Verfemte DDR-Autoren Radjo Monk

1959 in Hainichen, Sachsen, geboren. Facharbeiter für Holztechnik und Dekorationsbau. Lyrische Prosa und dramatische Texte. Einberufung in die NVA. Observation durch die Staatssicherheit wegen "politischer Feindseligkeit". Arbeit als Zimmermann und Straßenkehrer. 1984 Verhaftung. Mitarbeit an der inoffiziellen Zeitschrift "A3". Seine erfolgreiche Bewerbung am Literaturinstitut Leipzig wurde auf Anweisung der Staatssicherheit annulliert. Lebt in Leipzig.

Radio Monk

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Kinder der Diktatur

Nichts zählt ein Diktator lieber als Kinder. Unter seiner Hand, segnend über die Köpfe gestreckt, sterben die Kinder und werden wiedergeboren als Beschlüsse und Zahlen.

In meiner Kindheit bannten wir die weiße Taube auf Pappschilder und trugen sie im Kreis der Jahrestage an den Greisen vorbei, von ihren Sekretärinnen gefüttert mit Sauerkraut.

Wir blätterten im Stammbaum und fanden uns als Raupen wieder im Gespinst der Lehrer. In den Pausen jagten wir die Spinne. Ihr Tod war unser Abenteuer. Wenn wir nicht hungrig waren, aßen wir noch einen Löffel für den Diktator, und der Diktator stand noch eine Nacht lang an unseren Betten und bewachte unseren befohlenen Schlaf.

In meiner Kindheit hörte ich Panzer rollen nach Prag und die Schritte der Schichtarbeiter im Morgengrauen, das Tropfen des Wasserhahns im Keller, das Klappern der Milchkannen an der Rampe, den schweren Atem der Eltern hinter den Türen verwundeter Nacht.

Wir lernten auf der Stelle zu marschieren und unter unseren volkseigenen Schuhen klang es hohl. Wir waren Jungpioniere und jäteten Brennnesseln im Hain anonymer Helden. Wenn wir Wurzeln ausrissen, schienen sie mir verwachsen mit den eigenen Knochen. Wir warfen das Kraut auf den Kompost und harkten zuletzt unsere Spuren aus dem Weg, angelegt als Sowjetstern.

Wir sammelten Flaschen für eine Karussellfahrt und für ein Kilo Zeitungen konnten wir uns ein Los kaufen oder eine Spendenmarke und dafür würden uns alle vietnamesischen Bauern danken. Kindheit war ein Verlöschen in Zahlen und die Veränderung des Schulwegs zur Heerstraße. Wir mutierten zur lebendigen Propaganda der alten Männer, und wir würden die Erbauer ihrer Tribünen werden.

Wir schmeckten auf unseren Lippen Kreide und entkamen an Wandertagen dem pompösen Zerfall. Mancher von uns hätte sie gern getötet, die weiße Taube, die in Nischen brütete, eine letzte Bewohnerin des Hauses auf Abriss.

Aus dem Tagebuch "Blende 89"

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