Lawrence Lessig im Interview: "Es geht nicht darum, Madonnas Musik zu stehlen"

Steht das Copyright-System neuen Kunstwerken im Wege? Die Antwort ist: Ja. Das denkt Lawrence Lessig, Rechts-Professor an der Stanford University. Denn er macht im Urheberrecht den Feind aller Kreativität aus.

Interview von Andreas Zielcke

Der US-Amerikaner Lawrence Lessig, Jahrgang 1961, unterrichtet Rechtswissenschaften an der Stanford University. Er zählt zu den herausragenden Experten in Verfassungsrecht, Vertragsrecht und den rechtlichen Verhältnissen im Internet . Als Gründer des Stanford Center for Internet and Society schreibt er regelmäßig Kolumnen auch für nicht-akademische Magazine wie Wired, Red Herring und CIO Insight. Lessig gilt als scharfer Kritiker des herkömmlichen strengen Urheberrechts, da dieses die Kreativität und Innovationskräfte im Zeitalter der Digitalisierung gefährde. Er gründete die Initiative Creative Commons, eine gemeinnützige Gesellschaft, die im Internet verschiedene Standard-Lizenzverträge anbietet, mit denen Autoren der Öffentlichkeit Nutzungsrechte an ihren Werken einräumen können. Auch darüber hinaus setzt er sich für freie Software und die weltweite Open-Source-Bewegung ein. Für dieses Engagement wurde Lessig mit dem Freedom Award der Free Software Foundation ausgezeichnet und zu einem der "Top 50 Visionaries" der amerikanischen Wissenschaftler gekürt. Im Augenblick forscht Lessig an der American Academy in Berlin.

"Das Problem in Europa aber ist, dass es das Schlechteste von allen Systemen kombiniert. "

(Foto: Foto: AP)

SZ: Professor Lessig, große Internetfirmen wie Yahoo und Google beabsichtigen offenbar, das Internet in zwei Teile zu spalten: einen kommerziellen und einen kostenlosen. Würde solch ein "Web 3.0" ein Zweiklassen-Internet schaffen? Eines, für das man Eintritt zahlt, in dem man in Hochgeschwindigkeit alle Inhalte bekommen kann, und ein Standard-Internet für den weniger begüterten Rest der Welt? Würde diese Entwicklung die Neutralität des Internets aufheben?

Lawrence Lessig: Ihre Frage berührt zwei Aspekte. Der erste betrifft die Entscheidungsgewalt. Anbietern von Kabelfernsehen gehört ihr Netzwerk. Sie können bestimmen, welche Programme sie zeigen. Die Frage ist, ob diese Macht auch auf das Internet übertragbar ist, so dass der Provider der Breitbandinfrastruktur auch das Recht hat, darüber zu entscheiden, was auf seinem Netzwerk läuft. Eine solche Entwicklung wäre aber schädlich für Innovation und Wachstum. Die wichtigste bauliche Eigenart des ursprünglichen Internets war ja, dass die ganze Kraft von seinen Rändern ausging. Leute, die sich mit dem Netzwerk verbanden, wählten aus, was sie ins Netz stellen wollten. Die Provider konnten dabei nicht mitreden; sie stellten nur die Bits zur Verfügung. Wenn man nun aber anfängt, die Macht in das Zentrum des Netzes zu verschieben, würde dies die Innovationskraft des Internets schwächen. Der zweite Aspekt bei einer Teilung des Internets wäre das Copyright. Würde man für die gehobene Klasse Gebühren erheben, könnte man sich gleichsam von urheberrechtlichen Ansprüchen freikaufen. Darum müssten sich in diesem kostenpflichtigen Internet die User über die Legalität des Angebots keine Sorgen mehr machen, der ständige Anlass für Rechtsstreitigkeiten würde entfallen.

SZ: Das wäre also eine Art Copyright-Flatrate?

Lessig: Genau. In Europa ist man seit je sehr erfinderisch bei den Methoden, kulturelle Erzeugnisse zugunsten ihrer Urheber, aber auch zugunsten des öffentlichen Interesses zu regulieren und sie darüberhinaus auch noch als lukrative Einnahmequelle zu nutzen. Eine dieser Methoden besteht darin, dem Rechteinhaber die volle Kontrolle über die Vervielfältigung des Werkes zu geben: Bei jeder Kopie muss man den Urheber um Einverständnis bitten. Das Gegenmodell ist das, was man mit Festplatten macht: Man belegt sie mit einer Abgabe und ermittelt dann, wer die Festplatte wofür nutzt und verteilt den Erlös der Abgabe entsprechend an die Künstler. Dieses System hat auch in den USA seine Anhänger. Sein Vorteil ist, dass man in die Technologie keine Sperren einbauen muss, die das Internet blockieren wie all diese Digital-Rights-Management-Sperren, die eine Vervielfältigung ohne Zustimmung des Rechteinhabers verhindern. Demgegenüber hat das Abgabensystem, bei dem die Künstler desto mehr Entgelt erhalten, je häufiger ihre Stücke heruntergeladen werden, den Vorteil, dass es für diese Künstler einen Anreiz schafft, ihre Arbeit so zugänglich wie möglich zu machen. Auf diese Weise wird das Internet zu einer wesentlich produktiveren Plattform gemacht. Das Problem in Europa aber ist, dass es das Schlechteste von beiden Systemen kombiniert. Einerseits belegen Sie die Geräte mit hohen Abgaben, um sich damit das Recht auf Vervielfältigung zu erkaufen . . .