Verfemte DDR-Autoren Gabriele Stötzer

1953 in Emleben in Thüringen geboren. Studium der Pädagogik in Erfurt. Solidaritätsschreiben wegen der Relegierung eines Kommilitonen. Beginn langjähriger Observationen durch die Staatssicherheit. 1976 wegen ihrer Unterschrift gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns zu einem Jahr Haft verurteilt. Frauen-Zuchthaus Hoheneck. Danach Arbeit in der Produktion. Eröffnung einer Privatgalerie in Erfurt. Gründung einer Künstlergruppe. Ab Mitte der Achtzigerjahre erste Veröffentlichungen in inoffiziellen Zeitschriften. Lebt in den Niederlanden und Erfurt.

Gabriele Stötzer

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Als ich geboren wurde, war alles aufgebaut, war alles fertig, perfekt, ein schillerndes Förderband mit Richtung nach oben. Die Ideologie war sicher, der Weg war sicher, die Häuser, die Wohnungen, die Rente waren sicher. Ihr hattet die Welt gewandelt, ihr hattet euch gewandelt, die Natur aber nicht. Die Natur gab mir Augen, Ohren, Hände, Füße, Haut. Doch ihr habt es nicht bemerkt. Ihr habt euren Anspruch in die Welt gestellt, eure Vernunft, eure Moral, eure Erkenntnisse. Ihr habt uns nichts übrig gelassen. So sind wir aufgewachsen im Nichts. Wir haben nichts, wir können nichts, wir wollen nichts, wir brauchen nichts. Wir halten uns nicht an eure Abmachungen. Eure Gesetze besitzt ihr ohne uns. Ihr habt uns nicht gefragt. Ihr habt immer für uns mitgeredet. Ihr kennt uns nicht. Ihr seht uns nicht. Wenn ihr über uns redet, redet ihr über uns hinweg. Wir horden uns in Gruppen und stehen an den Rändern eurer Welt. Aber übersehen könnt ihr uns nicht, überleben könnt ihr uns nicht, vernichten könnt ihr uns nicht, vergessen könnt ihr uns nicht.

Aus "Ich bin die Frau von gestern"