Landkreis Starnberg Kritisch und kreativ

Tassilo-Preisträgerin Elena Carr (li.) im Gespräch mit SZ-Kulturredakteurin Sabine Reithmaier.

(Foto: Robert Haas)

Installationskünstlerin Elena Carr wird für ihre sozialkritischen Bezüge in ihren Arbeiten ausgezeichnet, der Verein "Zeitreise Gilching" für engagierten und originellen Zugang zum Thema Heimatgeschichte

Von Katja Sebald und Peter Haacke

Kultur bietet zweifelsohne ein weit gefächertes Betätigungsfeld. Wie verschieden kulturelles Verständnis und Schaffen sein können, verdeutlichen in besonderer Weise die beiden Tassilo-Preisträger aus dem Landkreis Starnberg: Während sich die Installationskünstlerin Elena Carr in sozialkritischer Kreativität mit teilweise experimentellem Ansatz ausdrückt, setzt der Gilchinger Verein "Zeitreise" auf die originelle und spannende Vermittlung kulturhistorischer Heimatbezüge. Allein schon aufgrund der Inhalte ist die Herangehensweise der beiden Preisträger an ihr Thema höchst unterschiedlich. Doch eins haben sie gemeinsam: Sie erlebten am Mittwoch einen glanzvollen, kurzweiligen Abend, der ihnen mit der Tassilo-Preisverleihung im Münchner "Technikum" berechtigte öffentliche Anerkennung für jahrelanges kulturelles Engagement bescherte.

Elena Carr

Seit ihrem fünften Lebensjahr weiß Elena Carr, dass sie Künstlerin werden will - der Weg dorthin nimmt aber immer wieder überraschende Wendungen. Mit einem Diplom der Akademie der Bildenden Künste und dem Kulturförderpreis des Landkreises Starnberg war die 27-Jährige 2018 nach Wien gegangen. Das kunstpädagogische Volontariat am neu gestalteten Weltmuseum brach sie allerdings nach wenigen Wochen ab, weil ihr vor lauter Kunstarbeit keine Zeit mehr für die Kunst blieb. "Ich habe dann erstmal eine Volo-Knarre geschnitzt, das ist jetzt das Einzige, was seit dem Studium passiert ist," sagte sie, als sie die Tassilo-Urkunde in Händen hielt.

Mit der selbstgeschnitzten Volontariatsbeendigungspistole kehrt Carr kurz an ihren künstlerischen Anfang zurück: Ursprünglich wollte sie Bildhauerin werden, studierte dann aber beim Schweizer Konzeptkünstler Res Ingold. Mit ihren meist installativen und performativen Arbeiten hat die junge Künstlerin bereits viel Furore gemacht - nicht nur in England, Griechenland, Australien, Rumänien und Österreich, sondern auch in München und in ihrem Heimatort Starnberg war sie an interdisziplinären Projekten beteiligt, in denen es oft um soziale Interaktion ging.

Auch die Tassilo-Jury überzeugte sie nicht zuletzt mit ihrem Ansatz, künstlerische Arbeit mit sozialem Engagement und politischer Aktion zu verbinden. Mit einem Bein ist Elena Carr noch in München, wo sie für einen Masterstudiengang eingeschrieben ist. Dafür muss sie aber jetzt ohne das Weltmuseum ein eigenes Kunstvermittlungsprojekt realisieren, am liebsten trotzdem in Wien. "Manchmal ist es noch gar nicht sicher, wie man überhaupt weitermachen kann", antwortete sie deshalb auf die Frage, was als nächstes kommt.

Verein "Zeitreise Gilching"

Für Annette Reindel gab es nach der Preisverleihung noch einen zweiten Höhepunkt: Beglückt hielt sie ein Autogramm von Leslie Mandoki, einst Mitglied der legendären Pop-Gruppe "Dschinghis Khan", auf dem Flyer ihres Vereins "Zeitreise" in Händen: "Ein Held meiner Jugend und meine erste Lieblingsband", strahlte sie, "er will uns besuchen." Nicht ganz so begeistert beurteilte sie ihren eigenen Auftritt auf der "Technikum"-Bühne, den sie mit vier Vorstandsmitgliedern ihres Vereins teilte: Sie hatte sich vorgenommen, ein bisschen Kritik zu äußern an der völlig unzureichenden Förderung des Freistaats für Heimatvereine, obwohl die bayerische Regierung das Thema "Heimatpflege" doch sonst immer so gern in den Vordergrund rückt. Doch mit der Frage nach den drei Skeletten, die 2012 bei Bauarbeiten in Gilching gefunden worden waren, hatte Moderatorin und SZ-Redakteurin Sabine Reithmaier die Vereinsvorsitzende aus dem Konzept gebracht. Stattdessen berichtete Reindel von einem Knochenmann des Trios, in den sie sich trotz seines eher bemitleidenswerten Zustands spontan verliebt hatte, "weil er so nett lächelte". Erst später stellte sich heraus, dass der Mann an einem Zahnwurzel-Abszess litt, der ihn vermutlich sogar das Leben gekostet hatte.

Sprachlos war Reindel dagegen zunächst, als ihr die SZ mitteilte, dass "Zeitreise" zu den Tassilo-Preisträgern gehört - und dachte dann: "Wie geil ist das denn!" Mit der Auszeichnung wird die unermüdliche Arbeit des engagierten Vereins gewürdigt, der sich zum Ziel gesetzt hat, "Geschichte sexy zu machen", wie Reindel sagt. Binnen fünf Jahren entstand - mit großem Wohlwollen und großzügiger Unterstützung der Gemeinde - ein kleines, aber feines Museum, bei dem Anfassen und Ausprobieren ausdrücklich erwünscht ist. Anders als andere Heimatmuseen beschränkt man sich nicht allein auf Exponate: Multimedia, Audio, Repliken, funktionale Modelle - all das stellen die Vereinsmitglieder selbst her. "Wir zeigen nicht nur, wir vermitteln Kultur", sagt die Museumsleiterin - und kündigt schon die nächste Ausstellung an. Unter dem Motto "Prost Gilching" will man sich dem 11 000 Jahre alten Thema Bierbrauen widmen und beweist damit: "Zeitreise" hat mit der Tassilo-Auszeichnung einen Preis der Gegenwart erhalten, damit die Vergangenheit auch weiterhin eine Zukunft hat.