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Leonard Cohen:Der Mann der Stunde

Wie wurde Leonard Cohen eigentlich zum Troubadour des großen Entgleitens im ausgechillten Posthistoire? Es gibt ein frühes Interview, das eine blond toupierte Kanadierin im Jahr 1966 mit Cohen führte, der damals überhaupt noch kein Sänger war, sondern einer der erfolgreichsten jüngeren Schriftsteller Kanadas, ein mit Staats- und Akademiepreisen geschmückter Lyriker, der in der Tradition Gabriel García Lorcas stand, aus dessen Poesie Cohen für sich ableitete, "dass Lyrik rein und tief sein kann und dennoch populär", wie er damals sagte.

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"I'm the little jew who wrote the bible": Leonard Cohen.

(Foto: Foto: ap)

Er schrieb den Roman "The Favourite Game" über den jungen, von Narben faszinierten Lawrence Breavman, der sagt, dass es ja wohl viel einfacher sei, eine Wunde vorzuzeigen, die stolze Narbe aus dem Kampf, als einen Pickel.

"Haben Sie einmal daran gedacht, Ihren Namen zu ändern?", fragte die Blonde im Interview.

"Ja, ich werde meinen Namen ändern in September."

"Leonard September?"

"Nein, September Cohen."

In einer Nacht im Jahr darauf rief Cohen seine Freundin, die Folksängerin Judy Collins, an und sang ihr durchs Telefon mit leiser, brüchiger Stimme ein Lied vor, in welchem eine halb verrückte Frau, die in Flussnähe wohnt, einen Fremden mit Tee und Orangen füttert, die allesamt aus China stammen; ein Lied, in dem Jesus ein Seemann ist und Honig auf "unsere Lady im Hafen" tropft, während Suzanne den Spiegel hält.

Sänger des Abgrunds

Dieses Lied, Suzanne, ist eigentlich weniger ein Song als ein sehr rhythmisches Gedicht, in dem nur zwei Zeilen durch einen Reim verkettet sind: blind und mind, die Homersche Blindheit, mit welcher der Dichter unterwegs ist und der Geist, dem einzig die Berührung gestattet ist - so texten normalerweise keine Liedermacher, so schreibt ein an den großen poetischen Ästhetiken der Moderne geschulter Lyriker.

Ja, natürlich muss auch daran erinnert werden, dass dieses eigentlich doch sehr rätselhafte Lied von Tausenden in irgendwelche Susannen verliebten Studenten tapfer weggeklampft worden ist, und das obwohl sie ärgerlicherweise immer diesen platonischen Widerhaken mitsingen mussten: you've touched her perfect body with your mind.

Aus Leonard wurde im Jahr 1967 natürlich nicht September Cohen, aber aus dem etwas vorlauten kanadischen poète maudit wurde ein dunkler Sänger des Abgrunds und des Albtraums, der weniger an die Folktradition der amerikanischen Nachkriegszeit anknüpfte, als dass er den Gestus und Duktus der frankophonen Chansonniers besaß; er war eher Jacques Brel als Woody Guthrie, eher Serge Gainsbourg als Bob Dylan.

Die dunklen Stimmen

Auch seine Poesie speiste sich aus den großen und dunklen Stimmen der europäischen Literatur - den kleinen Wiener Walzer aus García Lorcas großem Poem "Dichter in New York" übersetzte er sich in ein Requiem auf den Tod selbst: "In Wien gibt es zehn schöne Frauen, es gibt eine Schulter, an welcher der Tod zu weinen beginnt, eine Festhalle mit neunhundert Fenstern, diesen Baum, in den die Tauben zum Sterben kommen."

Ein bisschen muss man wohl nörgeln, dass Cohen die ersten zwanzig Jahre seines Sängerlebens viel Zeit mit Liebeszeug verbracht hat. Erst in den späten achtziger Jahren fand er plötzlich eine wilde, aufregende dichterische Sprache für unsere kommenden Katastrophen; er zeichnete in "First we take Manhattan" den Wahnsinn des weltenvernichtenden Attentäters vor, den ein Signal am Himmel leitet, ein Muttermal auf der Haut - "es ist Vatertag und alle sind verwundet"; Cohen schafft es mit dieser Poesie sogar, die Erinnerung an das Roma-Orchester von Auschwitz in ein geheimnisvoll verzaubertes Lied zu bannen, in dessen Anfangszeile Grauen und Ästhetik zu einer der schönsten poetischen Metaphern für die Liebe in den Zeiten der Gewalt verschmelzen: "Dance me to your beauty with a burning violin."

Und in "Everybody knows" steht, dass wir alle zwar wissen, dass die Würfel gefallen sind, das Schiff ein Leck und der Kapitän gelogen hat. Aber was empfinden wir dabei? Wir haben nur so ein kaputtes Gefühl, als sei unser Vater oder unser Hund gestorben. Mehr nicht. Es sind Texte von brutaler Schönheit, wie schon die frühe Ballade "Avalanche" über jene bucklige Gestalt, die in eine Lawine trat, jedes menschliche Gefühl verliert und deren letzter Triumph es ist, sich mit dem Fleisch der Geliebten zu kleiden.

Lesen Sie weiter auf Seite 3, wo man Cohen erleben kann.

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