Legenden des Rock Probelauf in kunstvollem Licht

Die Bezeichnung Krautrock hören sie nicht so gerne: Gitarrist John Weinzierl von Amon Düül 2 im Münchner Milla-Club.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wer dabei war, gerät ins Schwärmen: "Amon Düül 2" und ihr "Geheimkonzert. Psychedelic" in der Milla

Von Dirk Wagner

Die Lemminge tanzen wieder!" bewirbt ein Amon Düül 2-Plakat vor der Milla am Veranstaltungstag nun doch das ursprünglich als geheim vereinbarte Konzert jener Münchner Krautrock-Legende, die sich eigentlich seit ihrer Gründung Ende der Sechziger gegen eine solche Zuordnung wehrt. Angemessener scheint der Begriff Psychedelic-Pioniere, wie man ihn ja auch auf englische Bands wie Pink Floyd anwendet. Trotzdem fällt das Wort "Krautrock" an jenem Abend oft, weil unter den Zuschauern in der Milla auch andere "Krautrock-Legenden" wie Embryo-Mastermind Christian Burchard gesichtet werden. Und von Punk ist gelegentlich die Rede. Der Bassist Lothar Meid hat sich nämlich aus der Band zurückgezogen. Ersetzt wird er nun ausgerechnet von dem Bassisten, den Meid 1979 in der Punkformation Marionettes ersetzt hatte: Sigi Pop, der bei Amon Düül 2 aber nun seinen bürgerlichen Namen Sigi Hümmer nutzt.

Ihm und dem neuen Organisten Ulli Fliszt zuliebe geben Amon Düül 2 übrigens ihren Hidden Gig zum freien Eintritt. "Bevor wir am 12. Juni in London spielen, wollen wir die neue Formation auch mal vor Zuschauern testen", sagte Sängerin Renate Knaup, als sie vor wenigen Tagen eine geeignete Bühne für einen Testlauf in München suchte. "Wenn der Club-Betreiber um 21 Uhr ein anderes Programm geplant hat, würden wir das Konzert auch um 19 Uhr spielen", räumte Knaup damals ein. Doch die Betreiber der Milla, die sofort nach der Anfrage ihr Interesse bestätigten, überließen der Band den gesamten Mittwoch. Das "Geheimkonzert" war dann auf der Internetseite des Kellerclubs für jenen Tag angekündigt.

Wohl haben zeitnah längst schon einige Pressemeldungen das Gerücht bestätigt, Amon Düül 2 würden in der Milla spielen. So richtig glauben wollte das aber beispielsweise der frühere Atomic-Café-Betreiber Roland Schunk nicht: "Ich bin trotzdem mal vorbeigekommen. Und jetzt spielen die tatsächlich." Der fränkische Musiker und Veranstalter Peter Harasim reiste wegen des Gerüchts sogar aus Nürnberg an. Und weil Gerüchte in München offenbar eh mehr neugierige Gäste anlocken als so manche Konzertankündigung, wurde bald schon niemand mehr in den Kellerclub in der Holzstraße gelassen.

Die aber drinnen waren, erlebten ein so großartiges Konzert der Düüls, das diese in London kaum überbieten werden können. Schon allein die Visuals, mit denen der VJ Autopilot den Auftritt in ein Licht rückte, das man von entsprechenden Psychedelic-Konzerten in den Endsechzigern kennt, erhob den Probegig zu einem Ereignis, von dem Zeitzeugen noch lange schwärmen werden. "40 Jahre habe ich auf so eine Gelegenheit gewartet", sagte der Lichtkünstler. In verschiedenen Farben ziehen Öltropfen durch die Bilder, die der VJ Autopilot nun auf die Band projiziert. Diese experimentiert mit Klängen, die immer wieder Songstrukturen ausarbeiten, ohne solche aber festhalten zu wollen.

Freiheit findet in solchem Zusammenspiel einen musikalischen Ausdruck. Dass dieser auch von zahlreichen weiblichen Zuschauern goutiert wird, gefällt der Sängerin Renate Knaup besonders gut: "Früher kamen nur Männer zu unseren Konzerten", sagt sie. Die leider viel zu früh gestorbene erste deutsche Rockmusik-Journalistin Ingeborg Schober hätte das wahrscheinlich bestätigt, gleichwohl sie selbst auf den meisten Amon Düül 2-Konzerten gewesen sein dürfte. An diesem Abend, an dem sonst nichts fehlte, fehlte sie.