Led Zeppelin wiedergehört Whole Lotta Schlaf

Wie die heutige Jugend die ehemalige Jugendmusik von Led Zeppelin erlebt: Sagen wir so: Langes Haar reimt sich in diesem Fall auf Langeweile.

Von WILLI WINKLER

(SZ v. 10.06.2003) - Keiner kennt die heutige Jugend. Sie drückt sich in ihren Jugendzimmern herum, an der Wand kuschelige Hundebabies und widernatürlich große Pferdeköpfe, auf dem Boden liegt genug Wäsche für die nächste Altkleidersammlung herum, und kaum haben sie den Fernseher angemacht, wo auf MTV Justin Timberlake geschmerzt in die Teenie-Höhle lächelt, wählen sie die Nummer der besten Freundin und besprechen mit ihr, dass der und jener in der Klasse ganz unglaublich furchtbar sü-hüüß ist.

"Man kann da gar nicht tanzen drauf." Das ist zwar klug beobachtet, aber nicht ganz der Punkt.

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Oder auch nicht.

So wenig man sonst über sie weiß, steht doch immerhin fest, dass diese Jugend einen schlechten Geschmack hat, sonst würde es MTV ja gar nicht geben. Hin und wieder jedoch muss man als älterer Mensch diesen dark continent tapfer explorieren. Wer weiß schon, was sich dort für seltsame Rituale abspielen, was dort womöglich gedacht wird? Und so wurden am Pfingstwochenende die nubilen Nichten in eine Versuchsanordnung einbezogen. Der Forschungsauftrag lautete: Wie reagiert die junge Generation auf das Haarewerfen und brünstige Kreischen von Led Zeppelin? Die Band entstand vor 35 Jahren und wurde 1969 die hippeste Gruppe in England.

Led Zeppelin veröffentlichte fast keine Singles, sondern gab Konzerte und brachte Konzeptalben heraus, die, wie anders, alle "Led Zeppelin" hießen; allenfalls durch die Nummerierung unterschieden sie sich. Angeblich hatte das mit dem Blues-Revival zu tun, die Gründer Jimmy Page und Robert Plant kamen von den Yardbirds und von Alexis Korner, vor allem aber gaben sie sich Gelegenheit, einen bis dahin nicht gekannten Narzissmus auf der Bühne zu zelebrieren.

Unterstützt von einer offenbar schafsgeduldigen Zuschauermasse blähten sie ihre Stücke zum Opern-Format auf. "The Song Remains the Same" hieß ihr Konzertfilm von 1976, aber vor allem hörte dieser Song überhaupt nicht mehr auf.

Jetzt gibt es eine DVD mit Led-Zeppelin-Konzerten in der Royal Albert Hall (1970) und im Madison Square Garden (1973) und in Knebworth (1979), insgesamt mehr als fünf Stunden delirantester Rock-Orgiastik. Das ideale Weihnachtsgeschenk für den damals dabeigewesenen Fan, aber wie reagieren junge, noch unverbildete Menschen darauf? Die jungen Menschen sind zwei Mädchen. Chiara ist 18 und hat auf der Schule das Wahlfach Popchor belegt. Celia wird in dieser Woche 15 und tanzt gern. Obwohl zu Pizza und Cola eingeladen, verzichten sie mit Rücksicht auf ihre Figur auf das Bewirtungsangebot. Die Salzstangen sind aus, deshalb stellt ihnen der Versuchsleiter Gummibärchen hin.

Vielleicht wären statt dessen Sitzsäcke und qualmende Tüten die bessere Entspannungshilfe gewesen. Robert Plant jammert und jault ausgiebig, Jimmy Page bearbeitet seine Gitarre, John Paul Jones sorgt für die Bauchtöne, und John Bonham wirbelt nur. "We're Gonna Groove", aber Chiara und Celia ist das Ganze eher peinlich. Ob Erwachsene so sind? Die Mädchen fläzen sich auf dem Sofa und wissen nicht so recht. Die Bild-, erst recht die Tonqualität ist erstaunlich, aber die Musik ist ihnen schon sehr fremd.

