"Last Samurai" im Kino Ein Offizier und Gentleman

Tom Cruise spielt mit ein wenig überzogener Hingabe die Verwandlung vom versoffenen Versager zum letzten Ritter - ein Traum, den das amerikanische Kino sich gerne immer mal wieder leistet.

Von FRITZ GÖTTLER

Die Diagnose ist eigentlich eindeutig, im Fall des jungen Captain Nathan Algren: Ein Custer-Trauma, zum Ausbruch gebracht durch ein Buffalo-Bill-Syndrom. Der Junge kommt mit seinen Erinnerungen nicht klar an das Grauen des Bürgerkriegs, an die Brutalität, mit der die Kavallerie die Indianer abschlachtete. Nathan ist ein Zombie geworden, der sich zu billigen Jahrmarktauftritten verpflichtet hat und mit seinen Schießkünsten Werbung für die neuen Winchester-Gewehre macht.

"Japan wurde geschaffen von einer Handvoll tapferer Männer . . . die willens waren zu sterben für ein Wort, das in Vergessenheit geraten scheint . . . die Ehre."

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Tom Cruise spielt mit ziemlich starker, ein wenig überzogener Hingabe den versoffenen Versager - ein gefundenes Fressen für ambitionierte Hollywoodianer. Die Heilung deutet sich an, als er sich auf eine eigenartige Mission Impossible schicken lasst. Er soll dem jungen japanischen Kaiser - es ist jener, der einst der berühmten Meiji-Ära seinen Namen leihen wird - helfen, eine neue Rekrutenarmee im Schießen zu unterrichten, mit amerikanischen Karabinern. Eine entscheidende Neuerung, die die bisherigen Krieger, die Samurai, arbeitslos machen wird. Die Samurai laufen Sturm gegen die Maßnahme, beim ersten Gefecht wird Nathan verwundet und von dem Trupp des großen Katsumoto (Ken Watanabe) mitgenommen, in ihr Bergdorf. Eine Gelegenheit, den Samurai-Codex kennen zu lernen - und die Frau eines Kriegers, den er im Kampf getötet hatte.

Ein Jahr hat sich Cruise auf die Rolle vorbereitet, hat zusätzliches Gewicht angesetzt - wie Renée Zellweger es macht für Bridget Jones -, um ein Schwert überhaupt in Händen halten zu können, einen Zustand zu finden, in dem Körper, Geist und Seele zusammenwirken. "In stillen Zeiten sollte das Herz nicht stillehalten", heißt es im berühmten Lehrbuch von Miyamoto Musashi, "in Zeiten der Hast sollte das Herz nicht in Hast verfallen, also dass das Herz nicht vom Leib und der Leib nicht vom Herzen fortgezogen werde."

Es ist ein winterlicher Film, man spürt die Kälte der Berge in den Bildern, und, viel viel stärker noch, die Eisigkeit der neuen japanischen Gesellschaft. Eine Kälte, die keine Klarheit verspricht, noch ist alles schmuddelig und feucht. Tom Cruise läuft erst mal strumpfsockig herum, in schmutziger Armeehose, dann lernt er den Samuraiprügel zu gebrauchen und schließlich das Schwert. Bald trägt er einen Kimono, und eine Samurairüstung, lernt Japanisch von der fremden Frau (Koyuki).

"Die größte Bedeutung hatte für mich," sagt der Regisseur Edward Zwick, "wie die Samurai die Unmittelbarkeit des Todes umfassten - und wie konträr das zu der Kultur war, in der ich lebte. Der Samurai-Code entsprach einer Hochschätzung des Lebens, der Schönheit vergänglicher Dinge, und einer Absorbierung des Augenblicks." Der Film fängt dort an, wo Zwicks großes Epos über den Bürgerkrieg endete, "Glory", aber er spinnt auch Gedanken weiter, die in "The Siege" irritierten, der von der merkwürdigen Bruderschaft arabischer Selbstmordattentäter in New York erzählt.

Im Samurai sieht Zwick den Westerner auftauchen, in den Filmen von Kurosawa jene von John Ford. "Japan wurde geschaffen von einer Handvoll tapferer Männer . . . die willens waren zu sterben für ein Wort, das in Vergessenheit geraten scheint . . . die Ehre." In den Samurai finden wir die Wilden wieder, die native Japanese - Amerika hat gern das Spiegelbild selbst entworfen, in dem es sich wiederfinden konnte. Es ist schön, in diesem Film Menschen im Kampf agieren zu sehen, in einer wirklichen Konzentration und Selbstbeherrschung, nicht immer nur gezwungen, zu hampeln im hektischen Hinundher der Effekte - man wird daran erinnert, was das Wort Bedachtsamkeit einst fürs Actionkino bedeutet.

Die neuen Waffen werden am Ende das Ballett der Körper vernichten, und die Politik wird statt auf die Kriegskunst aufs Marketing bauen. Timothy Spall spielt Nathans side-kick, einen Fotografen, der die Action mit seinem Apparat aufnimmt und mit seinen Übertreibungen aufmotzt. Am Ende bleibt Cruise, was er seit Jahren ist, ein Objekt und Opfer seiner Publicity, fasziniert vom Harakiri als Star.

Der Letzte sein, das ist eine vertraute amerikanische Ambition. Die Gegenfigur zu Cruise ist der junge Kaiser, Meiji, der selber nicht agiert, der nicht mal sprechen darf in der Anwesenheit fremder Männer. Ein Dummy, der sein Leben lang im Hintergrund bleibt, reg- und regungslos, aber alles registrierend. Ein Phantom, das über Nichtgesagtes, Nichtsagbares kommuniziert - auch ein Traum, den das amerikanische Kino sich immer wieder leistet. Und vielleicht auch die Politik.

THE LAST SAMURAI, USA 2003 - Regie: Edward Zwick. Buch: John Logan, Marshall Herskovitz, Edward Zwick. Kamera: John Toll. Schnitt: Steven Rosenblum, Victor Du Bois. Musik: Hans Zimmer. Mit: Tom Cruise, Ken Watanabe, William Atherton, Billy Connolly, Tony Goldwyn, Hiroyuki Sanada, Koyuki, Timothy Spall, Chad Lindberg, Masato Harada, Masashi Odate, John Koyama. Warner, 144 Minuten.