Caroline Arnis Sachbuch "Lauter Frauen":Skizzenhafte Spuren

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SWITZERLAND ART MERET OPPENHEIM

"Niemand fragt mich nach meinen Beziehungen zur rohen Umbra, zur gebrannten Umbra, zum Ultramarinblau etc." - Surrealistin Meret Oppenheim 1982.

(Foto: STR/picture alliance/KEYSTONE)

Frauengeschichte ist Weltgeschichte: Caroline Arnis so poetisches wie wichtiges Buch "Lauter Frauen".

Von Aurelie von Blazekovic

Als die letzte Hexe der Schweiz zum Tode verurteilt wurde, gab es den Straftatbestand der Hexerei schon lange nicht mehr. Im Prozess wurde der Begriff "Hexe" deshalb vermieden, verurteilt wurde die Dienstmagd Anna Göldi als Giftmörderin. Eine Giftmörderin allerdings, die einem Kind in ihrer Obhut Stecknadeln, Nägel und Eisendrähte in seine Milch gezaubert haben soll, im Auftrag des Teufels selbstverständlich. Im Juni 1782 wird Anna Göldi im Kanton Glarus also hingerichtet mit dem Schwert, und "es dauert nicht lang, da spottet man in halb Europa über die Glarner, von denen nun gesagt wird, sie würden noch an Hexen glauben".

Die Historikerin Caroline Arni, Professorin an der Universität Basel, hat eines ihrer zwölf Porträts in ihrem Buch "Lauter Frauen" Anna Göldi gewidmet, der Frau aus dem 18. Jahrhundert, die auf der Suche nach einem Auskommen von Haus zu Haus zog, die in die Zankereien mehrerer Herrschaftsfamilien geriet, und spätestens als sie wohl von mehr als einem Dienstherren schwanger wurde, der Gunst der Herren entfiel und von ihnen beseitigt werden sollte. Caroline Arni stellt hier die Frage, die man auf genügend Situationen jenseits des 18. Jahrhunderts übertragen könnte: "Was bedeutet es, dass man Anna Göldi nicht als Hexe verurteilte, aber mit ihr verfuhr, als ob sie eine hätte sein können?"

Seit 2008 gilt ihr Fall in der Schweiz offiziell als Justizmord, Anna Göldi wurde rehabilitiert - 226 Jahre nach ihrer Hinrichtung

Die Geschichte der Anna Göldi ist eine Geschichte des Unrechts, eine, in der Ressentiments und üble Nachrede reichten, um ein Leben zu beenden, das vor dem Gesetz eigentlich geschützt gewesen wäre. 226 Jahre nach ihrer Hinrichtung wurde sie rehabilitiert, seit 2008 gilt der Fall in der Schweiz offiziell als Justizmord. Der Historikerin Arni geht es in ihren Erzählungen aber nicht nur ums Unrecht. Im Gegenteil: Sie schreibt über ihr Buch und damit über die Leben der von ihr porträtierten Frauen: "Nicht immer sehen Freiheit und Unfreiheit so aus, wie wir sie heute auffassen. Und manchmal geht es um anderes."

Arni erzählt in ihren Porträts nicht weniger als fünf Jahrhunderte Frauengeschichte, und das so außergewöhnlich poetisch und leichtfüßig, wie es nur selten gelingt. Sie beginnt mit ihrer eigenen Großmutter, die eine symbolträchtige Porzellanmaske in ihrem Haus hängen hatte und erzählt von elf weiteren, überwiegend unbekannten Frauen. Zu den bekannten gehört die Surrealistin Meret Oppenheim, die mit ihrer Pelztasse berühmt wurde, der aber auffiel, wie sie von Journalisten immerzu nach möglichen Beziehungen und Verbindungen zu großen Männern befragt wurde. "Niemand fragt mich", schrieb sie, "nach meinen Beziehungen zur rohen Umbra, zur gebrannten Umbra, zum Ultramarinblau etc."

Die Geschichten von Caroline Arni berühren das große Ganze, handeln von Arbeit, Revolution und Liebe. Manchmal findet alles zusammen, wie im Lebenslauf von Katharina von Zimmern, geboren 1478. Sie war die letzte Äbtissin eines Nonnenklosters in Zürich, das von der Reformation leer gefegt wurde. Zürich plante die Auflösung der Klöster und der Frieden der Stadt hing gewissermaßen von der Äbtissin ab. Sie entschloss sich zu gehen, räumte ihren Platz und damit auch ihren politischen Einfluss als Stadtherrin von Zürich. Ein Verlust, ein Rückschritt für die Sache der Frau? Nein, so die Erzählung Arnis über sie. Katharina von Zimmern stiftet Frieden, handelt sich von der Stadt einen Lebensunterhalt aus, heiratet und bekommt mit über 47 Jahren zwei Kinder. "Ein Esel und ein Tor, wer die Frauen verleumdet, wo doch keiner weiss, was seine Mutter getan hat", stand als Deckeninschrift in ihrer Abtei.

Caroline Arnis Sachbuch "Lauter Frauen": Caroline Arni: Lauter Frauen. Zwölf historische Porträts. Mit Zeichnungen von Karoline Schreiber. Echtzeit, Basel 2021.

Caroline Arni: Lauter Frauen. Zwölf historische Porträts. Mit Zeichnungen von Karoline Schreiber. Echtzeit, Basel 2021.

Frauen der Geschichte müssen keine Heldinnen gewesen sein, um einen Platz in unserer Erinnerung zu bekommen. Es reicht, wenn sie einen Einblick gewähren in ihre Zeit, und damit, wenn es so klug erzählt wird wie von Caroline Arni, eben auch in unsere Zeit. Darüber also, was sich ändert, und was so universell ist, dass es die Zeiten überdauert.

Frauengeschichte, ist Arni wichtig zu betonen, ist nicht einfach die Geschichte von Frauen, sie ist Weltgeschichte. Sie vervollständigt auch nicht, sondern ist ein Beobachtungsposten der ganzen Geschichte. Die Spuren, die Frauen in Archiven und Geschichtsbüchern hinterlassen, sind im Vergleich zu den der Männer oft skizzenhaft. Mal nur angedeutet, mal deutlicher sind deshalb auch die Zeichnungen von Karoline Schreiber, die die Porträts begleiten.

Dass sich die Biografien aller Frauen wenigstens teilweise in der Schweiz abspielen, sei eine beliebige Klammer für ihre Erzählungen und habe keine tiefere Bedeutung, offenbart die Autorin im Nachwort. Ebenso, dass nichts im Buch erfunden ist, sie sich für ihre Porträts aber der historischen Einbildungskraft bedient hat, und sich als Autorin auch nicht in den Erzählungen verberge. Um zu fragen, warum diese Frauen lebten, wie sie lebten und was sie uns noch sagen können. Ohne Arnis historische Einbildungskraft wäre ein so schönes Buch, so berührende Geschichten über die Jahrhunderte auch gar nicht denkbar.

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