Die Oma der Mädchen schaut herein, bleibt stehen, schaut sich das wüste Gesinge und Gitarrenvirtuosentum einen Augenblick lang an und sagt dann in kumpelhafter Verständnisbereitschaft: "Das ist dann wohl die rebellische Jugend." Die wohl erzogene Jugend fläzt sich weiter auf dem Sofa. Socken werden verglichen und so existenzielle Fragen aufgeworfen wie die, ob die neue Haarfarbe passt. Das Gespräch wendet sich den Frisuren der Musiker zu. Ein bisschen bewundern sie die Haare, auch wenn sie es nicht verstehen, wie man so herumlaufen kann.

Ob sie einen so langhaarigen Freund haben wollten? "Nein!", schütteln sich beide, aber die Frage finden sie auch unfein. Chiara: "Der sieht ja aus wie Pappa früher." Sie haben ihn so nicht gesehen, kennen aber Fotos.

Pappa trägt einen seltsam gerauteten Pulli und virtuosiert auf der Gitarre.

"Dazed and Confused". "Das ist aber doch niemals Pappa!", kreischt die Jüngere dazwischen. Jimmy Page weiß nichts von diesen elektra-ödipalen Konflikten, trägt seinen Pulli weiter mit Würde und lässt den Geigenbogen über die Gitarrensaiten sausen.

Chiara ist widerwillig erstaunt über das Kunststück: "Was macht der denn da?" Na, Soundeffekte halt, Kind, das war damals so, mit Verzerrer, Rückkoppelung, Echohall, und Jimmy Page hat's mit dem Fiedelbogen versucht. Chiara schaut sich das eine Zeitlang an, schweigt, denkt nach und sagt dann: "Man kann da gar nicht tanzen drauf." Das ist zwar klug beobachtet, aber nicht ganz der Punkt.

"Wie haben die das ausgehalten damals?" Celia stellt die Frage, weil sie nach mehr als einer Stunde Eltern-Musik sehr unruhig geworden ist.

Manches erkennen sie wieder, woher auch immer, "Whole Lotta Love" natürlich, und "C'mon Everybody". Das kann man mitsingen, "das ist Jazz, nein, Blues, das ist gut". Danke, Mädchen. Und sonst? Die Oma braucht gar nicht wieder aufzutauchen, um das autoritative Geschmacksurteil zu sprechen, die Enkelinnen können das selber. Krach sei das, "so laut", und "eigentlich keine Musik".

Keine Musik? "Gitarre möchte ich schon spielen können", sagt Chiara, "so wie der da." Die andere denkt ans Schlagzeug, klopft und trommelt weiter, als John Bonham mit "Moby Dick" fertig ist. "So lang dauert das!", sagen sie mehrmals und "Können wir dann gehen?" Aber ist das nichts? Ja, schon, wie er herumwirbelt und alles, aber warum dauert das alles so lang? Der Sänger singt ihnen auch zu lang, das ständige "My, my, maaaiiii" geht ihnen auf die Nerven.

Chiara und Celia haben inzwischen die Hälfte einer Kilo-Packung Haribo Phantasia aufgefressen. Doch, ja, damals wurde eindeutig Musik gemacht.

Selbstkritisch, streng tadelt Chiara den Geschmack ihrer Mitschüler. Da würden "vorne ein paar tanzen", dass Musik gemacht würde, sehe man nicht. "Die können zum Teil auch gar nicht singen", weiß sie schon, aber schließlich singt sie selber und möchte dabei schon gern gesehen und nicht durch eine Musikmaschine ersetzt werden.

Und Led Zeppelin? War das nichts? Große, wenn auch laute, wenn auch lang ausgespielte Musik, war das nichts? Ja, aber "ich würde da nicht hingehen".

Schließlich und tödlich: "Das ist nicht mein Stil." Und das war der pfingstliche Dialog zwischen den Generationen. Sowohl die DVD wie die CD "How the West Was Won" erreichte in der vergangenen Woche sofort den ersten Platz der US-Hitparade.