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Nachruf auf Larry McMurtry:Erzähler des amerikanischen Westens

Larry McMurtry

Der Schriftsteller und Drehbuchautor Larry McMurtry in seinem Laden für seltene Bücher in Archer City, Texas.

(Foto: LM Otero/AP)

Der Schriftsteller und Drehbuchautor Larry McMurtry ist tot. Für seine Texas-Romane wie "Lonesome Dove" und Filme wie "Brokeback Mountain" gewann er Pulitzerpreis und Oscar.

Von Fritz Göttler

Kaum zu glauben, wie das Land sich verändert hat. Sam der Löwe sitzt mit den Jungs am Flussufer und erinnert sich an vergangene Zeiten. Ein kleines Kaff in Texas im Jahr 1951. Die Teenager sind verrückt auf Autos und Petting, die Jungs müssen in den Krieg nach Korea. Der Himmel hängt dunkel über den flachen Häusern der Stadt. Überall Einsamkeit. Das Kino macht zu, am letzten Abend läuft "Red River", der große Viehtreck-Western, das amerikanische Epos vom Aufbruch. Old Times, murmelt Sam, hinter ihm strudelt gelassen der Fluss.

"The Last Picture Show" von 1971 ist immer noch eines der großen bewegenden Stücke des amerikanischen Kinos, ein Alterswerk von zwei jungen Männern. Peter Bogdanovich, der Regie führte, war damals 32, und Larry McMurtry, der mit ihm das Drehbuch schrieb, nach seinem eigenen Roman, war 35. Er ist mit Bogdanovich zum Dreh in das Städtchen Archer City gegangen, seiner Geburtsstadt, und hat über die Dreharbeiten berichtet (in der Film-Essay-Sammlung "Film Flam"). Auch dies eine Geschichte von Einsamkeit und Enttäuschung. Bogdanovich und er wurden für ihr Drehbuch für einen Oscar nominiert.

Die Filme, für die Larry McMurtry das Drehbuch schrieb, oder die nach seinen Romanen entstanden, haben jede Menge Preise gewonnen. Auch Oscars, zum Beispiel "Zeit der Zärtlichkeit / Terms of Endearment", 1983, von James L. Brooks. Debra Winger als eine junge Frau, die an Krebs erkrankt, Shirley MacLaine als ihre Mutter. Eine amerikanische Passion, und es ist nicht unwichtig, dass sie in Houston spielt.

Der Heimatroman hat in der amerikanischen Literatur eine starke Tradition

Larry McMurtry hat in seinem Schreiben immer Texas im Blick gehabt. Für einen seiner größten Erfolge, "Lonesome Dove", über einen Treck von Texas nach Montana, bekam er 1985 den Pulitzerpreis, und auch die TV-Verfilmung mit Tommy Lee Jones und Robert Duvall wurde vielfach preisgekrönt. 2002 hat er auch ein Skript über den Johnson County War geschrieben, den blutigen Weidekrieg, über den Michael Cimino sein "Heaven's Gate" gemacht hatte.

Larry McMurtry wurde am 3. Juni 1936 auf einer Ranch in Texas geboren. Seinen ersten Roman schrieb er 1961, mit 25 Jahren, "Horseman, Pass by". Er wurde zwei Jahre später unter dem Titel "Hud / Der Wildeste unter Tausend" mit Paul Newman verfilmt. Der Heimatroman hat in der amerikanischen Literatur eine starke Tradition, die diverse Autoren umfasst, William Faulkner, Thomas Wolfe, Richard Ford oder Ken Kesey, dessen Witwe Larry McMurtry später heiratete. Auch die großen New-York-Romane, von Updike, Roth, DeLillo, sind Heimatromane. Heimat hat in Larry McMurtrys Werk immer eine weite, unheimliche Dimension - die Helden von "Lonesome Dove", schrieb er, seien inspiriert von Don Quijote und Sancho Pansa.

In den Siebzigern hat McMurtry eine Buchhandlung für seltene Bücher in Washington eröffnet, "Booked Up", später noch ein paar andere, in Dallas, Houston, Tucson, schließlich auch eine in Archer City. An die 400 000 Titel versammelte er dort - nur diese Buchhandlung konnte er langfristig halten, als im Verlauf der Jahre das Internet sich entwickelte. "Ich brauche Bücher", sagte er, "ich muss mich unter ihnen bewegen." Er wollte dem Westen die mythische Aura nehmen und wusste doch zugleich, dass dies nahezu unmöglich war.

Der alte Westen, das Phantombein Amerikas mit all seinem Phantomschmerz. In den letzten Jahren hat er mehrfach mit Diana Ossana an Drehbüchern gearbeitet, sie half ihm so aus der Depression, in die er nach schweren Herzoperationen verfallen war. 2005 bekamen sie für das Skript zu "Brokeback Mountain", nach einer Story von Annie Proulx, einen Oscar. Es ist erneut eine Geschichte aus tiefster Einsamkeit, über zwei junge Cowboys, gespielt von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal, die ihre Liebe zueinander entdecken.

Larry McMurtry, der ein unglaubliches Gespür für das Unsichtbare hat, der immer auch das im Blick hat, was anderen entgeht, fasziniert hier nicht die kühne homosexuelle Beziehung, die für die meisten Betrachter im Zentrum stand. Sondern die Frauen der beiden Cowboys. Er glaube fest, sagt er, wenn man etwas herausfinden oder überprüfen wolle über Emotionen, müsse man zu den Frauen gehen. Am Donnerstag ist Larry McMurtry in seinem Haus in Tucson, Arizona, gestorben. Er habe seit einiger Zeit an der Parkinsonkrankheit gelitten, heißt es. Er wurde 84 Jahre alt.

© SZ/kni
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