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Mutterschaft und Kultur:La mamma, ein Albtraum

Marietto, Clark Gable & Sophia Loren Characters: Nando Hamilton, Michael Hamilton, Lucia Curcio Film: It Started In Napl

Frühzeit einer Ikone der Mütterlichkeit: Sophia Loren mit Clark Gable und Carlo Marietto (als ihr Neffe Nando) im Film "Es begann in Neapel" von 1960.

(Foto: imago images)

Je größer das Ideal, desto bitterer die Enttäuschung: Über das in der italienischen Literatur so auffällig starke Motiv der abwesenden Mutter. Zum Beispiel in Roberto Camurris Roman "Der Name seiner Mutter".

Von Maike Albath

La mamma: Schon das Wort hat etwas Schmatzendes mit seinem doppelten "m", außerdem kann man beim "a" den Mund schön weit aufreißen. Und wer hat nicht sofort Sophia Loren vor Augen, wie sie mit einem Kind auf dem Arm und einem anderen am Rockzipfel im Spaghetti-Topf rührt? Oder Pier Paolo Pasolinis "Mamma Roma" auf der Vespa mit ihrem Sohn, für den sie sich schier zerreißt? Mütter sind ein unerschöpfliches Thema der italienischen Kulturgeschichte. Die allgegenwärtige Imago der Jungfrau Maria scheint die Stilisierung der tiefen Symbiose zwischen Müttern und Söhnen noch zu verstärken.

In der Nachkriegszeit sprach der Schriftsteller Corrado Alvaro von einem zunehmenden "mammismo" - Italien sei voller junger Männer, die von ihren Erzeugerinnen wie Prinzen behandelt werden. Der römische Psychoanalytiker Ernst Bernhard, behandelnder Arzt von Federico Fellini und etlichen Schriftstellern, prägte Ende der 1960er-Jahre den Begriff der "großen mediterranen Mutter": Aus einem tiefen Instinkt verwöhne sie ihre Kinder übermäßig und steigere dadurch deren Bedürftigkeit. Das Ergebnis sei immer größere Abhängigkeit.

Auf einmal wissen sie wieder, was sie verbindet: die Sorge um ein Kind

Umso erstaunlicher ist es, dass es in Italien seit jeher auch Geschichten über flüchtige Mütter gab, über Frauen, die sich genau dieser Rolle verweigerten. 1906 landete die schillernde Sibilla Aleramo mit ihrer autobiografischen Anklage "Una donna", das als erstes Manifest einer feministischen Literatur gilt, einen Skandalerfolg: Die Autorin, eine bekannte Journalistin, schilderte hier, wie sie ihre Freiheit nur um den Preis ihres zurückgelassenen Sohnes erringt. Einige Jahrzehnte später drehte Elsa Morante, selbst in äußerst verwirrenden Familienverhältnissen aufgewachsen und kinderlos, die Perspektive um: In "Aracoeli" (1982) beschreibt ihr Held Manuele, wie ihn seine Mutter verstieß, als er dem Kleinkindalter entwachsen war. Von dieser Zurückweisung hat er sich nie wieder erholt.

Es gibt also einen literarischen Hallraum, der in neueren Romanen zu diesem Sujet anklingt. Wie bei Morante ergreifen die betroffenen Kinder das Wort: Der 1982 in der Emilia Romagna geborene Schriftsteller Roberto Camurri kreist in "Der Name seiner Mutter" um eine quälende Abwesenheit. Der schmale, bedrängende Roman beginnt mit der Geburt, die von der Erzählerstimme als ein Moment der Nähe zwischen dem Vater Ettore und dessen Frau imaginiert wird. Auf einmal wissen sie wieder, was sie verbindet: die Sorge um ein Kind. Doch nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass die junge Mutter genau dies nicht kann: den kleinen Pietro auf den Arm nehmen, ihn trösten, Tag und Nacht für ihn da sein. Ettore übernimmt diese Aufgaben, und als der Arzt einen Aufenthalt in den Bergen empfiehlt, fährt er mit dem Kind allein dorthin. Als sie zurückkommen, ist seine Frau verschwunden.

