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Leif Randt "Allegro Pastell":Alles schon irgendwie okay

Leif Randt

"Von milder Abendsonne geflutet", wie es in seinem Roman heißt: Der Autor Leif Randt.

(Foto: Simon Vu)

Kaum ist Leif Randts neuer Roman da, geht das Gerede von einer neuen Jugendbewegung los. Aber hätten die, von denen sie erwartet wird, überhaupt die Kraft?

Es klingt schräg, aber es lässt sich auch nicht weniger widersprüchlich sagen: Der neue Roman "Allegro Pastell" von Leif Randt ist ein virtuos lauwarmes Meisterwerk. Der 1983 in Frankfurt geborene und in Berlin lebende Schriftsteller wurde für seine eindrucksvollen dystopisch-futuristischen Romane "Schimmernder Dunst über Coby County" (2011) und "Planet Magnon" (2015) in den vergangenen Jahren schon gefeiert und mit diversen Preisen bedacht. "Allegro Pastell" ist nun aber doch mehr als bloß ein weiteres gelungenes Buch. Es ist ein unmittelbar zeitgenössisches und gleichzeitig in sich absolut stimmiges Dokument einer ästhetischen Zeitenwende.

Der Ausgangspunkt ist dabei denkbar konventionell, Randt erzählt die fast perfekte Liebesgeschichte von Jerome und Tanja. Aber wie! Er ist Mitte 30, sie knapp darunter, er lebt als freier Webdesigner in der hessischen Provinz in der Nähe von Frankfurt, sie als Schriftstellerin in Berlin, mit erstem kleinen Ruhm für ihr Romandebüt namens "PanoptikumNeu!", in dem es - und spätestens da, auf Seite vier, schlittert man mit Leif Randt geradewegs ins Herz unserer schrägen Gegenwart - "um eine sinnstiftende Virtual-Reality-Erfahrung von vier befreundeten Männern in einem stillgelegten Landschulheim" geht. Einmal war Tanja deshalb als VR-Expertin schon in der Talkshow von Markus Lanz zu Gast. Die Virtual Reality in ihrem Roman ist dabei nicht irgendeine, sondern eine "Achtsamkeits-VR". Gestaltet hat sie Tanjas Hauptfigur Liam, dessen Freunde damit "ihre Sucht nach sexueller Bestätigung" in den Griff bekommen, "zumindest so lange, bis ein eifersüchtiger Exfreund das System hackte und die Protagonisten gegeneinander ausspielte".

Das ist natürlich ein Gag, aber eben genau auch nicht zu sehr. Zumal da dieser hyperreflektierte, dabei jedoch auch zenhaft ausgeruhte, präzise, aber fast stille Plauderton ist: "Jerome hatte während der Lektüre häufig gelacht. (...) Einige Fans gingen sogar so weit, zu behaupten, dass sie die Lektüre verändert habe. Und diejenigen, die das Buch nicht mochten, wirkten peinlich stolz darauf, es nicht zu mögen, denn sie mochten ein Buch nicht, das anderen etwas bedeutete, was ihnen ein Gefühl dunkler Überlegenheit gab."

Man fragt sich fast, welche Abgründe hier sublimiert werden. Aber nur fast

Auch Tanja pflegt diese Hyperreflektiertheit bei der Selbst- und Fremdbeobachtung. Aber die Liebe muss auf die Probe gestellt werden, man lernt Familie, Freunde und Affären kennen, wird durch allerlei supersmarte Social-Media-Messages der Protagonisten geführt, mit cleveren Beobachtungen zu Alltagskulturphänomenen aller Art, von Sex über Social Media bis zu kleinen Alkohol- und Drogenerlebnissen, von Essen über Hochzeiten bis zu Fertighausaustellungen, von obskuren Autoren spiritueller Bestseller wie Eckhardt Tolle bis zur betont lässigen Wertschätzung für das Budget-Equipment der Sportartikel-Kette Decathlon. Aber nie, nie, nie fällt dabei ein wirklich böses Wort, es ist alles schon "irgendwie" okay und "relativ". Ultimativer Ausdruck der Zuneigung ist, es "denkbar zu finden", sich "vollends" an jemanden zu gewöhnen. Aber nicht aus Enttäuschung, sondern weil man tief in sich der Ansicht ist, dass Fortschritt vor allem darin besteht, "sich selbst eventuell besser verstehen" zu lernen. Eventuell. Es ist die Sprache unseres posttherapeutischen Zeitalters, alle sind einmal komplett durchtherapiert. Manchmal ist es einem fast unheimlich, weil man sich fast fragt, welche Abgründe hier eigentlich sublimiert werden müssen. Aber nur fast.

Das absolut Gegenwärtige des Romans legt natürlich die Frage nahe, wie sich "Allegro Pastell" eigentlich zu den Büchern von Rainald Goetz und denen des frühen Christian Kracht verhält. Randt trennen 17 Lebensjahre von Kracht und sogar 29 ahre von Goetz. Seine poetische Ästhetik aber ist so anders, dass man eigentlich gar nicht sagen mag, die beide scheinbar ewig jungen Köpfe sähen gegen Leif Randt nun zum ersten Mal erstaunlicherweise alt aus. Obwohl der Eindruck völlig richtig ist. Aber das Spiel Randts ist so kategorisch anders, dass einem schon der Vergleich mit seinen Vorgängern, wenn man ihn so hinschreibt, übergriffig vorkommt.

Sowohl der blasierte Ennui der Beobachtungen Krachts in seinen frühen zeitdiagnostischen Romanen "Faserland" von 1995 und "1979" aus dem Jahr 2001 als auch die nervös-angriffslustige Emphase von Goetz kennen nämlich nicht nur einen Feind, sie sind auf je eigene Art unübersehbar energisch gegen etwas geschrieben, gegen die epidemische provinzielle Schlappheit und stillose Selbstzufriedenheit der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Aus jeder Beobachtung springt einen dort mindestens Trotz an.

"Allegro Pastell" ist dagegen trotz - oder gerade wegen - all seiner irgendwie zahnlosen Brillanz nicht einmal ein fernes Echo dieses Trotzes. Die Distinktionen im Buch wollen - gut posttherapeutisch - weder schroffe Abgrenzungen gegen irgendwas oder irgendwen sein, noch ostentativer Selbstausdruck oder um Beachtung hechelnder Originalitätsausweis. Dafür gehört zum Selbstbild der Protagonisten viel zu sehr, immer ganz genau über sich Bescheid zu wissen. Alles ist eher so, nun ja, allegro pastell. Dass Leif Randt gern und eloquent das Konzept des "post-pragmatischen Vergnügens" erläutert, das für ihn so etwas ist wie die kontrollierte, stets gefasste Ausschweifung, passt dazu natürlich perfekt. Anders gesagt: Gegen Jerome und Tanja wirken die lieben, so scheinbar unendlich verständnisvollen Hippies der Siebziger wie hungrige Löwen.

Könnten diese Menschen für eine Jugendbewegung überhaupt die Kraft aufbringen?

Man wird also bei aller Bewunderung für dieses Buch beim Lesen auch immer mal wieder ganz altmodisch verrückt, wenn noch der kleinste Anschein eines erotischen Überschwangs gleich wieder reflexiv abgemildert wird: "In der Folge hatten sie leicht pathetischen Sex auf der Couch, bestimmt von der Überzeugung, dass sie nun etwas fraglos Gutes für ihren Geist und ihren Körper taten. Jerome glaubte in einem Moment sogar, dass sie durch ihren Akt an einer energetischen Verbesserung des gesamten Planeten Erde mitwirkten. (...) Nachdem zuerst er und kurz darauf Tanja gekommen war, musste er über seinen Energiegedanken lachen. Jeromes erster Impuls war, Tanja sofort von seiner Energiethese zu erzählen, aber dann dachte er, dass man ja nicht alles zerreden musste. Er würde ihren gemeinsamen Sex und den Planeten Erde einfach weiter beobachten."

Die dominierenden ästhetischen Kategorien - "cute" und "nice" - in den immer taghell ausgeleuchteten Gummizellen, die die Hirne dieser Figuren sind, sind dementsprechend erhaben gemittelt. Wobei es eine nicht zu unterschätzende Stärke dieser Prosa ist, dass sie sich den Zug ins platt Satirische fast immer verkneift. Zerlacht ist ja heute leicht was. Dieses Buch lacht eher so mit sich selbst mit, was eine anrührende Zartheit hat. Einerseits. Andererseits wünscht man den Protagonisten in ihrer grenzenlosen Freiheit hier und da - nur so zum Beispiel - ein paar Kinder, damit sie es mal mit Problemen zu tun bekommen, die nicht alle unmittelbar nur etwas mit ihrer eigenen Empfindsamkeit zu tun haben. Mit Problemen also, die man sich nicht schon fein säuberlich zurechtreflektieren kann, bevor sie wirklich Probleme sein können. Aber auch das ist das irre Zeitgenössische dieses Buches, das als literarisches Symptom der Zeitläufte über solchen geschmäcklerischen Einwänden steht.

Was ist also davon zu halten, wenn die Zeit in ihrer großen Leif-Randt-Hymne am Donnerstag gerade vermutete, dass eine neue literarische Jugendbewegung von dem Buch ausgehen könne, dass nun kein bürgerliches, zwischen 1981 und 1996 geborenes Millenial-Kid - ähnlich wie 1995 nach Krachts "Faserland" die Autoren der Generation X und Y - einen Roman über seine Zeit schreiben könne, "ohne sich zu 'Allegro Pastell' zu verhalten". Tja. Man mag da ganz im Geist des Buchs sofort mild nicken, und doch wäre es auch ein Wunder.

Können denn die, die diese Jugendbewegung starten müssten, dafür kollektiv überhaupt genug Kraft aufbringen, sind sie nicht genug beschäftigt mit der Beobachtung der Beobachtung dessen, was es wohl bedeutete, eine Bewegung zu starten? Es ist kein Zufall, dass die Generation, die die "Fridays For Future"-Bewegung ins Rollen brachte, schon die nächste ist, die Generation Z um die 17 Jahre alte schwedische Schülerin Greta Thunberg. Mit Post-Pragmatismus kann man ihrem eindringlichen Neoidealismus wirklich nicht kommen. Wenn es gut läuft, wird der dereinst bloß die Welt retten, aber eher nicht so merkwürdig aufregende Literatur hervorbringen wie "Allegro Pastell".

© SZ vom 07.03.2020
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