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Lagerfeld-Retrospektive:Chemie und Mechanik

Karl Lagerfeld fotografierte auch. Er experimentierte mit Silbergelatine und Daguerreotypien und inszenierte Bilder im Stil bekannter Maler. In Halle ist seine erste große Retrospektive zu sehen.

Von Burkhard Müller

Silber. Darauf scheint bei Karl Lagerfeld alles hinauszulaufen. Lagerfeld hat gern mit alten fotografischen Mitteln experimentiert, die wegen ihrer Umständlichkeit schon vor Generationen aus der Mode gekommen sind, mit Silbergelatine oder mit der Daguerreotypie auf kleinen Metallplatten, die so stark reflektieren, dass sie in einem schwarzen Kabinett mit raffinierter Punktbeleuchtung präsentiert werden müssen.

Die Bilderserie von Brunnenfiguren und anderem barocken Zierrat in Rom mutet an wie Familiensilber, das schon lang nicht mehr geputzt worden ist, sodass sich seine Schnörkel aufs Herrlichste schattieren und modellieren. Das Herz der Ausstellung bildet der Zyklus des Hirtenidylls von Daphnis und Chloë, eine Reihe riesenhafter Fotografien, dargeboten auf Silberleinwand mit silbernem Rahmen.

Als Lagerfeld schon über 50 war, hat er sich, neben seiner Tätigkeit als Modedesigner, einen zweiten Bereich erschlossen, indem er, der bisher fotografieren ließ, selbst zu fotografieren begann. Das Museum Moritzburg in Halle hatte noch mit Lagerfeld selbst verhandelt, um diese Ausstellung ins Werk zu setzen. Bloß, Retrospektive sollte sie nicht heißen, bat der Künstler sich aus, das könnten sie machen, wenn er tot wäre. Kurz darauf, im Frühjahr vorigen Jahres, starb er; und so ist es nun doch eine Retrospektive geworden.

Für das Bild mit dem verlassenen Olivenhain waren Dutzende von Helfern im Einsatz

Man kann sich schwer vorstellen, dass irgendeine spätere sie überbietet. Die 400 Exponate umfassen das gesamte Œuvre und bespielen das ganze Haus, einschließlich des Innenhofs, den Porträts des Meisters selbst füllen.

Auf mehr als vier Meter hohen Bahnen oder Fahnen, in engem Abstand, sodass man dicht vor ihnen vorbeigehen und den Blick ehrfürchtig erheben muss, hängen Porträts von Models, aufgenommen für Modezeitschriften wie die Vogue, Heiligenbilder fast, aber auf so dünne Kunstseide gedruckt, dass man sie von beiden Seiten gleich gut betrachten kann. Mit ausfasernder echter Seide, die solche Bildschärfe und Leichtigkeit verweigert, wäre das nicht gegangen: Nur das Artifizielle hält diesem Kunstanspruch stand. Man vergisst fast, dass man es mit Fotografie zu tun hat, jenem unkörperlichen Medium, das sich, wie das geschriebene Wort, prinzipiell auf jede Oberfläche übertragen lässt. Lagerfelds Werk ist, wie an die schwierige Technik, so auch ans kostbare Material gebunden, an eigens für ihn entwickelte schwere Papiersorten, die starke und charakteristische Düfte verströmen (was selbst für den Katalog noch gilt).

Alles ist hier Chemie und Mechanik. Es herrscht das Raster, nicht das Pixel; und die Punkte der Rasterung, wo sie auftreten, werden wie Edelsteine behandelt. Wenn eine großformatige Strecke der Alterung des Dorian Gray nachgeht, dann wird der dekadenweise sichtbar gemachte Verfall ausschließlich durch Schminke und Beleuchtung erzielt. Verblüfft erkennt man, was Lagerfeld da zuwege bringt: Mit einem Mal bietet sich Schminke als wahrer und authentischer Ausdruck dar, als etwas im Augenblick der Aufnahme ehrlich Vorhandenes - im Gegensatz zur nachträglichen Bearbeitung mit Photoshop.

Lagerfeld macht kein Hehl daraus, dass sich alles, was es hier zu sehen gibt, der Veranstaltung verdankt. Vom Realismus des Schnappschusses distanziert er sich so weit wie möglich. Das Idyll von Daphnis und Chloë beschwört die ländliche Abgeschiedenheit eines Olivenhains; verleugnet aber nicht den Aufwand der Herstellung, die Dutzende von Helfern erfordert hat. Es muss ganz schön gewimmelt haben in diesem verlassenen Hain. Aber gerade so gehorcht der Künstler dem Ethos des wahren Scheins: Was es hier zu sehen gibt, übersteigt die Banalität der gewöhnlichen Welt; doch war es unzweifelhaft trotzdem da, denn es konnte fotografiert werden.

Der wahre Schein: Diese Vorstellung stammt natürlich aus der Mode, Lagerfelds Heimatrevier. Handgreifliche und bar zu bezahlende Textilien werden ins Jenseits des Laufstegs entrückt, wo man nur gucken darf und nichts sonst. Doch offenbar gab es etwas daran, das Lagerfeld nicht befriedigt hat. Die in Halle versammelten Bilder halten nicht nur den Augenblick fest; sie wollen auch der Mode, die nur eine Saison lang aktuell ist, eine Dauer verleihen, die ihr sonst nicht zukommt.

