Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung:Sturz aus dem Alltag

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Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung: Seit 1961, dem Jahr des Mauerbaus, sind Kiew und Leipzig Partnerstädte: Projektion einer Friedenstaube auf das Leipziger Völkerschlachtdenkmal am Mittwochabend.

Seit 1961, dem Jahr des Mauerbaus, sind Kiew und Leipzig Partnerstädte: Projektion einer Friedenstaube auf das Leipziger Völkerschlachtdenkmal am Mittwochabend.

(Foto: ArcheoPix/Imago/Christian Grube)

Statt der Eröffnung der Buchmesse feiert Leipzig immerhin einen Festakt zur Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung.

Von Lothar Müller

Seit 1961, dem Jahr des Mauerbaus, sind Kiew und Leipzig Partnerstädte. Burkhard Jung, der Oberbürgermeister von Leipzig, erinnerte daran bei der Kundgebung "Recht auf Frieden", zu der am Mittwoch die Stadt Leipzig, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Leipziger Buchmesse und die Nikolaikirche aufgerufen hatten. Und er erinnerte an den Auftritt seines Kiewer Kollegen Vitali Klitschko bei der 60-Jahr-Feier der Partnerschaft im Oktober 2021 in Leipzig.

Auf dem Platz zwischen Kirchengebäude und Alter Nikolaischule war aus Iwano-Frankiwsk der Schriftsteller Juri Andruchowytsch zugeschaltet, Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung im Jahr 2006. Auf der Leinwand führte er das Publikum durch die leeren Räume des von ihm mitbegründeten Kulturzentrums "Vagabondo" und hielt dann noch einmal die kleine Ansprache, die er per Video auch am 7. März auf dem Bebel-Platz in Berlin gehalten hatte. Als in den öffentlichen Raum verlegtes wöchentliches Friedensgebet der Nikolai-Gemeinde hatte die Veranstaltung begonnen, mit Psalmen und Gesängen. "Jetzt ist viel mehr gefordert als für uns zu beten und zu weinen", sagte Andruchowytsch, "die Stürme von Begeisterung und Empathie, das betäubende Klatschen im Stehen und die Kundgebungen, das ist alles rührend und wunderbar, aber es genügt uns nicht. Bei uns sterben Leute."

Seit Jahrzehnten plädiert Andruchowytsch mit zunehmender Verbitterung für die Mitgliedschaft der Ukraine in der EU. Seine Berliner Forderung nach Waffenlieferungen und der Schließung des Luftraums über der Ukraine übernahm in Leipzig Alexander Afonin von der ukrainischen Partnerorganisation des deutschen Börsenvereins, der leibhaftig anwesend war und den Sturz aus dem Alltag in seiner Heimat schilderte.

Karl-Markus Gauß, der Preisträger, attackierte in seiner Dankesrede die Verlagsabsagen scharf

Wenig später fand im Innern der Nikolaikirche der Festakt zur Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2022 an den österreichischen Schriftsteller Karl-Markus Gauß statt. Unter der Kanzel hing ein Plakat mit der Parole "Schwerter zu Pflugscharen", in der sich die Erinnerung an den Herbst 1989 verdichtet. Sie ist jetzt ein Ferment der Desillusionierung über die Welt, die aus dem Fall der Mauer und dem Zerfall der Sowjetunion hervorging. Der Oberbürgermeister Burkhard Jung stellte sie ins Zentrum seiner Ansprache. "Wir sind von Freunden umzingelt", hatte sein Parteifreund Johannes Rau gesagt, als er beim Gedenken an 1945 auf das Europa des Jahres 2005 blickte.

Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung: Reale und imaginäre Grenzen: Schriftsteller Karl-Markus Gauß während seiner Dankesrede bei der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung in der Nikolaikirche.

Reale und imaginäre Grenzen: Schriftsteller Karl-Markus Gauß während seiner Dankesrede bei der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung in der Nikolaikirche.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

In gebührendem Abstand kam beim Festakt in der Nikolaikirche aber auch die andere Enttäuschung zur Sprache, die Absage der Leipziger Buchmesse, als deren Auftakt die Preisverleihung normalerweise im Gewandhaus stattfindet. Zum dritten Mal in Folge fällt sie in diesem Jahr aus. Es gibt ein von einigen Verlagen organisiertes Ersatzprogramm, die "Pop-up-Messe" in der Stadt, die Messe auf dem Messegelände gibt es nicht. Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, stand "traurig, sprachlos, unsicher" vor dem "geschlossenen Tor zum Osten". Aber hat der Börsenverein dem Rückzug vieler Verlage von ihrer zugesagten Teilnahme in Leipzig massiv entgegengesteuert?

