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"Laurence Anyways" im Kino:Alle fühlen sich vor den Kopf gestoßen

Dann schlägt die Tonart um ins Melodramatische. An seinem 35. Geburtstag gesteht Laurence, dass er sich immer schon als Frau gefühlt habe und fortan auch als Frau leben wolle. Er zieht das konsequent durch, anfangs noch etwas unbeholfen in der Kleiderwahl.

Wenn er ein grasgrünes Kostüm anlegt, und hochhackig über den Schulflur tippelt wird daraus ein Schaulaufen. In der Kantine flüstert ihm der Kollege, der ihm wohlgesonnen ist, die Frage zu: "Ist das eine Revolte?" Laurence erwidert lachend: "Nein, eine Revolution!"

Bald wird ihm das Lachen vergehen. Sobald Laurence immer deutlicher erkennbar zur Frau wird und das auch demonstrativ zur Schau stellt, beginnen Anfeindungen und Attacken. Alle fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Auf Drängen des Elternbeirats muss Laurence den Schuldienst quittieren. Dieses Anderssein wird nicht toleriert.

Anderssein war schon Sujet des ersten Dolan-Films. Da kam eine Mutter nicht damit zurecht, dass ihr Sohn (den Dolan selber spielte) sich als schwul outete. "Ich habe meine Mutter getötet" war ein erstes Fanal der Selbstbehauptung, auch der künstlerischen. Schon hier entwickelt Dolan seinen flamboyanten Stil.

Fred ist zuerst fest entschlossen, zu Laurence zu stehen, kommt dann aber doch nicht mit dem Wandel seiner/ihrer Identiät klar. Entzauberungsprozess einer großen Liebe, erzählt über den Zeitraum der Dekade von 1989 bis1999. Melancholie zwischen Trauer und neuen Hoffnungen, in flammenden Frühlings- und gefrorenen Winterbildern. Die Transsexualität ist für Dolan ist nur eine Metapher der Forderung nach Wahrhaftigkeit und Selbstsein in einer Beziehung.

Fluchtbewegung oder Offenbarung des eigenen Wesens?

Die Reaktionen, die Laurence' körperliche Wandlung hervorruft, sind zum Teil satirisch scharf gezeichnet. Gerade jene, die sich anfangs nonkonformistisch gaben, gehen schnell auf Distanz: der Lehrerkollege, Freds Schwester, eine kämpferische Feministin. Fred wechselt bald radikal das Milieu: Nach ihrem munteren Bohème-Leben mit Laurence sucht sie sich einen arrivierten Ehemann und residiert in einer aseptisch gestylten Villa. Ist das Selbstverrat? Eine verzweifelte Fluchtbewegung, oder die Offenbarung ihres wahren Wesens?

Im Kern geht es in Dolans brillant gezeichnetem Beziehungsdrama um die selbstbewusste Inszenierung der Eigenheit, um ein Sich-Zeigen als Sich-Exponieren. Deshalb gibt so viele Szenen, in denen Laurence einen Parcours abschreitet, der ihn/sie verwunderten, überraschten, amüsierten oder abschätzigen Blicken aussetzt. Sei es in der Schule, auf der Straße, oder in der Disco.

Laurence Anyways, Can/F 2012 - Buch, Regie, Schnitt: Xavier Dolan. Kamera: Yves Bélanger. Musik: Noia. Mit: Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye, Monia Chokri. NFP, 159 Minuten.

© SZ vom 27.06.2013
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