In der umfangreichsten Serie sieht man je ein Outfit eines Jahrgangs, von den Zwanzigern bis nah an die Gegenwart geführt. Lagerfeld hat alte Bilder fotografiert, sie dann mit Farbe behandelt, ausgeschnitten, collagiert, wieder fotografiert, wieder bemalt, in so vielen Schichten, dass einem der Kopf schwirrt. So entwachsen die ephemeren Fähnchen ihrer Zeit und werden - nun, etwas Neues.

Alles, was Lagerfeld tut, ist Inszenierung. Das liegt auf der Hand bei seinen Modeschauen. Aber in seinem fotografischen Werk bereichert er sie, indem er Anleihen bei zwei Künsten macht, die gleichfalls Inszenierung sind: Malerei und Theater. Sein Perfektionismus treibt den Tableaus alles Zufällige aus, von dem die Fotografie doch sonst nie loskommt, und jede Falte sitzt so gewollt wie ein Pinselstrich.

Er stellt Bilder im Stil von Anselm Feuerbach, Lyonel Feininger oder Edward Hopper nach - keine Kopien, sondern eigene Kompositionen, die man dennoch auf Anhieb diesen Künstlern zuordnet. Man kann das eine Hommage nennen; doch eigentlich handelt es sich um ein Konkurrenzunternehmen, das mit anderen Mitteln dieselben oder sogar bessere Ergebnisse liefern will.

Weil Lagerfeld nicht so zynisch ist wie Jeff Koons, wirkt der Kitsch bei ihm peinlich

Er hat dafür Kulissen bauen lassen, die eine täuschende Illusion des Malerischen bewirken. Selbst wenn man bis auf Zentimeter an diese Bilder heranrückt, muss man wissen, dass es Fotos sind, denn der Augenschein spricht dagegen. Mit dem Theater aber hat diese Kunst die Rolle gemeinsam, die sie den Menschen zuweist und in der sie ganz und gar aufzugehen haben, ohne von sich selbst etwas anderes mitbringen zu dürfen als ihren Körper und ihr Gesicht. Psychologische oder biografische Erforschung seines Gegenübers ist Lagerfelds Sache nicht. Er ist ein sehr herrischer Schöpfer. (Übrigens ist in der Kunsthalle Talstraße, ebenfalls in Halle, eine Ausstellung von Lagerfelds altem Weggefährten Guy Bourdin zu sehen.)

Wie alle Kunst, die das Ästhetische um seiner selbst willen forciert, bewegt auch diese sich immer am Rand des Kitschs. Der Umschlag geschieht zuweilen mit erstaunlicher Plötzlichkeit: Einige der Bilder von Daphnis und Chloë sind statt mit Silber mit Gold montiert, und sofort kippt der edle Schein in schweren Protz. Neben vielem anderen umfasst die Ausstellung auch Storyboards zur Werbung für Luxusprodukte. In einer Art Fotoroman wie früher in der Bravo kann man hier verfolgen, wie Claudia Schiffer sich von einem Gigolo rumkriegen lässt, der eine Flasche Dom Perignon schwenkt. Kunst wäre so etwas höchstens bei Jeff Koons; da Lagerfeld aber dessen Zynismus fehlt, wirkt es eher peinlich.

Lagerfelds Damen besitzen mondäne Eleganz. Bei seinen männlichen Modellen hingegen waltet ein anderes, unverstellt sexuelles und etwas plebejisches Schönheitsideal, besonders bei Baptiste Giabiconi, der nicht nur Daphnis war, sondern auch Lagerfelds Lebensgefährte. Ihn hat er, als obszön hingelagerten Akt, lebensgroß in Schokolade gießen lassen: ein Stück grandioser Vulgarität. Einen Abguss dieses Abgusses bietet auch Halle.

Es ist nicht einfach, dieses Werk nach Art und Rang zu verorten. Sucht man nach Vergleichbarem, fällt einem am ehesten Andy Warhol ein. Warhol und Lagerfeld ähneln sich nicht nur in der gesuchten Maskenhaftigkeit ihres Auftritts, darin, dass man sie ohne das Markenzeichen ihrer Accessoires - die dunkle Brille, die platinfarbene Perücke - wohl auf der Straße gar nicht erkennen würde. Sie kommen auch beide aus der Bilderwelt der Reklame, streben über diesen Ursprung hinaus und bleiben ihm doch im Tiefsten treu. Daraus erwächst ein überaus produktives Schaffen, zu dessen Verwirklichung es eines Hofstaats bedarf. Inmitten dieses Wirbels stehen sie selbst wie erstarrt als einsame Figuren. Beide verherrlichen sie die Oberfläche und hoffen doch, dass in ihr und durch sie noch etwas anderes leuchte. Silber.

Karl Lagerfeld. Fotografie. Die Retrospektive. Halle, Kunstmuseum Moritzburg. Bis 6. Januar 2021 Der Katalog (Steidl Verlag) kostet 28 Euro.

© SZ vom 24.06.2020
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