Nachruf:Dies tristis

Die mittel- und neulateinische Literatur hat er der Länge und Breite nach durchmessen: Der Göttinger Latinist Fidel Rädle, der auch auf Lateinisch dichtete, ist gestorben.

Von Hermann Unterstöger

Professoren, die dichten, mag es viele geben. Bei Professoren, die lateinisch dichten, wird's schon übersichtlicher. Fidel Rädle, an der Universität Göttingen lange Jahre der Spezialist für die Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit, gehörte zu diesen, und er hatte für seine Liebhaberei eine Begründung, die einzulösen seine Gedichte nie versäumten. Zum einen, sagte er, erzeuge die lateinische Textform eine Feierlichkeit, die der Sache entweder zugutekomme oder sie parodiere; zum anderen fordere die lateinische Form klare inhaltliche Verhältnisse, zügle also den Geist dessen, der mit den Inhalten spielt. Diese Disziplin erlaubte es ihm, den Winter so zu besingen: "Es schneit zum Leid von Reh und Meise, / nur Knaben pinkeln gelbe Kreise." Lateinisch: "In dies triste caelum ningit / et puer circos flavos mingit."

Die mittel- und neulateinische Literatur hat er der Länge und Breite nach durchmessen, wobei das lateinische Drama, das in den Zeiten der Reformation und vor allem der Gegenreformation zu üppigster Blüte gedieh, den klaren Schwerpunkt seiner Forschungen bildete. Rädles wissenschaftliche Fruchtbarkeit hielt mit dieser Fülle durchaus Schritt. Wer Einblick in seine gründlichen, stilistisch vornehmen und dabei am rechten Ort sehr gewitzten Texte nehmen will, findet einen Teil davon auf der von der Göttinger Akademie der Wissenschaften, der Rädle angehörte, vor zwei Jahren eingerichteten Online-Plattform "res doctae".

Zu Rädles eigenen lateinischen Gedichten gesellten sich immer wieder Übersetzungen deutscher Lyrik ins Lateinische. Eine davon war, in alemannischer Verbundenheit, Johann Peter Hebel gewidmet. Den Schluss von dessen Gedicht "Auf den Tod eines Zechers" übersetzte er so: "Nunc Lethe potus tempus somni / habet, quod vitae venit omni." Im Original: "Jetz schlooft er un waiß nüt dervo; / es chunnt e Zyt, goht's alle so." Für Fidel Rädle war nun diese Zeit gekommen. Der kluge, freundliche Mann wurde 85 Jahre alt.

© SZ/jsl
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