Süddeutsche Zeitung

Romeo und Julia an der Schaubühne:Sex statt Liebe

Keine Liebe, nirgends - das ist die Welt, in die Romeo und Julia bei Lars Eidinger in dessen zweiter Regiearbeit hineingeraten sind. Da kommt das Raue, Brutale und Zotige an Shakespeare besser zur Geltung als üblicherweise. Doch auch Eidinger schafft es nicht, die berühmteste Liebesgeschichte der Welt ganz ohne Gefühl zu inszenieren.

Von Mounia Meiborg

Romeo will weg. Rasch zieht er sich die Unterhose an, stopft sich die Kleider unter den Arm und hebt das Bein, um aus dem Fenster zu klettern. Aber in dem Moment wacht Julia auf und fängt an, von Nachtigall und Lerche zu reden. Also bleibt Romeo. Und der One-Night-Stand wird zum Drama.

Der Schauspieler Lars Eidinger hat sich für seine zweite Regie-Arbeit die bekannteste Liebesgeschichte der Welt ausgesucht - und schon vorher in Interviews erklärt, es gehe darin gar nicht um Liebe, sondern um Sex. Hierfür ist Eidinger im deutschen Theater gewissermaßen der Experte: Vor ein paar Jahren hielt er auf der Bühne Zwiesprache mit seinem Penis, und erst kürzlich wurde er mit der Schlagzeile "Mein Beruf ist wie Sex" zitiert. Seine Lesart von Shakespeare kann zwar am Ende nicht überzeugen. Ganz falsch ist sie aber auch nicht.

Das Verona, das wir an der Berliner Schaubühne sehen, ist zutiefst verkommen. Nicht nur die Familien Capulet und Montague bekriegen sich hier. Auch jeder Einzelne steckt fest in einem Sumpf aus Drogen, Sex und Gewalt.

Julias Mutter, Lady Capulet, hat sich den letzten Rest Schamgefühl schon vor längerer Zeit weggesoffen und stakst nun mit Highheels und Vagina-Kostüm umher. Von ihrer Tochter kennt Capulet, wunderbar komisch gespielt von Regine Zimmermann, nicht mal das Geburtsdatum - dafür fasst sie Julias adeligem Verehrer sozusagen probeweise in den Schritt.

Die Amme, bei Shakespeare eine Vertraute der Jugendlichen, verwechselt Fürsorge schon mal mit Grapschen. Und der Mönch, der die beiden später trauen wird, ist ebenso unzurechnungsfähig wie übergriffig. Keine Liebe, nirgends - das ist die Welt, in die Romeo und Julia hineingeraten sind.

Viel zu cool zum Kämpfen

In der Mitte der Bühne, die Nicole Timm entworfen hat, steht ein Guckkasten aus Brettern. Ein paar Pappkartons sind Verona. Je nach Wetter- und Gefühlslage kommen Sonne, Mond und Wolken an Schnüren vom Bühnenhimmel herunter. Und am Rand sitzen die Schauspieler und warten am Schminktisch auf den Auftritt.

Thomas Braschs Übersetzung erweist sich als passende Vorlage für das Testosteron-Trio: Mercutio übt sich in Dialekten, Benvolio im Hose-Runterlassen, Romeo im Kalauern. Moritz Gottwald spielt diesen Romeo zugleich über- und unterspannt; zerstreut tänzelt er durch die Gegend und sieht aus wie ein britischer Tourist, der beim Berlin-Besuch zu viel Club Mate getrunken hat.

Eidinger, selbst eine bekennende Rampensau, gelingen diese Szenen als Regisseur am besten. Aber was diese jungen Männer zum Degen greifen lässt, bleibt unklar. Denn eigentlich sind sie viel zu cool zum Kämpfen - und zum Lieben.

Romeo und Julia treffen sich also beim Maskenball. Zufälliges Antanzen, ein Blick, dann wird geknutscht. Später steht Julia auf dem Balkon, Romeo unten. Doch statt Liebesworten fallen ihm nur Zitate aus Popsongs ein, von Elton John bis James Blake. Es war doch alles schon da, wie soll man da noch romantisch sein?

Reichlich Probleme mit der Logik

Deshalb klettert er auch schnell zu ihr ins rosa bezogene, von Bravo-Postern eingerahmte Jugendbett. Und als Julia (Iris Becher) nicht so richtig will beim Sex, wird eben schnell geheiratet. Mit der Logik gibt es gegen Ende freilich Probleme, der Plot driftet ins Absurde. Denn wer bringt sich schon aus reiner Begierde um?

Man hat es ja mit Shakespeare nicht leicht im deutschsprachigen Raum. Die Übersetzungen von Schlegel & Co. sind immer noch übermächtig, weil sie so gut sind. Oft geht dabei das verloren, was Thomas Brasch das "Billige" bei Shakespeare nennt: das Raue, Brutale, Zotige. Stattdessen wird die Liebe verklärt - vor allem in "Romeo und Julia", dessen Balkonszene jeder Schauspielschüler mitseufzen kann. Da ist Eidingers Gaudi mit kopulierenden Stoffhasen und kreischender New-Wave-Band auch irgendwie erfrischend.

Ein bisschen romantisch wird es dann doch noch, als Romeo die Giftflasche geleert und Julia sich den Dolch ins Herz gerammt hat. Da steht Romeo noch mal auf und zündet Wunderkerzen an. "All we ever wanted, was everything", singen die Schauspieler.

Eidinger, so die Ahnung in diesem Moment, will gar nicht von der Liebe erzählen, sondern von der Sehnsucht nach ihr. Und diese Vergeblichkeit hat - bei all den grellen Tönen der Inszenierung - etwas Rührendes. Ganz ohne Gefühl geht es bei Shakespeare eben doch nicht.

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SZ vom 20.04.2013/pak
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