Absage der Leipziger Buchmesse:Verstörung

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Absage der Leipziger Buchmesse: Eingang zur Leipziger Messe 1988 mit übergroßem Signet: Das doppelte "M" stand für "Muster-Messe", dem bis 1991 gebräuchlichen Namen der internationalen Messen in Leipzig.

Eingang zur Leipziger Messe 1988 mit übergroßem Signet: Das doppelte "M" stand für "Muster-Messe", dem bis 1991 gebräuchlichen Namen der internationalen Messen in Leipzig.

(Foto: ddrbildarchiv.de / Manfred Uhlenhu/SZ Photo)

Alles öffnet - nur die Leipziger Buchmesse nicht: Chronologie eines kulturellen Desasters in Deutschland.

Von Felix Stephan

Am Tag nach der Absage erreicht man Oliver Zille, den Chef der Leipziger Buchmesse, in seinem Arbeitszimmer, wo er den in diesem Fall mal nicht so langweiligen Satz ins Telefon sagt, die Leipziger Buchmesse sei "ein Spiegel der Gesellschaft". Einige Verlage würden den Infektionszahlen zum Trotz Mitte März ihren Stand aufbauen in Leipzig, andere lieber nicht, und am Ende habe es eben nicht gereicht. Allerdings spiegeln die ungewöhnlich heftigen Beiträge und Diskussionen, die nach der Absage aufflammten wie mal kleinere, mal größere Feuer, einiges über den Zustand des Buchmarktes und der Republik.

Schon die Chronologie dieser ungemein plötzlichen Absage muss verstören: Im November 2021 hatten ausreichend viele Aussteller ihre Teilnahme zugesagt, um die Messe mit einer Auslastung von stolzen 75 Prozent im Vergleich zu vorpandemischen Zeiten stattfinden lassen zu können. Zwanzig Prozent der Aussteller kommen in Leipzig traditionell aus dem Ausland. Dieser Anteil blieb auch jetzt bis zum Schluss gleich.

Mitte Januar verschickte die Messe eine Umfrage an die Aussteller. In der kündigte sie an, dass in Sachsen eine neue Corona-Schutzverordnung auf dem Weg sei, und stellte die Frage, wer auch unter diesen Umständen weiter dabeibleibe. 83 Prozent der Aussteller nahmen an der Umfrage teil, davon gaben 80 Prozent an, auf jeden Fall weiter dabei zu sein. Das reichte locker aus. Im Hintergrund entwickelte die Messe mit der Landesregierung ein erweitertes Hygienekonzept. Es sollte ein offenes Messegelände geben.

Diese Leipziger Buchmesse ist die erste, die wirklich ersatzlos entfällt

Noch vor knapp zwei Wochen, am 31. Januar, liegt die Zusagequote bei soliden 75 Prozent. In Dresden gibt die sächsische Landesregierung eine Pressekonferenz, in der sie die neuen Corona-Regeln bekannt gibt. Einen Tag später, am 1. Februar, wendet sich Messedirektor Oliver Zille erneut an die Aussteller, um ein weiteres, letztes Mal abzusichern, dass es bei den Zusagen bleibt. Plötzlich beginnt die Absagewelle. Nur eine Woche später ist Zille klar, dass er die Messe absagen muss.

Er hat jetzt erstens nicht mehr genügend Aussteller, um dem Anspruch der Buchmesse gerecht zu werden, einen repräsentativen Marktüberblick zu geben. Und zweitens nicht mehr genügend Zeit, um die Hallen so umzubauen, dass er die Messe auch mit weniger Ausstellern über die Bühne bringen könnte. Für ein digitales Alternativprogramm ist es ebenfalls zu spät. Auch die Verlage haben nichts dafür vorbereitet. Im dritten Jahr der Pandemie ist diese Leipziger Buchmesse damit die erste, die wirklich ersatzlos entfällt.

Die Reaktionen seit Mittwoch fallen ungewohnt heftig aus, Risse in der Branche werden sichtbar, teils auch rabiat innerhalb von Verlagen - zwischen Verlegern und Controllern. Gegen die großen Konzernverlage wird der Vorwurf erhoben, die Leipziger Messe mit diesem Manöver über die Klippe springen lassen zu wollen. Indizien werden herangezogen: In Berlin läuft gerade die Berlinale. Fast gleichzeitig zu Leipzig finden in Bologna die Kinderbuchmesse statt, an der große Verlage, die in Leipzig nicht dabei sind, teilnehmen, in London die Bookfair und in Köln die besonders wuselige und publikumswirksame Lit.Cologne. Keine dieser Großveranstaltungen hat mit Absagen zu kämpfen. Überall im Land sind Autoren momentan auf Lesereise. Es trifft nur Leipzig. Und als Kollateralschaden wieder einmal: die wunde ostdeutsche Seele.

Auf ihre Literatur sind die Ostdeutschen stolz, hier war die DDR immer konkurrenzfähig

"Ohne Leipzig ist das Buchjahr undenkbar, nicht nur für Ostdeutschland, nicht nur für die deutschen Buchhändler, sondern auch für Mittel- und Osteuropa", schreibt Ingo Schulze, Leipzig sei sein "literarisches Zentralgestirn". Aufbau-Verlegerin Constanze Neumann schreibt, die Messe sei "unverzichtbar", ihr Haus werde jetzt "alles dafür tun, dass unsere Autorinnen und Autoren auch ohne Messe in Leipzig lesen können". Die Autorin Julia Franck spricht von einer "Absage nicht nur an die Literatur, sondern auch an den Osten". Als sie davon erfuhr, sei sie "geradezu wütend" gewesen. Als Ort der Verständigung, über alle Grenzen hinweg, sei Leipzig "absolut wichtig", ein "Leuchtturm der Aufklärung".

Auf ihre Geistesgeschichte sind die Ostdeutschen stolz, in der Literatur war die DDR immer konkurrenzfähig: Anna Seghers, Christa Wolf, Heiner Müller. Von dieser Substanz zehren Bestsellerautoren wie Lutz Seiler bis heute. Als nach dem Fall der Mauer der Ingeborg-Bachmann-Preis viermal in Folge an einen ostdeutschen Autor ging, war man dort nicht unbedingt überrascht. Noch 2020 gingen der Bachmannpreis und der Georg-Büchner-Preis an Helga Schubert und Elke Erb, an Autorinnen also, die schon in der DDR geschrieben und veröffentlicht haben.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass diese Autoren heute alle von westdeutschen Häusern verlegt werden. Und dass es aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht nicht einmal unvernünftig wäre, kein Geld mehr in die Leipziger Messe zu stecken. Die Stände kosten viel Geld, gleichzeitig ist für die deutschen Verlage in Ostdeutschland kaum mehr Geld zu machen. Obwohl knapp 20 Prozent der Deutschen im Osten leben, macht die deutsche Buchbranche dort nur etwa zehn Prozent ihres Umsatzes. Nach dreißig Jahren Abwanderung und Elitenaustausch ist von dem stolzen Literaturland nicht mehr viel übrig. Sehr viele Ostdeutsche nehmen die westdeutsche Buchproduktion eher aus dem Augenwinkel wahr.

Die Frühjahrsmesse findet nun sozusagen im lustigen Köln statt: da, wo die Leser sind

Wirtschaftlich gesehen ergibt es für die Verlage also durchaus Sinn, die Frühjahrsmesse nach Köln zu verlegen: Wie die Lit.Cologne ist Leipzig mittlerweile ein reines Publikumsfestival, die großen Deals werden längst in Frankfurt und London abgeschlossen. Nur ist Leipzig eben auch das zentrale Monument der ostdeutschen Lesekultur, und dass die Entscheidung über die Absage nun in München, Stuttgart oder Frankfurt getroffen wurde, jedenfalls sicher nicht in Leipzig, ist ein Detail, das die Lage nicht unbedingt entspannt. Mit ihren Besatzern hätten die Ostdeutschen gleich doppelt Pech gehabt, schrieb der Leipziger Germanist Dirk Oschmann kürzlich sinngemäß in der FAZ: Erst kamen die Sowjets, dann die Westdeutschen.

Zur gespannten Stimmung gesellte sich nach der Absage auch noch eine gedankenlose Sprache, jener überhebliche Tonfall, mit dem die ostdeutschen Volksparteien AfD und Linkspartei ihre Wahlkämpfe betanken. Der "Börsenverein", der Branchenverband der deutschen Buchwirtschaft, schickte dem gedemütigten Leipziger Messechef einen offenen Brief hinterher, der vermutlich aufmunternd gemeint war, in dem dieser aber angesprochen wurde wie ein dreijähriger Junge, der ein schönes Krickelkrakel-Bild gemalt hat: "Wie ein Löwe" habe er gekämpft mit seinem "kleinen Team", hieß es da, fein gemacht, kleiner Messechef! Der Marketingchef eines westdeutschen Großverlags gab noch am Tag der Absage ein Interview, in dem er den Leipzigern ein verheerendes Zeugnis für "Kommunikation und Agieren" ausstellte, aber: "Wir freuen uns nun sehr auf die Frankfurter Messe im Herbst."

Der nächste unfreundliche Sachsen-Essay liegt schon wieder in der Pipeline

Der Gründer des Kanon-Verlags und ehemalige Ullstein-Chef Gunnar Cynybulk wirft den deutschen Verlagen Gedankenlosigkeit und Doppelmoral vor: Einerseits setze man sich dafür ein, dass die Buchhandlungen offen bleiben, schicke seine Vertreter weiter über Land und Autoren auf Lesereisen. Andererseits sehe man sich außerstande, in Leipzig einen Buchmessestand zu unterhalten. Es fehle die Solidarität, die Branche gebe, so Cynybulk, in dieser Geschichte kein gutes Bild ab.

Übrig bleibt ein Gefühl verdrießlicher Leere: Die Leipziger Buchmesse hätte stattfinden können, wenn die drei großen westdeutschen Verlagskonzerne sich aufgerafft und ein bisschen zusätzliche Energie aufgebracht hätten. Wenn es in den Konzernzentralen ein Bewusstsein gegeben hätte für die Rolle, die die Leipziger Messe in der ostdeutschen Gesellschaft spielt, und dafür, was für ein wichtiger Brückenkopf sie ist für die liberalen, demokratischen, intellektuellen Gesellschaftsteile in Polen, Ungarn, der Ukraine. Wenn das literarische Leben nicht zuerst von der Buchhaltung her gedacht worden wäre. Allein: Nichts davon war vorrätig im Deutschland des dritten Pandemiejahres.

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