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Leipziger Buchmesse:Wiederkehr des Gleichen

Leipziger Buchmesse 2019

Die Journalistin und Buchautorin Masha Gessen bei der Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus in Leipzig.

(Foto: dpa)

Die Journalistin und Buchautorin Masha Gessen erhält in Leipzig den Buchpreis für Europäische Verständigung - und warnt in ihrer Dankesrede vor Autoritarismus als historischer Endlosschleife.

Von Felix Stephan

Es gibt Leute, die behaupten, Geschichte verlaufe in Zirkeln. Der dringende Verdacht, dass da womöglich etwas dran sein könnte, kam jetzt im Leipziger Gewandhaus wieder auf, als der Buchpreis für Europäische Verständigung an die amerikanische Journalistin Masha Gessen verliehen wurde. 1981 emigrierte Gessen als Teenager mit ihren Eltern aus der Sowjetunion in die USA. Zehn Jahre später kehrte sie als Journalistin zurück, um, wie sie glaubte, den Übergang Russlands in eine liberale Demokratie zu begleiten.

Gessen berichtete als Kriegsreporterin aus Tschetschenien, erlebte den Aufstieg Wladimir Putins, die hoffnungsvolle Zeit unter Präsident Dmitrij Medwedjew und den Schulterschluss Russlands mit den USA, der sich am deutlichsten ausgerechnet darin äußerte, dass Russland 2011 im UN-Sicherheitsrat die amerikanischen Luftangriffe auf Gaddafis Libyen nicht mit einem Veto blockierte. Das Chaos, das diese Intervention hinterließ, bezeichnete Barack Obama später als den größten Fehler seiner Amtszeit.

Dann aber stellte sich Putin wieder zur Wahl, die Duma nahm ein Gesetz an, das "pädophile Propaganda", also Homosexualität, unter Strafe stellte und es homosexuellen Paaren unter anderem verbot, Kinder aufzuziehen. Als das Gesetz beschlossen wurde, sagte der Petersburger Abgeordnete Milonow, es gelte "die Adoption und Aufzucht russischer Kinder in pervertierten Familien wie der von Masha Gessen" zu verhindern, wie der Historiker Gerd Koenen in seiner Laudatio erzählte. Damit schloss sich der erste Zirkel: Masha Gessen reiste fluchtartig wieder aus und berichtet seitdem von New York aus über die fortschreitende Selbstamputation Russlands.

Der zweite Zirkel, der sich an diesem Abend in Leipzig schloss, hatte einen größeren Radius, er zieht sich über die Jahrhunderte: Gessens Buch "Die Zukunft ist Geschichte" erzählt die Unterwerfungssehnsucht des "Homo postsovieticus" am Beispiel von vier Biografien. Eine der Hauptfiguren ist der nationalistische Philosoph Alexander Dugin, der in der Sowjetunion Dissident war, in den Neunzigern mit dem anarchistischen Schriftsteller Eduard Limonow eine nationalbolschwikische Satirepartei gründete, die mittlerweile verboten ist, und heute als einflussreichster Stratege des neuen russischen Kulturimperalismus gilt. Das ist eine Karriere, die dem Aufstieg der Sowjets ähnelt, wie Gerd Koenen sie in seinem Buch "Die Farbe Rot" gezeichnet hat: die Geschichte des Kommunismus als Geschichte einer adventistischen Heilslehre, die Metamorphose der Sowjets von einer kuriosen Sekte zu Gewaltherrschern einer Weltmacht.

Die Parallelen sind unter anderem deshalb so suggestiv, weil in diesem Jahr in Sachsen eine Landtagswahl ansteht, bei der ebenfalls eine antiliberale Ideologie, die bis vor Kurzem noch Sache einer kuriosen Sekte gewesen ist, aller Voraussicht nach mehr als 20 Prozent der Stimmen bekommen wird. Die AfD ist der deutsche Ableger einer autoritären Kulturrevolution, die dieses Mal von rechts aufzieht und deren ideologisches Gerüst in nicht geringem Maße von eben jenem Alexander Dugin entworfen wurde, der nicht nur aussieht wie Rasputin, sondern in Putins Reich heute auch eine ähnliche Rolle spielt. Dem radikalen Individualismus des liberalen Westens, der metaphysischen Enteignung des Menschen setzt Dugin ein eurasisches Großrussland entgegen, in dem sich der Einzelne um seinen Platz in der Welt keine weiteren Gedanken machen muss und das geografisch weitgehend deckungsgleich ist mit dem Einflussgebiet der UdSSR, Leipzig im Zweifel also einschließt.

Die anderen Stichwortgeber der antiaufklärerischen Angstkultur, aus der sich auch die AfD speist, kommen aus Frankreich: Von Renaud Camus stammt der Begriff "le grand remplacement", der auf Deutsch meist mit "Umvolkung" übersetzt wird, von Alan de Benoist die Idee des "Ethnopluralismus", in dem jeder Kultur ein angestammtes Gebiet zugewiesen wird, auf dass es nicht zu Vermischung komme, wobei es sich dabei um ein Konzept handelt, das sich von der klassischen Rassenlehre nur in Details unterscheidet, aber das Wort "Pluralismus" im Namen trägt, was viele offenbar intellektuell aufregend finden. Alles abseitige Metaphysiker, die vor zehn Jahren noch nicht einmal ausgelacht wurden, deren Ideen heute aber ganz Europa in Angst und Schrecken versetzen. Aus Deutschland kommen in dieser Angelegenheit keine nennenswerten Impulse, abgesehen von Heideggers Begriff des Daseins, der bei Dugin eine Rolle spielt.

Das waren die Linien, die bei Masha Gessens Rede in Leipzig aufeinandertrafen: Autoritarismus als historische Endlosschleife. Dass aus dem Traum eines liberalen, demokratischen Russlands nichts geworden ist, begründete Gessen im Gewandhaus damit, dass "die Überlebensmechanismen und die täglichen Anpassungen 'totalitärer Subjekte'" in der Bevölkerung die Sowjetunion überlebt hätten und "weiterhin das Verhalten in Russland bestimmen". Kurz nach der Machtergreifung der Bolschewiki habe Lenin 200 führende russische Geisteswissenschaftler exiliert und auf diese Weise die russischen Bürger der Möglichkeit beraubt, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Die Geschichten von Verhaftung, Folter und Exilierung, die theoretisch nahezu jede Familie zu erzählen hatte, seien ersetzt worden durch eine offizielle, staatliche, glorreiche Erzählung.

Als die Russen deshalb nach dem Ende der Sowjetunion auf ihre eigene Vergangenheit blickten, habe ihnen das Vokabular gefehlt, um sich einen Reim zu machen auf die Jahrzehnte des staatlichen Terrors gegen die eigene Bevölkerung. Russland habe als Nation keine Erklärung für den Horror gehabt, den es sich selbst angetan hatte, so Gessen. Durch die Abwesenheit einer solchen Geschichte aber werde "die Zukunft ein schwarzes Loch, dessen Sog beängstigend ist". Auch deshalb sei eine imaginierte Vergangenheit, in der Volk und Nation von Ruhm und Glorie nur so umweht waren, nicht nur in Russland heute für viele so verführerisch. Diese Entwicklung drückt sich übrigens nicht nur in Sachsen, sondern auch in Russland ganz konkret in Zahlen aus: Seit dem Jahr 2000, das zeigen die Umfragen des russischen Lewada-Instituts, wächst der Anteil der russischen Bevölkerung, der Stalin für die bedeutendste Figur der nationalen Geschichte hält, kontinuierlich.

© SZ vom 22.03.2019

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