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"Leben gegen die Zeit" im Kino:Bizarre Note und exotisches Flair

Praktisch alles, was man zu dem Thema kennt, kennt man auch von Petrucciani: Für sein erstes Jazzkonzert lässt er sich aus dem Zuschauerraum spontan ans Klavier tragen, als dem bekannten Trompeter Clark Terry der Pianist ausfällt - und erspielt sich die ersten Zeitungsartikel.

1982 geht er nach Big Sur in Kalifornien, wo sich von Jack Kerouac bis Hunter S. Thompson alle ihre Bewusstseinserweiterung besorgt haben, er holt dort den einstmals berühmten, damals aber nur noch meditierenden Saxophonisten Charles Lloyd zurück in die Musik, er heiratet.

Es ist von Big Sur viel Archivmaterial zu sehen, darunter eine der besten Szenen des Films. Sie zeigt, dass die schlimmsten Annahmen über Hippies keineswegs Hirngespinste sind. Weiße Frauen in langen Gewändern tanzen da experimentell zu experimentellem Jazz - man hätte es wissen müssen, dass es so etwas nicht nur als Parodie gab.

Auch sieht man Petruccianis Ehefrau, die erste von vielen. Im weiteren Verlauf seines Lebens wird der Mann Frauen wie Wegwerfhandtücher benutzen - seine Anziehungskraft auf das andere Geschlecht aber wird von allen Seiten glaubhaft bestätigt. Das gibt dem Film eine großartig bizarre Note mehr - man darf nicht vergessen, dass dieser Mann den Damen gerade bis zur Hüfte reichte, dass sie ihn auf dem Arm mitführen mussten.

Natürlich sorgt genau die Behinderung Petruccianis für das exotische Flair des Films. Würde er von einem hochgewachsenen Mann ohne Schmerzen handeln, sähe man dessen Klavierspiel vielleicht nicht ganz so beeindruckt zu.

Mit Freude, und ganz ohne Reue

Ob aber Petrucciani zu Ruhm kam, weil seine Hände über alle Hindernisse hinwegspielten, oder ob er tatsächlich ein Künstler war, dessen Inspiration die Musik selbst verwandeln konnte - das wird auch von seinen Freunden nicht schlüssig beantwortet. Wovon sie reden, durchgehend amüsant, sind Drogen, Affären, Konzerte, die ein neues Bild Petruccianis zeichnen - als das eines Mannes, der sich rückhaltlos allem hingab, was die noch dreckigen Städte und die noch dreckige Zeit ihm bot, mit Freude, und ganz ohne Reue.

Er wusste warum. Er wurde nur 36 Jahre alt. Man hat ihn 1999 auf dem Friedhof Père Lachaise begraben, neben Frédéric Chopin. Das ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen. Aber wenn ein kleiner Mann seinen großen Aufritt so zäh erkämpft hat wie Michel Petrucciani, dann sollte er auch einen großen Abgang haben dürfen.

MICHEL PETRUCCIANI - LEBEN GEGEN DIE ZEIT. D/F/It 2011 - Regie: Michael Radford. Länge: 103 Min. Polyband Medien.

© SZ vom 12.12.2011/pak
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