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Leipziger Buchmesse 2011:Leicht anklickbare Pornographie

Der Autor Clemens J. Setz ist ein Verwandter des fiktiven Nerd. Die Obsession aller Computerspiele, das Erreichen des nächsthöheren Levels ist in seine Erzählungen eingewandert. Das gilt vor allem dort, wo die Figuren die Grenze zur Lust an der Gewalt überschreiten wie der böse schlaflose Junge aus der ersten Erzählung, der seinen sanften Spielfreund quält, die Arbeitskollegen, die einen neuen Mitarbeiter erniedrigen oder das Paar, das Herr und Sklave spielt, nachdem die junge Frau einen Käfig erstanden hat.

Die Zerstörung einer jungen Unschuld

Setz geht in den Clinch mit einem Urmodell des Voranschreitens von Level zu Level der Grausamkeit, dem Marquis de Sade. Er erfindet ein gebildetes Lehrerpaar, das seine physische Lust nach den Regeln des Marquis steigert und durch die Lust an der eigenen Amoral, an der Demütigung einer Hure und Zerstörung einer jungen Unschuld krönt - und zahlt für die Vorführung des abstoßenden Paares einen hohen Preis. Er opfert in dieser Rollenprosa seine eigene Sprache, die doch das Zeug zur Unruhestifterin und ironischen Vernichterin hätte, dem biederen Realismus landläufiger, leicht anklickbarer Pornographie.

Immer dann gelingen Setz seine Grotesken, wenn er zur eigenen Sprache, zur eigenen Spielanleitung findet. David Lynch, dessen Filme - "Der Elefantenmensch", "Eraserhead", "Blue Velvet" - sich in der blauen Setz-Kiste über Kafkas "Verwandlung" und "Strafkolonie" und seinen abgründigen Satz "Das Böse ist der Sternhimmel des Guten" legen, steht dabei eher im Weg, gerade weil die Geschichte von den Visitenkarten, über die sich schwärende Pusteln legen und als ansteckende Krankheit verbreiten, wie eine Lynch-Paraphrase wirken.

Wie freischwebend wirkt demgegenüber die kleine Erzählung, in der ein Musikliebhaber auf einen Planeten ausgewandert ist, um einen musikempfänglichen Roboter zu basteln. Der extraterrestrische Plot ist hier nur die Rampe für einen Prosaflug über die zurückgelassenen alteuropäischen Städte und die Musik ihrer Glocken: "in Krisenzeiten klangen sie anders, wälzten sich unruhiger von der einen auf die andere Seite, wie Schläfer mit schrecklichen Träumen." In einer anderen Erzählung wird derweil ein Dichter in der Kapelle, in der seine tote Mutter aufgebahrt ist, zur Spukgestalt.

Eine große alte Waage, die plötzlich im Hof steht, greift umso unwiderstehlicher ins Leben eines Paares ein, je weniger die Erzählung sie mit symbolischem Gewicht ausstattet. Und in einer Coming-of-Age-Geschichte wird die plötzlich einsetzende Empfindlichkeit gegenüber dem sexuellen Zynismus ganz ohne moralischen Zeigefinger zum Zeichen des Erwachsenwerdens.

Seltsame surrealistische Kisten sind die "boxes" des amerikanischen Bildhauers Joseph Cornell, denen der amerikanische Autor Robert Coover einen schmalen Prosaband gewidmet. In der Titelgeschichte seines Bandes zitiert Setz daraus: "ich schlief in einem der kleinen hotels / aus den Kästen Joseph Cornells." "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" handelt von einer Skulptur. Sie ist aus Lehm und sehr weich, sehr formbar, ein interaktives Kunstwerk, das mit Schlägen, Tritten oder Werkzeugen aller Art "in die allgemein als vollkommen empfundene Form eines Kindes" gebracht werden soll.

Noch schwankt Clemens J. Setz bei seiner Suche nach einer surrealistisch gefärbten deutschen Prosa, und manchmal stürzt er ab. Aber eines hat er schon erreicht: Man spürt, dass in seiner blauen Kiste ein leibhaftiges Kind rumort.

© SZ vom 15.03.2011/fort/rus
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