Leipziger Buchpreis für Setz und Ritter Präsent und porös

Vom unablässigen Denken und dunklen Gestalten, die an Computerspielfiguren erinnern: Warum Clemens J. Setz und Henning Ritter verdientermaßen den Leipziger Buchpreis gewonnen haben.

Von Thomas Steinfeld

Vor ein paar Jahren, als die Buchpreise der beiden Messen, der Frankfurter und der Leipziger, in die Welt gesetzt wurden, haftete ihnen etwas Populäres, ja Populistisches an. Denn literarische Preise gibt es in den deutschsprachigen Ländern zu Tausenden, und immer wurden sie, von äußerlich wechselnden, aber innerlich sich gleich bleibenden Jurys, in bewusster Absehung vom Markt getroffen. Die Messenpreise aber sollten erkennbar die Verlage, den Buchhandel einschließen - damit, bestenfalls und wie beim Booker-Preis oder wie beim Prix Goncourt, Kritik, Buchwesen und Leserschaft sich auf einen Titel einigten und dieser dann ein Bestseller würde.

Gewinner in der Kategorie Belletristik: Der 28-jährige Clemens J. Setz, im Bild umarmt von Freundin Julia nach der Preisverleihung.

(Foto: dpa)

Aber es kam nicht so, jedenfalls nicht ganz: Je älter die Preise werden, desto mehr ähneln sie allen anderen Preisen, werden also literarisch und intellektuell vergeben - mit dem einen Unterschied, dass das Publikum die klare Entscheidung schätzt und die Bücher tatsächlich kauft.

Das wird, hoffentlich, den mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Werken auch in diesem Jahr widerfahren. Denn erwählt wurden Bücher, die, um es vorsichtig zu sagen, vom Leser auch eine Anstrengung erwarten: So der Erzählungsband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" des Grazer Schriftstellers Clemens J. Setz (Suhrkamp Verlag), so die "Notizhefte" des Gelehrten und Journalisten Henning Ritter (Berlin Verlag).

Ein großer Teil der Anstrengung besteht dabei darin, dass der Leser in diesen Büchern nicht auf große dramatische Entwürfe stößt, nicht auf Plots, denen er sich anvertrauen und über Hunderte von Seiten tragen lassen kann. Das Gesamte erschließt sich vielmehr nur in Teilen -aus vielen hundert Notaten bei Henning Ritter, nur die wenigstens von ihnen füllen eine Seite, und aus Erzählungen bei Clemens J. Setz, kleineren Prosastücken also, in denen es zudem häufig um eher surreale Erfahrungen geht.

Beide Preise aber sind verdient, und mehr als das: Clemens J. Setz, im Jahr 1982 in Graz geboren, ist ein später Erbe einer Grazer Moderne, in deren Kreis einst Peter Handke seine ersten Werke schrieb und Alfred Kolleritsch seine bis heute bestehende Zeitschrift manuskripte gründete.

Die Liebe zur kleinen Form

Clemens J. Setz hat diese Moderne gleichsam auf den jüngsten Stand gebracht, mit Erzählungen von eher dunklen, ja vielleicht sogar bösen und grausamen Gestalten, die ihre seltsame Plastizität mit den Figuren aus Computerspielen teilen, unheimlich präsent und porös zugleich. In die Titelgeschichte seines Buches hat Clemens J. Setz eine Verbeugung vor dem bildenden Künstler Joseph Cornell verwoben, jenen Mann, der Setzkästen in surreale Ensembles verwandelte, die ästhetisch überwältigend und surreal zugleich sind - und doch lauter Geschichten erzählen.

Henning Ritters Notate, die ihr Kompositionen eher der systematisch vorgehenden Intuition eines unablässigen Denkens als dem Surrealismus hochentwickelter Computertechniken verdanken, sind entschieden gegen die Zeit (und gegen eine immer weiter voranschreitende Moderne) gerichtet. Sie schöpfen ihre Kraft aus einer älteren Denkkunst, aus dem Willen, nichts unbeobachtet oder gar unbedacht zu lassen - wofür das späte achtzehnte Jahrhunderts die aus gleichsam natürlichen Gründen nicht zu übertreffenden literarischen Formen der Prosaskizze, des Aphorismus, eben des Notats entwickelte. Die "Notizhefte" stehen gegen die Zeit, auf eine großartige, souveräne, selbstbewusste Weise.

Der Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse geht in diesem Jahr an Barbara Conrad, für ihre Übertragung von Lew Tolstois monumentalem Roman "Krieg und Frieden" (Hanser Verlag). Das hohe Verdienst will man auch ihr nicht absprechen - weshalb man dann schließlich auch dieses Mal mit den Entscheidungen der Jury einverstanden sein kann.

Angeben für Anfänger

Die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab