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Lehren aus der Trauer um Charlie Hebdo:"Was in Köln passiert ist, ist ein starkes Symptom"

Inwiefern aufpassen? Was können wir tun? Außer unsere Werte hochzuhalten? Hilft mehr Polizei?

Daniel Leconte: Da gibt es verschiedene Ebenen. Zuerst brauchen wir mehr Sicherheitsvorkehrungen. Bessere Organisation der Geheimdienste, bessere Möglichkeiten, die Aktivitäten dieser Leute zu kontrollieren. Aber noch wichtiger ist die Gesellschaft: Ist sie bereit, sich zu verändern und auf diese Bedrohung richtig zu reagieren? Und davor noch muss man sich eines großen Problems annehmen: Es gibt gerade wahnsinnig viel Migration. Auf der einen Seite ist das gut für Europa, eine echte Chance. Auf der anderen Seite ist das die Basis für Dschihadisten, ihre Leute zu rekrutieren. Wenn wir dieses Problem in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Neuankömmlinge überzeugen. Wir müssen stärker sein als unsere Gegner.

Emmanuel Leconte: Wir müssen sie für uns gewinnen.

Daniel Leconte: Wir leben schon so lange in Frieden in Europa, 70 Jahre lang. Das war normal für uns. Aber jetzt müssen wir dafür kämpfen. Unser Lebensmodell wird attackiert von einem neuem Totalitarismus. Als allererstes müssen wir das benennen. Diesen neuen Feind. Natürlich sind nicht alle Muslime Terroristen, aber fast alle dieser Attentäter waren Muslime. Die wollen unsere Gesellschaft ändern. Sie töten. Auch für Journalisten ist das eine große Frage: Sie müssen anfangen, sich zu überlegen, wie sie zu dieser Frage stehen. Auch zum Thema Islamophobie.

Inwiefern?

Daniel Leconte: Zum Beispiel wird Frankreich immer wieder vorgeworfen, islamophob zu sein. Aber nach den Massakern im November gab es keine Islamophobie. Es wurden keine Muslime angegriffen. Die Franzosen haben unglaublich erwachsen auf die Vorfälle reagiert. Aber wenn man sich im Fernsehen angeschaut hat, wie etwa nach den Anschlägen im Januar reagiert wurde: Ein paar Leute haben Charlie Hebdo verteidigt. Aber noch mehr Menschen war es wichtig, die Muslime zu verteidigen, aus Angst, es könne Islamophobie aufkommen. Ich habe die Macher gefragt: Was macht ihr da? Sieben Leute wurden umgebracht. Das waren keine Muslime, sondern Juden, Christen und Atheisten, Journalisten und Intellektuelle. Aber ihr ladet Muslime ein, um über Islamophobie zu diskutieren? Okay, da gibt es ein gewisses Risiko, aber das andere Risiko ist größer. Schon für uns ist das schwierig zu begreifen, aber versetz dich mal in die Lage von Muslimen. Man drängt sie ja gerade dazu, sich als Opfer zu fühlen. Wir müssen aber doch diese Leute stattdessen von unseren Werten überzeugen! Nur so können wir diese negativen Dinge in etwas Gutes verwandeln.

Kinostart - ´Je suis Charlie"

Szene aus dem Kinofilm "Je suis Charlie": Ganz Paris war am 11. Januar 2015 auf der Straße, um der Opfer des Terrors zu gedenken.

(Foto: dpa)

Ich sehe das Problem in ähnlicher Form aktuell auch in Deutschland.

Emmanuel Leconte: Was da passiert ist an Silvester: Es ist ein Fehler, dass Leute in öffentlichen Positionen zu ängstlich sind, um die Realität zu beschreiben. Ich kann verstehen, was dahintersteckt, und was sie nicht provozieren wollen. Es ist immer ein Risiko, wenn man das Böse benennt, weil es die Gefahr der Verallgemeinerung gibt. Aber wenn man es nicht macht, wird es nur noch schlimmer. Wir müssen diesen Kontinent beschützen, der attackiert wird. Eine Minderheit dieser Leute pervertiert das mit terroristischen Attacken. Sie zerstören diese schöne Geste von Deutschland, inmitten der größten Flüchtlingsbewegung, die Europa je gesehen hat. Es muss ein gemeinsamer Kampf sein für beide Interessen. Für sie in ihrem neuen Zuhause, das sie willkommen heißt. Und für uns, um uns sicher zu fühlen. Was in Köln passiert ist, ist ein sehr starkes Symptom dessen, was vor sich geht.

Auch "Charlie Hebdo" wurde Rassismus vorgeworfen.

Emmanuel Leconte: Charlie Hebdo war immer zwischen zwei Feuern: Sie waren ihrer Zeit voraus, haben schon vor zehn Jahren kommen sehen, worüber wir heute diskutieren. Sie hatten mit Fundamentalisten zu tun, die bereit waren, sie zu töten. Auf der anderen Seite mussten sie gegen Leute ankämpfen, die ihnen vorwarfen, Rassisten zu sein. Wir leben in einem Kontinent mit hohen Werten. Nicht rechtsextrem zu erscheinen, war immer sehr wichtig für Charlie Hebdo. Es gab Leute, die ihre Cartoons manipuliert haben, um sie in die rechte Ecke zu drängen. Wenn in Köln jemand sagt, diese Männer haben Frauen bedrängt, ist er ein Rassist? Darüber können wir nicht reden, damit wir nicht als Rassisten dastehen, also lasst uns lieber darüber schweigen, dass Frauen von Männern vergewaltigt und erniedrigt werden? Das ist komplett verrückt!

Was kann man dagegen tun, dass auch Intellektuelle sich dem Terror auf diese Weise beugen?

Emmanuel Leconte: Wenn ein Intellektueller seine Argumente nicht so formulieren kann, dass die Leute sie richtig verstehen, ist er kein Intellektueller. Das Problem ist komplex, aber die Fronten sind klar. Wer sich da hinter Ausflüchten und Ablenkung versteckt, ist kein Intellektueller, sondern er folgt dem Mainstream, und das ist etwas anderes.

In Ihrem Film fragt die Philosophin Elisabeth Badinter: Was können wir tun, damit junge Journalisten sich nicht von den Ereignissen um "Charlie Hebdo" negativ beeinflussen lassen? Wie die Angst nehmen?

Daniel Leconte: Das ist ein Appell an die Journalisten. Wenn ihr euch nicht darum kümmert, können die anderen gewinnen. Darum geht es. Es ist ein Aufruf zu guter Arbeit, Ehrlichkeit und Respekt vor der Pflicht zur Information. Und ich finde: Wenn Journalisten Angst vor dem IS haben, sollten sie den Job wechseln.

Zurück zum Film: Einige der Überlebenden wirken, als würden sie zum ersten Mal davon erzählen.

Emmanuel Leconte: Es war das erste Mal für sie - nachdem sie es der Polizei und einem Psychologen erzählt haben. Und gleichzeitig das letzte Mal für manche. Sie wollten mit niemandem sonst darüber reden. Für sie war es fast kathartisch, nach diesem Trauma. Es war eine Form für sie, die Terroristen nicht gewinnen zu lassen, die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerobern. Sie konnten sagen: Wir sind hier, wir sprechen über das Böse - so lange wir können.

Der Zeichnerin Coco laufen während des Drehs immer wieder Tränen übers Gesicht. Sie wurde später angefeindet, weil sie den Terroristen die Tür geöffnet hat. Sie spricht auch im Film darüber, wie zerrissen sie sich dabei fühlte. Sie wusste, dass sie damit das Leben ihrer Kollegen gefährdete, und musste gleichzeitig an ihre Tochter denken, die Kalaschnikow im Rücken. Wollte sie selber davon erzählen oder haben Sie gezielt danach gefragt?

Emmanuel Leconte: Sie wollte es selber loswerden. Das Tolle ist, dass sie so ehrlich über alles spricht, ohne irgendeine Maske. Sie versucht nichts zu verstecken, sie ist sehr mutig. Du kannst nicht mehr tun, um anderen verständlich zu machen, was da passiert ist. Es fühlt sich in diesem Moment fast so an, als wären wir als Zuschauer an ihrer Stelle.