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Laudatio Die Wahrheit über das Erdferkel

Laudatio auf Katja Lange-Müller, die den Günter-Grass-Preis "Von Autoren für Autoren" erhalten hat.
Von Eva Menasse

Tonsetzer, Architekt und bildende Künstler mögen es sich gern gefallen lassen, wenn ihnen, sozusagen aus der anderen Sparte herüber, Wortgirlanden gewunden werden. Schriftsteller zu rühmen ist immer ein wenig wie - nein, lassen wir die armen Eulen aus dem Umland der griechischen Hauptstadt ausnahmsweise in Frieden - sagen wir, es ist, wie Schnapsflaschen in Weddinger und Moabiter Kneipen tragen. Trotzdem will ich zu erklären versuchen, warum Katja Lange-Müller neben aller Liebe des Publikums, neben der Wertschätzung der Kritik auch seit Langem ein writers' writer ist, also eine Schriftstellerin, über deren Texte sich andere Autoren beugen, in der bewundernden, gierigen, neidischen und möglicherweise kleptomanen Absicht, ihnen etwas abzuschauen. Von ihnen etwas zu lernen.

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"In ihren Büchern hört, sieht, fühlt, riecht und schmeckt man alles, was geschieht."

Zuerst einmal: In Katja Lange-Müllers Büchern ist alles echt - so echt es überhaupt nur sein kann, denn in guten Büchern ist ja alles echter als draußen im faden Leben (einer der Merksätze der guten Literatur). In ihren Büchern hört, sieht, fühlt, riecht und schmeckt man alles, was geschieht, auch wenn das nicht immer angenehm ist. Berliner Kohleheizungen, Mädchenschweiß im Perlonkleid, Getränkemischungen, wo einen schon beim Lesen die Leber schmerzt: besonders gern Pfälzer Rotwein, Bier und Baileys. Die Ekzeme eines sterbenden Aids-Kranken und die bereits verwesende Schnauze eines nur noch mit einem Faden am Leben hängenden Hundes. Aber ebenso die wogenden, vermutlich nach Duftmischung grüner Apfel riechenden Busen der echten Berlinerinnen, immer bedeckt von Pullovern, "kükenflauschige Herausforderungen für jeden Weichspüler, ( ... ) royal- oder himmelblau, gerne auch kanariengelb, pfefferminzgrün, pflaumenpink".

An Katja Lange-Müllers Wortschöpfungen für die Farben und dem unmittelbar sinnlichen Adjektiv "kükenflauschig" kann man sehen, wie sie zu ihrer Direktheit und Anschaulichkeit kommt: Nämlich durch äußerste Genauigkeit und frische Sprache. Üblich ist das Gegenteil. Unter dem fröhlich trompeteten Motto "kein Thema" narkotisiert man uns mit Hülsen und Schablonen, auf dass wir uns, wenn nicht alles schon im Vorfeld in trockenen Tüchern ist, trotzdem gut aufgestellt auf Augenhöhe befinden, damit wir genau dort, wo wir sind, nämlich vor Ort, abgeholt werden können und nicht, während wir noch über den Tellerrand zu schauen versuchen, per Quantensprung das Kind mit dem Bade ausschütten, obwohl zeitnah noch etwas Luft nach oben gewesen wäre. Und das macht am Ende des Tages etwas mit uns, zumindest gefühlt. Sag ich mal so.

Das war jetzt natürlich billig, oder, um noch mal in den grauen Sack zu schlüpfen: wohlfeil. Denn was ein Schriftsteller sein will, sollte sich wohl auf gepflegte Sprache verstehen, ob die nun elegant oder schnoddrig, mit hohem oder fiesem Ton raus- oder daherkommt. Leider gelingt es den wenigsten so kunstvoll einfach wie Katja Lange-Müller. Jene, die weniger genial sind als sie, sich aber, besonders gern Männer, für Großdichterfürsten halten, haben oft einen fatalen Hang zu Schmock und Pathos, zu vor langer Zeit ausgemusterten Imperfektbildungen und zu Wendungen mindestens aus der Goethezeit.

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Nichts ist ja schwerer als die anschauliche und stimmige Einfachheit. Stellen Sie sich einen Mann in einer Kneipe vor, der schon eine Weile wartet, natürlich auf eine Frau, natürlich kommt sie nicht. Immer wieder dreht er den Kopf, versucht, sich in der vollgequalmten Stube einen Überblick zu verschaffen. Schließlich "erhob er sich, wand sich suchend um die eigene Achse - wie eine Raupe, die das Ende des Grashalms erreicht hat und nicht mehr weiterweiß". Wenn ab heute, nachdem Katja Lange-Müller hier mit dem ersten Günter-Grass-Preis davongegangen ist, wenigstens jedes zweite "Ende der Fahnenstange" in unseren Zeitungen und öffentlichen Reden durch "Ende des Grashalms" ersetzt würde, wäre die Welt literarisch besser. Aber das bloß in Klammern.

Die Raupe also. Sie hat es zweifellos mit den Tieren, unsere Autorin. "Verfrühte Tierliebe" hieß ein früherer Band, "Böse Schafe" ihr schönster, ergreifendster Roman; und mein Lange-Müller-Lieblingsbuch trägt einen Titel, der in sich völlig logisch, in dieser Logik aber gleichzeitig unerklärlich ist: "Die Enten, die Frauen und die Wahrheit".

Zweifellos hat sie, die für sich selbst einmal die schöne Formulierung fand, sie sei "zur Schriftstellerin herangealtert", ein Faible für Tier- und Naturbeschreibungen wie kaum jemand sonst. Ich glaube, ihr Griff zum Tierbild hat einen guten Grund, den man sich zu Herzen nehmen sollte, wenn man, also wir, mal wieder in der Atomphysik oder der Meteorologie nach Vergleichen und Metaphern stöbern. Tierbilder setzen beim Leser erstens weniger voraus und sind damit demokratischer, zweitens sind sie sinnlicher und anschaulicher. Die Raupe, die sich erstaunt auf der Spitze des Grashalms um- und umdreht, haben wir alle schon gesehen. Aber selten lagen wir bäuchlings in Suppentellern, um über deren Rand zu schauen.

Wer "nur" gut schreibt, kann fast alles in Sprache einwickeln, verhüllen, verpacken, zudecken. Auch uns, die Leser. Sprache ist ja auch eine Art Maschinenöl des menschlichen Umgangs. Sie macht Dinge leichter, verständlich, verdaulich. Ich glaube aber, nur Schriftstellern wie Katja Lange-Müller gelingt es, mit dem Material Sprache nicht nur zu umgarnen, sondern tiefer zu gehen, sozusagen Sonden hineinzutreiben, durchaus auch in uns.

In "Die Enten, die Frauen und die Wahrheit" gibt es eine himmlische kleine Geschichte über das Erdferkel im Nachttierhaus des Berliner Zoos. Katja Lange-Müller beschreibt das Erdferkel auf ihre ebenso boshaft röntgenhafte wie zu Tränen rührend zärtliche Art. Seitenlang amüsiert man sich, bestaunt die plastische Beschreibungskunst, nimmt sich vor, bei nächster Gelegenheit beim Erdferkel vorbeizuschauen, aber dann kommt folgender Absatz: "Oja, das Erdferkel dauert mich. All diese Kreaturen tun mir furchtbar leid, aber das Erdferkel ganz besonders. Und wenn ich ihm eine halbe Stunde zugesehen habe, beim Schnüren und beim Graben, und ebenso lange zugehört, beim Schnaufen, Seufzen, Stöhnen, nicht erst dann wünsche ich mir, ich täte ihm auch ein bisschen leid. Aber ich bin Luft für das Erdferkel; nichts und niemanden scheint es wahrzunehmen, nicht einmal die respektlosen Springhasen oder sich selbst."

Ja, und da haben wir gedacht, es ginge hier nur ums Erdferkel. Aber es geht wieder mal ums Ganze. Und damit haben wir einen anderen Merksatz der guten Literatur: Auch wenn es noch so verhalten angedeutet ist, das Ganze nämlich, um das es geht - da sein muss es immer. Der Autor soll es mit uns ernst meinen, uns nicht nur einlullen in irgendeine gute Geschichte.

"Echt", habe ich zu Anfang über Katja Lange-Müllers Literatur gesagt, und jetzt noch "ernst". Man wird mir mit einigem Recht vorhalten, dass ich zu ihrem geradezu sprichwörtlichen Humor noch nicht viel gesagt habe. Aber erstens schwingt dieser Humor sowieso in jedem Wort mit, das bisher von Katja Lange-Müller zitiert wurde, zweitens, und da bin ich jetzt mal so richtig radikal, ist ein Schriftsteller ohne Humor gar keiner. Aber damit ist es ja leider so eine Sache.