Roberto Camurri, Der Name seiner Mutter. Roman. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Kunstmann, München 2021. 208 Seiten, 20 Euro.

Mit angespannter Ruhe fächert die auktoriale Stimme eine Kindheit in scharf umrissenen Bildern auf und schildert die Lage von Vater und Sohn. Die Mutter ist eine Leerstelle, ein Tabu, ihr Name wird nie erwähnt. Wie ein untergründiges Magnetfeld lenkt sie dennoch alle emotionalen Kräfte. Was ist mit ihr passiert? Weder der verlassene Ehemann, der Pietro großzieht, noch die Großeltern, die den Verlust der Tochter bewältigen müssen, erzählen von ihr. Momente blitzen auf, in denen das Ausmaß der Verlorenheit deutlich wird. Auf einer Wanderung in den Bergen scheucht Ettore eine Bärenfamilie auf und beobachtet gebannt, wie Mutter und Vater ihr Junges verteidigen. Ähnlich emblematisch ist die Szene, wie Ettore und Pietro von einem Bauern einen Welpen holen, den sie von der Mutter trennen müssen. Sein Geheul liegt ihnen stundenlang in den Ohren. Als der Hund viele Jahre später stirbt, fragt Pietro seinen Vater, ob das Tier den Schock der Trennung je verwunden habe. Ohne Sentimentalität vermittelt Camurri den prekären Zustand seiner Figuren.

"Der Name seiner Mutter" wirkt wie mit Pastellfarben gemalt, ein vorsichtiger, tastender Roman, der vieles im Ungefähren lässt. Eine stilistisch ganz anders gelagerte Selbstbefragung unternahm 2018 der sizilianische Schriftsteller Roberto Alajmo in "L'estate del '78", "Der Sommer '78". Dieses Buch gibt es nicht auf Deutsch, obwohl es perfekt in das gerade so populäre Genre der Autofiktion passen würde. Der Anfang ist besonders prägnant: Als Alajmo mit Freunden fürs Abitur lernt und hinterher ein Eis essen gehen will, findet er vor dem Haus seine längst von der Familie getrennte Mutter vor, wie sie in ihrem besten Kleid auf dem Bürgersteig sitzt. Eine Mischung aus Peinlichkeit, Schuldgefühlen und Wut auf das unkonventionelle Verhalten lässt ihn nur wenige Worte mit ihr wechseln. Dass es ihr letztes Treffen sein wird, weiß er noch nicht.

Mithilfe von Fotos, Briefen und Tagebüchern unternimmt der Autor später eine Recherche, die nicht nur von der Verliebtheit eines kleinbürgerlichen sizilianischen Paares Ende der 1950er-Jahre handelt, sondern auch die Zwänge nachvollzieht, denen seine Mutter ausgesetzt war. Die Grundschullehrerin Elena Alajmo musste mit Onkel, Tante und später auch noch dem Schwiegervater in einer Wohnung leben. Es gibt ein Bild von ihr, wie sie auf ihrem Bett herumlümmelt, offenkundig ihr einziger Rückzugsort. Dem kleinen Sohn schien es deswegen normal, sie meistens dort vorzufinden.

Roberto Alajmo, L'estate del '78. Sellerio, Palermo 2018. 174 Seiten, 15 Euro.

