"Leere Herzen" von Juli Zeh:Wenn nur die Poesie in diesem Roman nicht wäre!

Lesezeit: 4 min

Britta vermittelt Selbstmordattentäter an interessierte Abnehmer, gar nicht nur an den "Daesh", den "Islamischen Staat", den es eigentlich nicht mehr gibt (er funktioniert nur noch als Instanz, die sich zu allem und jedem "bekennt"), sondern lieber an Umweltbewegungen wie "Green Power" oder zu sonstigen guten Zwecken. Ein seltenes, nur aufwendig zu gewinnendes Gut in einem überschaubaren Markt. Davon kann Britta sehr gut leben und so auch ihren weniger erfolgreichen Ehemann sowie sympathisch verkuschelte Freunde, die sich aufs Land zurückziehen wollen, unterstützen.

Dieses Geschäftsmodell kommt so herzlos rational rüber wie alles in dem quadratisch-praktischen Roman. Ist es nicht eine durch und durch vernünftige Methode, mit den psychopathologischen Ausreißern einer glaubenslosen, sinnentleerten Konsumgesellschaft umzugehen? Die "Brücke" recycelt Seelenabfall effizient, sie kanalisiert sonst unbeherrschbare Probleme, indem sie Gewalt sortiert, therapiert und den toxischen Restmüll einer sinnvollen Verwendung zuführt. Nicht einmal besonders kriminell wirkt das, ein wenig digitale Heimlichtuerei reicht schon aus. Abends, wenn Britta nach Hause kommt, klatschen sich die Mädchen Vera und Cora ab, wenn sie im Killerspiel wieder eine Stufe weitergekommen sind. Ja, so sind wir.

Gut, es ist auch ein Roman. Die Dinge gehen also schief, sonst könnte er nicht 350 Seiten lang werden. Irgendwo passiert ein Attentat, das nicht aus Brittas marktbeherrschender Firma stammt. Hektisches Nachforschen. Geheimnisvolle Verbindungen. Plötzlicher Geldsegen für Brittas Mann Richard. Ein Investor taucht auf, der zugleich "Geomant" ist, Wünschelrutengänger - besteht da ein Zusammenhang mit Brittas Bürosorgen oder fängt sie jetzt selbst an zu spinnen? Im verwunschenen Landhäuschen von Knut und Janina entsteht ein beeindruckend verdreckter Nebenschauplatz als Seelenhölle für Brittas Putzfimmel, aber auch als Gewaltraum, in dem ihr aseptisches Tun seine brutale Wahrheit enthüllt.

Die Dialoge sind verziert mit Kaffeebechern und ausgewischten Suppentellern

Wenn nur die Poesie in diesem Roman nicht wäre! "Der Sommer besinnt sich noch auf seine Fähigkeiten und malträtiert das schlecht isolierte Haus mit unbarmherziger Sonneneinstrahlung", erfahren wir. "Die Sekunden vergehen wie Minuten und die Minuten wie Stunden", heißt es, genau, wenn die Zeit sich quälend dehnt. Wenn's schmeckt, kommen "Geschmacksknospen zum Explodieren". Irgendwas "sieht phantastisch aus".

Die Dialoge werden so mechanisch mit kleinen Schlucken aus Kaffeebechern oder mit Brot ausgewischten Suppentellern verziert, dass es zum Steinerweichen ist. Eine besonders entschlossene Selbstmordkandidatin namens Julietta ist eine in den Scharnieren kreischende Klischeepuppe, deren Dämonie den Lautvorlesentest glänzend besteht: schallendes Gelächter. Ja, so sind wir schon, weil so etwas ja Erfolg hat.

Leere Herzen, das kommt aus dem Debütalbum einer Molly Richter, dem Song des Jahres 2025: "Full Hands, Empty Hearts. It's a Suicide World." Volle Hände, leere Herzen, 's ist 'ne Selbstmord-Welt. Da nicken wir wissend.

Juli Zeh: Leere Herzen. Roman. Luchterhand Verlag, München 2017. 350 Seiten, 20,00 Euro. E-Book 15,99 Euro.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB