Lemmy Kilmister Allürenfreie Weltklasse

Konzerte wie Orkane: Sänger Lemmy Kilmister mit seiner Band Motörhead.

Kaum einer hat mehr Drogen genommen, mehr Bourbon getrunken und mehr Frauen befriedigt als Lemmy Kilmister. Der Sänger und sein Powertrio Motörhead belegen seit bald vierzig Jahren, dass sie eine der besten Rock 'n' Roll-Bands der Welt sind. Auf dem neuen Album "Aftershock" ist der Beweis erneut gelungen.

Von Alexander Gorkow

Dieses Jahr hat schon den großen J.J. Cale und den Misanthropen Lou Reed auf dem Kerbholz; die dritte Musik-Ikone im Bunde, Lemmy Kilmister, verschiebt hingegen nur die Tour seiner Heavy-Metal-Band Motörhead auf das kommende Frühjahr. Im März wurde Kilmister, 67, ein Defibrillator eingesetzt, er lässt nun zerknirscht ausrichten, dass er seinen "Lebensstil ein wenig konfigurieren" müsse.

Kilmister blickt auf eine erfolgreichere Berufslaufbahn zurück als Helmut Schmidt, auch ist er netter. Wie der Altkanzler aber begeistert der Sänger und Bassist als lakonischer Outlaw. Interviews mit ihm sind eine reine Freude, man schaut in diesen Gesprächen nachdenklich und heiter auf eine beschissene Welt. Wichtig ist, dass man vorher gut gefrühstückt hat, denn er ist traurig, wenn man nicht mit ihm trinkt, und zwar eine ganze Flasche Jack Daniels plus Cola, auch vormittags.

Seinen ersten Schrei tat Kilmister - natürlich - am Heiligen Abend. Geboren wurde er in der Stunde Null (1945) in einer der hässlichsten Städte der Welt, dem britischen Stoke-on-Trent, als Sohn eines Feldkaplans der Royal Navy sowie einer Bibliothekarin. Er nahm als junger Mensch so viele Drogen, dass er sich an die Jahre in der Psychedelicband Hawkwind zum Glück nicht mehr richtig erinnert. 1975 gründete er dann Motörhead und ersetzte ein Meer aus Drogen durch die Alleindroge Alkohol - eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf.

Auf bisher rund 20 Alben schmiedeten die drei Musiker Bluesrock in allürenfreien Heavy Metal um, und auch auf dem neuen Album "Aftershock" zeigen Motörhead, was sie sind und was ein wenig vergessen wird bei all dem Lärm um Lemmy: eine der besten Rock'n'Roll-Bands der Welt.

Ruf als Menschenfreund

Kilmister hat seine Alkoholabhängigkeit nie verherrlicht, noch bejammert, höchstens belächelt. Das Krematorium, das ihn einäschert, wird komplett in die Luft fliegen, da ist er sich sicher. Dass er überhaupt 67 Jahre alt werden konnte, ist interessant. Dass es ihm jetzt nicht gut geht, erstaunt groteskerweise trotzdem und macht eine ganze Branche traurig. Lemmy genießt einen Ruf als Menschenfreund, auch in Hollywood, wo der Millionär ein winziges Apartment bewohnt, weil ihm Villen "auf die Nerven" gehen.

Nun ist Herbst, auch für Lemmy.

Man erinnert sich: an sein Rhythmusgitarrenspiel auf dem Rickenbacker-Bass, die weltweise Stimme, Konzerte wie Orkane, die sehr schönen Bluesnummern, seine Hingabe für Johann Sebastian Bach, den Hass auf U2 und Bon Jovi, die Liebe zu den Frauen: "Frauen sind gefährlich, aber sie sind nie die Idioten. Die Männer sind die Idioten, die sind das Problem!"

Die Sunday Times bilanzierte mal: "Kaum einer wird behaupten wollen, mehr Drogen genommen, mehr Bourbon getrunken und mehr Frauen befriedigt zu haben als der Sänger von Motörhead."

Das kann ihm schon mal keiner mehr nehmen.