Alajmo geht in seinem Memoir nicht chronologisch vor, sondern nähert sich der Mutter in immer neuen Anläufen. Der Augenblick auf dem Bürgersteig, in ein gleißendes Sommerlicht getaucht, kehrt mehrfach wieder, so als würde er seine Vergangenheit durch ein Fernrohr betrachten und jedes Mal neu fokussieren, bis die Konturen scharf sind. Eingebettet ist dieses Erinnerungsbild in Schilderungen von Weihnachtsritualen, Fernsehabenden, einer Reise nach Paris, der Beerdigung des Vaters und seiner eigenen, emphatischen Vaterschaft. Es geht Alajmo aber nicht um Genealogien; vielmehr bemüht er sich um die die Rekonstruktion der Krankheitsgeschichte seiner Mutter, Anamnesen inbegriffen. Bei der Lektüre drückt es einem nach und nach die Luft ab: Erst in der Mitte des Buches stellt sich heraus, dass Elena medikamentenabhängig war und mehr Zeit in der Psychiatrie als zu Hause verbrachte. Spasmo Oberon, ein codeinhaltiges Barbiturat gegen Menstruationsbeschwerden, war bis 1986 frei verkäuflich und weitverbreitet. Bei Elena führte es zu so schweren Persönlichkeitsstörungen, dass es die Familie zerrüttete.

Ein Jahr vor Alajmos Mutterprotokoll war in Italien der Roman "Arminuta" von Donatella Di Pietrantonio auf enorme Resonanz gestoßen. Hier muss die Ich-Erzählerin, die als Säugling zu entfernten Verwandten kam und mit dreizehn in die ihr unbekannte Herkunftsfamilie zurückkehrt, einen doppelten Verlust verkraften: den der sozialen Mutter, bei der sie aufwuchs, und den der biologischen, die sie weggeben hatte. Schon Michela Murgia hatte in "Accabadora" (2010) von der sardischen Gepflogenheit erzählt, kinderlose Frauen mit Töchtern aus fremden Familien zu versorgen, und es fällt auf, wie viele italienische Romane der vergangenen Jahre von Elena Ferrante bis zu Wanda Marasco von Müttern erzählen, die ihre Kinder manipulieren oder verstoßen. Allen Formen moderner Elternschaft zum Trotz besitzt die Mutter-Kind-Bindung eine archaische Exklusivität mit vielen Schattierungen.

Donatella Di Pietrantonio, Arminuta. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug. Verlag Antje Kunstmann. München 2018, 222 Seiten, 20 Euro.

Wie traumatisch Erfahrungen dieser Art für die Mütter selbst sind, zeigen die biografischen Verwicklungen zweier Frauen, die in der Öffentlichkeit standen und ihre Kinder nicht behalten wollten oder durften: Eine war ausgerechnet die gefeierte Reformpädagogin und engagierte Feministin Maria Montessori, die schon 1896 für die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern eintrat und bahnbrechende Erziehungsmethoden entwickelte. Von allen unbemerkt, bekam sie einen Sohn, brachte ihn bei einer Pflegefamilie unter und nahm ihn erst mit vierzehn als ihren "Neffen" bei sich auf. Wer er wirklich war, erfuhr man aus ihrem Testament. Für ein Kind, noch dazu ein uneheliches, war in einer weiblichen Karriere offenkundig kein Platz.

Das war selbst 1957 noch so. Damals bekam die neunzehnjährige Claudia Cardinale erste größere Filmrollen angeboten. Sie wurde durch eine Vergewaltigung schwanger und entschied sich, das Kind zu behalten. Aber auf Geheiß ihres Produzenten und Liebhabers Franco Cristaldi, bei dem sie fest angestellt war, musste sie ihren Sohn heimlich in London zur Welt bringen, zu ihren Eltern verfrachten und als jüngeren Bruder verleugnen. Die Sehnsucht blieb für alle unstillbar.

Vielleicht gerade weil Mutterschaft kulturell so stark aufgeladen war, kam es zu extremen Ausprägungen: verzückte Verhätschelung bis zum Pensionsalter oder Beziehungsabbruch. Scheidung wurde erst von 1970 an möglich. Und bis 1975 galt in Italien das Familiengesetz 151 aus dem Faschismus: Die Ehefrau hatte weder das Recht, ihren Wohnsitz frei zu wählen, noch durfte sie über die Erziehung der Kinder entscheiden. Dass es abgeschafft wurde, lag an der Frauenbewegung. Die Frauen hatten Sibilla Aleramo gelesen.

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