie zu Lebzeiten mehr Aufmerksamkeit verschafften. Der Weltruhm der Mona Lisa hat vor allem drei Gründe.

Dort entfaltete vor allem die Gioconda im 19. und 20. Jahrhundert ihre Wirkmacht. Die leise lächelnde Frau wendet sich dem Betrachter wissend zu, hinter ihr entfaltet sich die Welt. In Zeiten beginnender Frauenemanzipation verunsicherte "Mona Lisa" ihre Bewunderer, die sich von der vermeintlichen Femme fatale "verspottet" fühlten (Théophile Gautier) und sie für einen Vampir hielten, der die "Geheimnisse des Grabes" (Walter Pater) kenne. Der von Angstlust gesättigte Ruhm der Gioconda brachte 1911 den Handwerker Vincenzo Peruggia dazu, das Werk zu entführen; zwei Jahre später kehrte es in den Louvre zurück.

"Mona Lisa" war nun das berühmteste Bild der Welt, Leonardo der berühmteste aller Frauenmaler - und doch lebte er bald vor allem als Ingenieur fort. Benito Mussolini erkor ihn zu seinem Vorbild. Beseelt von faschistischen Großmachts-ideen und einem unbeirrbaren Maschinenglauben richteten futuristische Künstler Leonardo 1939 eine Ausstellung in Mailand aus, die aus dem Menschen- und Vogelfreund einen visionären Zerstörer machte. In Übergröße bauten sie all die Apparaturen und Kriegsgeräte nach, die Leonardo selbst nie konstruiert, sondern nur gezeichnet hatte. Noch heute sind solche Maschinenparks in Leonardo-Ausstellungen zu sehen.

Da Vinci soll die Erfindungen der Moderne vorweggenommen haben - auch wenn viele Entwürfe des Künstlers wenig funktionstüchtig sind. Inzwischen heißt nicht nur der Flughafen in Rom wie der Renaissancekünstler, sondern auch der größte italienische Luftfahrt- und Rüstungskonzern. Nach Leonardo ist ein anatomisches Detail des Herzens benannt; zahllose Hochschulen, Projekte und Programme des Wissenschaftsbetriebs hören auf seinen Namen. Krankenkassen werben mit seinem "Vitruvmann" in Kreis und Quadrat (und entstellen ihn dabei mit Chipkarten über der Scham). Der Universalkünstler ist zur Chiffre für Wissensdurst und Innovation geworden, egal zu welchem Zweck. An seinem Todestag in Amboise ehren ihn die Staatsoberhäupter Italiens und Frankreichs nicht nur als Künstler, sondern auch als die große Sehnsuchtsfigur der Gegenwart.

Jeder Maler malt sich selbst, sagt Leonardo. Und jeder seiner Verehrer malt seinen eigenen Leonardo, so bedeutungsoffen ist da Vincis Werk. Die folgende Sammlung erzählt vom schillernden Nachleben des Renaissancemannes, der Bill Gates und Dan Brown, Beyoncé und Vladimir Nabokov, Modemacher und Fahrradfahrer gleichermaßen beflügelt. Kia Vahland