Wie beim Geld und bei den Wunderheilern ist eine Menge falscher Humor im Umlauf. Ich muss das nicht vertiefen. Wie gewalttätig Witzeln sein kann, können Sie zur Zeit auf allen Kanälen erleben, nicht nur auf dem Twitter-Account des US-amerikanischen Präsidenten. Ganz im Gegenteil funktioniert aber der gute Humor so, wie es der jüdische seit Jahrhunderten vormacht: Er beschäftigt sich obsessiv und gnadenlos so lange mit den eigenen Schwächen, Fehlern und Defiziten, bis er gar nicht mehr anders kann, als denen der anderen mit liebevollstem Großmut und Verständnis zu begegnen. Zum Humor, nicht nur in der Literatur, gehört unbedingt auch ein spielerisches Element. Und hier ist mir bei Katja Lange-Müller etwas aufgefallen, was ich in Variation bestimmt einmal klauen möchte, etwas, um dessen Erfindung oder Vervollkommnung ich sie beneide.

"An dieser Hand lässt sich sicher gehen. Man wird nicht verraten und nicht für dumm verkauft."

Ich nenne es vorläufig die Vertauschung des Tons. Katja Lange-Müller kann den Berliner Stil, in dem zumindest noch in den Weddinger und Moabiter Kneipen gesprochen wird, perfekt in eine literarische Kunstsprache überführen, die den Zigarettenqualm und die Bierpfützchen auf den Tischen geradezu atmet. Aber interessanterweise rutscht der saloppe Ton immer mal wieder in die Erzählerstimme, während die Figuren selbst ganz anders sprechen, geradezu gehoben. Dieser Widerspruch erzeugt große Komik. In der Erzählung "Sklavendreieck" quält die Urlaubsvertretung eines Kneipenwirts zusammen mit drei gelangweilten Stammgästen einen armen Polen, der aus unerfindlichen Gründen die ganze Nacht draußen auf dem Bürgersteig sitzt. Erst spendieren sie ihm hinterlistig ein Bier nach dem anderen, dann aber verweigern sie ihm, da er streng genommen kein Kneipengast ist, den Gang zur Toilette und rufen schließlich, als er sich draußen im Rinnstein erleichtert, die Polizei. Bis hierher hat man mitgelitten bei dem schrecklichen Schauspiel, wie Arme einen noch Ärmeren quälen. Aber dann - der große Auftritt der Polizei.

Und nicht nur, dass der Polizist die klassische Rolle des Deus ex Machina erfüllt, der alles wiedergutmacht, den Schuldigen bestraft, den Unschuldigen verschont, nein, er tut das in einer völlig unwahrscheinlichen Sprache, die diesem Finale erst sein Furioso verleiht: "Wäre es eventuell möglich, ja sogar mehr als wahrscheinlich, dass dieser unbescholtene und offensichtlich in einer unverschuldet irregulären Situation befindliche, laut gültigem Personaldokument polnische Staatsbürger und Gast der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, nach langem Ausharren auf nächtlich kaltem Stein, die Toilette dieses Lokals aufsuchen wollte, in keiner anderen Absicht als der, sittlich korrekt seine Notdurft zu verrichten?"

Die Abteilung Katja-Lange-Müller in meinem Regal ist nachgemessene elfeinhalb Zentimeter breit; ich habe wohl nicht alles. Aber mein sehr subjektives Gefühl, wenn ich mir diese Buchrücken anschaue, kann ich doch beschreiben: Es ist der Griff einer warmen Hand. Sie riecht ein bisschen nach Nikotin. Aber an dieser Hand lässt sich sicher gehen. Man wird nicht verraten und nicht für dumm verkauft, und wenn man sich ihr getrost überlässt, wird man lachen und gerührt sein, und regelmäßig erlebt man kleine Sensationen, als hätte man Kohlensäure in die Nase bekommen, wie wenn man lachen muss, während man Weißweinschorle trinkt. Das passiert immer dann, wenn die Erzählerinnenhand kurz und begütigend zugedrückt und uns wieder mit einer ihrer unwiderlegbaren Lebensregeln ausgestattet hat: "Wer in einen Hundearsch verliebt ist, der hält eben den für den Mond".

Der Günter Grass-Preis "Von Autoren für Autoren" wurde von den Teilnehmern des Lübecker Literaturtreffens gestiftet. Wir drucken die Laudatio, die Eva Menasse am vergangenen Sonntag im Lübecker Rathaus hielt, in einer gekürzten Fassung.

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