Lea Ypi: "Frei - Erwachsenwerden am Ende der Geschichte":Fluch der Hoffnung

Lesezeit: 5 min

Lea Ypi: "Frei - Erwachsenwerden am Ende der Geschichte": "In der Vergangenheit wäre man für den Ausreisewunsch verhaftet worden. Aber nun, da niemand mehr die Ausreise verhinderte, waren wir auf der anderen Seite der Grenze nicht mehr willkommen. Das Einzige, was sich verändert hatte, war die Farbe der Polizeiuniformen." - Lea Ypi.

"In der Vergangenheit wäre man für den Ausreisewunsch verhaftet worden. Aber nun, da niemand mehr die Ausreise verhinderte, waren wir auf der anderen Seite der Grenze nicht mehr willkommen. Das Einzige, was sich verändert hatte, war die Farbe der Polizeiuniformen." - Lea Ypi.

(Foto: Stuart Simpson/Penguin Random House)

Die Philosophin Lea Ypi hat ein so spannendes wie widersprüchliches Memoir über Freiheit, die Propaganda des Ostens und die leeren Versprechen des Westens geschrieben.

Von Nele Pollatschek

Du wachst auf. Du weißt nicht, wer du bist, oder wie du hierhergekommen bist. Die Geschichte beginnt. Eine Geschichte, in der du herausfinden musst, wie die Welt ist, wer die Menschen sind, wem du vertrauen kannst.

Wer um die Jahrtausendwende Computerspiele gespielt hat, kennt diese Art von Geschichten. Geschichten, in denen Gefahr und Spannung durch Unwissen erzeugt wird, dadurch, dass alles ganz anders sein könnte, als man erst mal denkt. Und, das dämmert einem bei der Lektüre von Lea Ypis Buch "Frei - Erwachsenwerden am Ende der Geschichte", wer in den zwei Dekaden vor der Jahrtausendwende eine Kindheit im Ostblock durchlebte, kennt diese Geschichte auch. Für Lea Ypi ist es ihre eigene.

Sie erzählt sie in einem Memoir, dessen Inhalt man hier ausführlich wiedergeben könnte (die Kindheits- und Jugendgeschichte der Autorin im kommunistischen Albanien, Glasnost, Bürgerkrieg, "Westen") wenn man damit nicht einen erheblichen Teil des Lektürevergnügens, eben jene George-Orwell-hafte Computerspielspannung, zerstören würde. Nur so viel sei gesagt: Lea wird 1979 in Tirana, Albanien geboren. Lea liebt "Onkel Enver", den sozialistischen Diktator Albaniens, und ihre Familie liebt sie auch. Über die erfährt man vor allem eines: dass sie eine "Biografie" hat - eine Biografie, die die kleine Lea nicht kennt. Sie weiß nur, dass sie immer wieder als Erklärung herhalten muss: "Biografie war die Universalantwort auf alle möglichen Fragen, die Basis, ohne die jedes Wissen nur eine Meinung war."

In einer sozialistischen Diktatur sind leere Coladosen bisweilen mehr wert als Freundschaften

Lea Ypi hat - nach der Kindheit, nach dem Krieg - Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Heute ist sie Professorin für Politische Theorie an der britischen Elite-Uni London School of Economics. All das merkt man dem Buch an, und zwar auch daran, wie wenig man es dem Buch anmerkt: wie viel Raum die Professorin Ypi der Perspektive des Kindes Lea lässt.

Das ist eine clevere Entscheidung. Konventioneller wäre es gewesen, die biografischen Fakten auszubreiten und dann mit professoralem Theoriewissen Verbindungen zu ziehen. Stattdessen lässt sie dem Leser die Freiheit. Sie gibt nicht sofort vor, wie die Dinge zu interpretieren sind. Menschen handeln, das Kind Lea beobachtet, der Leser erlebt nach und nach verschiedene Perspektiven auf "Onkel Enver" und den Sozialismus, auf den Westen, auf Freiheit und Demokratie. Perspektiven, die immer weiter auseinanderklaffen: Vater und Mutter und Großeltern gehören zwar zusammen, verbunden durch die "Biografie", sie bleiben aber getrennt in ihren Werten und Vorstellungen, in ihren Hoffnungen und Wahrheiten.

Lea Ypi: "Frei - Erwachsenwerden am Ende der Geschichte": Lea Ypi: Frei - Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Suhrkamp, Berlin 2022. 332 Seiten, 28 Euro.

Lea Ypi: Frei - Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Suhrkamp, Berlin 2022. 332 Seiten, 28 Euro.

Ganz frei ist der Leser auch hier natürlich niemals, sieht immer nur, was die Autorin zu zeigen bereit ist. Ypi erzählt zwar jedes Detail - das Regularium der Warteschlangen, die Signifikanz von Coladosen im nachbarschaftlichen Miteinander - aus einer kindlich eingeschränkten Perspektive, ausgewählt hat diese Perspektive aber eine Erwachsene. Und zwar eine Erwachsene, die damit immer auch etwas zeigen will. Zum Beispiel, wie soziale Konstrukte funktionieren - Einkaufstüten und Ziegelsteine können einen Menschen in einer Warteschlange vertreten, aber nur genau so lange, bis die heißersehnten Waren eintreffen, dann gibt es keine Regeln mehr. Oder was Kulturimperialismus ist: In einer sozialistischen Diktatur sind leere Coladosen bisweilen mehr wert als Freundschaften.

