Leo Strauss' Klassiker "Naturrecht und Geschichte":Geheime Botschaften

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Leo Strauss' Klassiker "Naturrecht und Geschichte": Arbeit an der Sprengung der Moderne, ein ganzes Leben lang: Leo Strauss.

Arbeit an der Sprengung der Moderne, ein ganzes Leben lang: Leo Strauss.

(Foto: Courtesy of Jenny Strauss Clay / Leo Strauss Foundation)

Ist "Naturrecht und Geschichte", das Hauptwerk des Philosophen und notorischen Liberalismus-Kritikers Leo Strauss, ein Buch zur Zeit?

Von Thomas Meyer

Dass der 1899 im hessischen Kirchhain geborene und 1973 in Annapolis verstorbene Philosoph Leo Strauss bis heute bekannt ist, liegt an seinem 1953 erstmals veröffentlichten Rätselbuch "Natural Right and History". Drei Jahre später erschien es erstmals in deutscher Übersetzung. Nun liegt "Naturrecht und Geschichte" im Rahmen der "Gesammelten Schriften" von Strauss in einer Neuübersetzung von Wiebke Meier vor, der Herausgeber Heinrich Meier hat ein buchlanges Nachwort und weitere Texte aus dem Umfeld des Buches ergänzt.

Als die Studie vor knapp 70 Jahren in den USA erschien, stellte sie eine massive Provokation dar. Der Autor behauptete, dass Deutschland trotz der verheerenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg gesiegt habe, da die dort entwickelte Idee des Historismus sich verbreitet und so jede Form wirklicher Philosophie verhinderte. Dann legte er los: Mit dem Denken Max Webers identifizierte Strauss nicht bloß den Aufstieg der Sozialwissenschaften, sondern den Sieg des Nihilismus, der sich in seiner dramatischsten Form als Vorbote des Nationalsozialismus erwies. Wie der Historismus war der Nihilismus an einer doppelten Bewegung beteiligt: nämlich die alte Vorstellung von Philosophie als Wissenschaft zugunsten der Naturwissenschaften aufzulösen und zugleich Geschichte als einziges Beurteilungskriterium fürs Weltverständnis gelten zu lassen. Für Strauss wurde Geschichte so zur "politischen Geschichte."

Wer mit und gegen Strauss denkt, der schärft die Sinne für die Zumutungen von Gedanken

Doch bei dieser radikalen Gegenwartsdiagnose blieb Strauss nicht stehen. Er erzählte anschließend eine zweigeteilte Verfallsgeschichte. Im ersten Teil rekonstruierte er das Selbstverständnis der klassischen griechischen Philosophie und sodann deren Umformung und letztlich fatale Schwächung, weil durch Indienstnahme ideologisch innen ausgehöhlt, durch die christlich-mittelalterliche Philosophie. Im zweiten Teil stellte er mit Hobbes und Locke zunächst die beiden vor, die sich um eine Wiederbelebung der ursprünglichen Philosophie bemühten, gerade dadurch aber deren Krise vertieften. Die Totengräber wurden dann, auf je eigene Art, Rousseau und der Begründer der modernen Konservatismus Edmund Burke.

Wenn bis jetzt zwar der Begriff "Geschichte" genannt wurde, nicht aber der des "Naturrechts", so hat das seine Gründe. Denn bei Strauss, das lässt ihn bis heute bei vielen gefährlich erscheinen und hat zu seiner zweiten "Karriere" als heimlicher Spindoktor des antidemokratischen Neokonservatismus geführt, ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Als vermeintlicher Wiederentdecker der Unterscheidung zwischen exoterischem und esoterischem Denken und Schreiben hat er "Naturrecht und Geschichte" mit einem Minenfeld unterlegt, was seine Zeitgenossen ahnten, seine Schüler lähmte und erst heute nüchtern betrachtet werden kann.

Meiers einführendes filigranes "Nachwort" ist tatsächlich eine "Nachschöpfung" und als solche die erste wirklich adäquate Deutung des Buches. Sie folgt, die einen werden sagen sklavisch, die anderen werden überzeugt sein virtuos, Strauss' antihermeneutischer Vorgabe, wonach es in der Philosophie darum gehen müsse, einen Autor so zu verstehen, wie er sich selbst verstand. Wer wissen will, was das genauer heißen kann, muss Meiers Text lesen. Unnötig zu sagen, dass dies ohne den antidemokratischen Impetus geschieht, mit dem "Naturrecht und Geschichte" auf der Oberfläche tatsächlich spielt.

Leo Strauss' Klassiker "Naturrecht und Geschichte": Leo Strauss, Gesammelte Schriften. Bd. 4: Naturrecht und Geschichte. A.d. Englischen übersetzt v. Wiebke Meier. Hg. v. Heinrich Meier, 451 S., 44,90 Euro, Meiner Verlag, Hamburg 2022.

Leo Strauss, Gesammelte Schriften. Bd. 4: Naturrecht und Geschichte. A.d. Englischen übersetzt v. Wiebke Meier. Hg. v. Heinrich Meier, 451 S., 44,90 Euro, Meiner Verlag, Hamburg 2022.

(Foto: Strauss, Leo/Meiner)

Aber welche Minen hat Strauss versteckt? Die offensichtlichste ist, dass es gar nicht ums "Naturrecht" geht. Spätestens im Aristoteles-Abschnitt ist klar, dass einige der wesentlichen Stellen zum Thema gar nicht erwähnt werden. Vielmehr dreht sich alles, um die Wiederbelebung der Philosophie, die als Kampfansage gegen eine selbstgenügsame und damit blinde Gegenwart auftritt. Das hat aber nicht den abstoßenden Mundgeruch, den Spenglers "Untergang des Abendlandes" und seine großen und kleinen Adepten bis heute verbreiten. Vielmehr merkt man "Naturrecht und Geschichte" sein langsames Gewachsensein an. Strauss, der aus einer observanten Landjudenfamilie stammte und bereits im Oktober 1932 Deutschland für immer verließ, beobachtete schon früh, dass Historismus und Nihilismus in seiner Heimat auf fruchtbaren Boden gefallen waren, dass nämlich die "Modernen" die "Alten" zwar aus ihren sicheren Deutungsstellungen zwar "herausgelacht" (Lessing), aber nicht widerlegt haben. Das erste Opfer war die Philosophie. Der eigentliche Vollstrecker dieser Entwicklung war Martin Heidegger - die nächste große Mine in dem Buch.

Nach der Lektüre bleibt das beunruhigende Gefühl, dass die völlig überdehnten Deutungen einen wahren Kern beinhalten

Heidegger, das ist Strauss' große Rätselfigur. Nach klassischem Schema wird der in "Naturrecht und Geschichte" nie genannte Denker erst zur Größe stilisiert: Mit ihm im Gepäck zieht Strauss gegen Weber, ihm entlehnt er die - äußerst schwachen - Argumente gegen Thomas von Aquin. Doch nach und nach wird zwischen den Zeilen klar, wo die Bruchstelle liegt, die so scharf ist und so sehr in den Abgrund führt, dass man sich selbst auf die Mine stellen muss, um einmal mitzubekommen, wie stark die Überzeugung sein kann, dass Philosophie darüber entscheidet, ob die Welt gelingen kann oder nicht. Und das alles dafür getan werden müsse, diese Bruchstelle mit einem Schmerz deutlich zu machen. "Naturrecht und Geschichte" ist auch das Buch einer brutalen Abstoßung. Strauss' Inszenierung des Armageddon ist jedenfalls weit eindrücklicher und überzeugender, weil durch die Zeiterfahrungen genährt, als das, was heute satte Krisengewinnler so von sich geben.

Strauss war möglicherweise der letzte Philosoph, der ein ganzes Leben lang, durchaus mit massiven Selbstkorrekturen, an der Sprengung der Moderne arbeitete, weil er sie als fatalen Irrweg, weil als Abkehr von der klassischen Philosophie begriff. Wer das nicht mit einem Kaltgetränk in der Hand fortwinken möchte, der bringt sich um eine bemerkenswerte Gelegenheit, die eigene Liberalität stärken zu wollen. Wer mit und gegen Strauss denkt, der schärft die Sinne für die Zumutungen von Gedanken.

Als sein Buch herauskam, war die 1948 vorgelegte Streitschrift "Ideas Have Consequences" des rechtskonservativen amerikanischen Publizisten Richard M. Weaver gerade en vogue. Man süffelte die wilden Attacken herunter und konnte anschließend ins Konzert gehen ohne einen Moment des Unwohlseins, die eigene Saturiertheit konnte so nicht zum Problem werden. Bei Strauss ist das anders: Nach der Lektüre bleibt das beunruhigende Gefühl, dass er recht haben könnte, dass die völlig überdehnten Deutungen einen wahren Kern beinhalten. Danach wird man zu seinem Buch über Machiavelli greifen müssen, um die eigene philosophische Botschaft des Meisters aus Chicago kennenzulernen.

Bleibt zu hoffen, dass Heinrich Meier diesen Band auch dem deutschen Publikum noch vorlegen wird. Daran entscheidet sich zwar nicht das Schicksal der Welt, aber mit ihm käme ein Stück Aufklärung zurück, deren politische Gefährlichkeit einen wacher für die Gegenwart werden lassen könnte.

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