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer fügte in seinem Grußwort der Verurteilung des Kriegs in der Ukraine und dem Appell zur Aufnahme der aus den Kriegsgebieten Geflüchteten eine Passage zu den für Ende März geplanten Treffen zwischen dem Land Sachsen, der Stadt Leipzig, der Leipziger Buchmesse und dem Börsenverein an, in der er verbindliche Teilnahmeerklärungen der Verlage für 2023 einforderte. Karl-Markus Gauß, der Preisträger, wiederum attackierte in seiner Dankesrede die Verlagsabsagen scharf: "Wer es der Buchhaltung, so wichtig sie ist, überlässt, über Bücher, Buchmessen, Feste der Literatur und derer, die ihr Leben mit ihr verbunden haben, zu entscheiden, der wird eines Tages jenem Produkt den gesellschaftlichen Wert genommen haben, mit dem er doch seine besten Geschäfte gemacht hat. Das sollten auch die drei Herren bedenken, die im Fernsehen begründeten, warum ihre Konzerne der Messe, deren nicht geringstes Verdienst es ist, die realen und die imaginären Grenzen, die durch Europa schneiden, in der Literatur aufzuheben, dieses Mal oder womöglich für immer fernbleiben müssten."

Die Literatur der Ukraine ist das Dementi der systematischen Abwertung der ukrainischen Sprache seit zaristischen Zeiten

Gauß hatte die Erstfassung seiner Rede bis zu dieser Attacke auf die anonymen Repräsentanten der neuen "Betriebssportart Synchronjammern" geschrieben, als am 24. Februar die Invasion der Ukraine begann. Wie gut er die Welt kennt, die nun Kriegsgebiet ist oder wird, hatte zuvor die Literaturkritikerin Daniela Strigl in ihrer funkelnden Laudatio verdeutlicht. Sie zeigte ihn, wie er in seinem Buch "Die unaufhörliche Wanderung" in Odessa das prächtige Palais in Augenschein nimmt, in dem die mit Hitler verbündete rumänische Armee 1941 die Todeslisten der jüdischen Bewohner erstellt hat, folgte ihm an die Peripherien Europas. "Der Fluchtweg seiner Eltern", so Strigl, "donauschwäbischer Nazigegner, 1945 aus der Batschka nach Salzburg hat seine Wanderroute vorgegeben oder doch: beeinflusst."

Gauß selbst unternahm in seiner Dankesrede nach der Zäsur, die ihr der Krieg setzte, eine Wanderung durch die Regionen, in denen der Krieg als Sprachkrieg geführt wird, etwa, indem er nicht als solcher bezeichnet werden darf. Und in denen er zugleich ein Krieg ist "gegen die ukrainische Sprache selbst, die seit zaristischen Zeiten stetig zu einem rohen Bauerndialekt abgewertet wurde, den man abwechselnd mit paternalistischem Wohlwollen in den privaten Bereich verwies und mit bürokratischen Direktiven aus dem öffentlichen Bereich, der Sphäre von Politik, Verwaltung, Wissenschaften verbannte".

Die ukrainische Literatur ist das Dementi dieser Abwertung, zur Anschauung verwies Gauß auf das Buch "Unsere Anderen. Geschichten ukrainischer Vielfalt" der jungen Autorin Olesya Jaremtschuk. Ein gängiges Deutungsmuster der vergangenen Jahre setzte Gauß außer Kurs: "Dort sprächen eben die einen Ukrainisch und wären folglich Ukrainer, die anderen sprächen Russisch und wären deshalb Russen, die einen wollten lieber in einem Staat aus lauter Ukrainern leben, die anderen lieber mit ihrem vorgeblichen Mutterland vereint werden." Die Verteidigung der Ukraine, so die Lehre schon der ersten Kriegstage, transzendiert die Sprachgrenzen. Was allerdings das Russische betrifft, so ließ Gauß zwar keinen Zweifel daran, "dass dieser Krieg selbst ein einziges Kriegsverbrechen darstellt", er sprach sich aber zugleich vehement gegen diejenigen Stimmen in der Ukraine aus, die derzeit einen Boykott aller russischen Literatur fordern.

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