Das Versprechen von Freiheit und Demokratie mündet in eine neue, frei und geheim gewählte Unfreiheit

Und vielleicht weiß das Kind doch zu viel, zum Beispiel, wenn die Reaktion der Eltern auf die erste (langersehnte) freie und geheime Wahl als "zögerlich" beschrieben wird: "die falsche Unentschlossenheit vermittelte den Eindruck, sie hätten sich all die Jahre nicht nach konkreten Ereignissen gesehnt, sondern nach abstrakten Möglichkeiten". Natürlich haben sie das, denkt der erwachsene Leser, der weiß, dass wenig so desillusioniert, wie wenn etwas lang Ersehntes am Ende droht Realität zu werden und von der Hoffnung nur Enttäuschung bleibt. Einer Elfjährigen traut man so eine Beobachtung eher nicht zu - und ob man diesen analytischen Eingriff als Schummelei oder als intellektuelle Bereicherung empfindet, ist am Ende auch nur eine Frage der Perspektive.

In jedem Fall leitet Ypi hier ein, was den zweiten Teil des Buches ausmacht: Enttäuschung. Das Versprechen von Freiheit und Demokratie mündet in eine neue, frei und geheim gewählte Unfreiheit. Das Ende des Sozialismus bringt den Kapitalismus und damit ein Schneeballsystem, welches die kapitalismusunerfahrene albanische Bevölkerung in eine Wirtschaftskrise und schließlich in den Krieg stürzt - und Krieg, so viel steht dann doch fest, ist schlimmer als Sozialismus.

Aus der Unfreiheit, das Land zu verlassen, wird die Unfreiheit, in ein anderes Land zu fliehen: "In der Vergangenheit wäre man für den Ausreisewunsch verhaftet worden. Aber nun, da niemand mehr die Ausreise verhinderte, waren wir auf der anderen Seite der Grenze nicht mehr willkommen. Das Einzige, was sich verändert hatte, war die Farbe der Polizeiuniformen. Jetzt wurden wir nicht mehr im Namen unserer Regierungen verhaftet, sondern im Namen anderer Staaten, deren Regierungen uns früher dazu aufgerufen hatten, in die Freiheit aufzubrechen."

Das ist alles sehr deprimierend und vor allem ist es nicht frei. Und wenn man Ypi, dieser schlauen Autorin, eines vorwerfen kann, dann, dass sie sich dessen nicht bewusst zu sein scheint. Dass sie ein Buch schreibt, welches mit jeder Seite die Möglichkeit von Freiheit und die Hoffnung auf eine Verbesserung politischer Systeme zerstört. Ein Buch, in dem die Protagonisten sich mit größter Inbrunst von einer Unfreiheit in die nächste, von einem korrupten System in ein anderes, ebenso korruptes System kämpfen. Ein Buch, welches Ypi trotzdem mit einem hoffnungsfrohen, kämpferischen Epilog enden lässt. Es ist das einzige Mal, dass die erwachsene Ypi ihre eigene politische Position vertritt.

Der Mensch ist frei, das Richtige zu tun, aber er ist nicht frei zu entscheiden, was er für das Richtige hält

Und wenn man diesem spannenden, schlauen, humorvollen, komplexen Buch eines vorwerfen kann, dann, dass es seinen zentralen Begriff "Freiheit" weder rechtfertigt noch erklärt. Ypi thematisiert nicht, dass es einen altehrwürdigen Diskurs über "Freiheit" und "freien Willen" gibt, dass es enorm schwer ist zu rechtfertigen, wie biologische Wesen, die das Ergebnis von Genen und Sozialisierung sind, überhaupt "frei" sein sollen. Tatsächlich erscheint Ypi als Kind nie so naiv, wie wenn sie im Epilog als Erwachsene schreibt: "Und doch verlieren wir trotz aller Zwänge nie unsere innere Freiheit: die Freiheit, das Richtige zu tun."

Das ist ein großer Schluss nach 300 Seiten, die immer wieder vor allem eines zeigen: Menschen wissen nicht, was das Richtige ist, werden in ihrer Vorstellung "des Richtigen" unendlich manipuliert, irren sich wieder und wieder, tun mit den besten Absichten genau das Falsche oder eben nicht, wer weiß das schon. Der Mensch, so scheint es nach der Lektüre, ist frei, das Richtige zu tun, aber er ist nicht frei zu entscheiden, was er für das Richtige hält. Und er weiß frühestens im Nachhinein, wie sehr er sich irrt.

Anders gesagt: "Frei" ist ein mittelmäßiges Buch über "Freiheit" und ein hervorragendes Buch über "Wahrheit" - das heißt: über Lügen und Komplexität, über Hoffnungen und Enttäuschungen, über Vielstimmigkeit und Multiperspektivität, über die Propaganda des Ostens und die leeren Versprechungen des Westens. In Zeiten wie diesen scheint es obligatorisch, hier darauf zu hinzuweisen, dass es genau das richtige Buch für "Zeiten wie diese" ist. Es ist aber gerade eben jetzt nicht das richtige Buch, weil es etwas lehrt über den Zerfall des Ostblocks oder gar über Krieg. Sondern weil es daran erinnert, dass jeder Mensch in einer Welt erwacht, in der er nicht weiß, wer er ist oder was die Welt ist, in der man versucht, das Richtige zu tun, ohne ausschließen zu können, dass es das Falsche ist. Das ist am Ende der Geschichte nicht anders als an ihrem Anfang.

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