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"La La Land" im Kino:Und dann fahren Sebastian und Mia zu den Sternen

All das geht nur aus eingeprügelter Technik hervor, gegen die aber auch irgendwann rebelliert werden muss. J. K. Simmons, der in "Whiplash" die Rhythmusdrillmaschine spielte, hat nun auch in "La La Land" einen Kurzauftritt, als Saalchef des Restaurants, in dem Sebastian anfangs arbeitet. Free Jazz gehe hier gar nicht, bellt er ihn an, er solle gefälligst seine Setlist spielen. Irgendwann beginnt Sebastian dennoch zu improvisieren.

Dieses Spiel zwischen virtuoser Kontrolle und Befreiung ist das Wesen von Chazelles Kino. Die enorme Musikalität der Kamerabewegungen und Schnitte, die schon "Whiplash" getragen hatte, ist Ausdruck eines fast zwanghaften Perfektionismus des 32-jährigen Autorenfilmers.

Die Setlist, die Disziplin, das ist auch ein Programm der Kinogeschichte, das hier durchgearbeitet und mit dem dann dennoch improvisiert werden muss. Letztlich verfolgt Chazelle die Vorstellung einer intakten Kinogeschichte, die nicht einfach zitiert, sondern an die jederzeit ganz real wieder angeknüpft werden kann, um sie fortzusetzen.

Kino "La La Land" in Venedig - virtuoser Film, großartiger Ryan Gosling
Film

"La La Land" in Venedig - virtuoser Film, großartiger Ryan Gosling

Ein Musicalfilm eröffnet eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt? Ja, und was für einer! "La La Land" ist ein Weckruf nach einem sehr lauen Kinosommer.   Filmkritik von Susan Vahabzadeh

Einmal gehen Sebastian und Mia ins Kino und sehen Nicholas Rays "Rebel Without a Cause". Der Film reißt während der Vorführung, in der Szene, in der James Dean und Natalie Wood zur Sternwarte fahren, was Sebastian und Mia zum Anlass nehmen, ihrerseits dorthin zu fahren. James Dean hatte sich dort noch von unten die Sterne angeschaut, Ryan Gosling und Emma Stone werden darin tanzen.

Aber hinter dieser Kontinuität steckt auch ein Bruch zu früher. Im goldenen Zeitalter von Minnelli waren Glück, Erfolg und Liebe auf der Bühne und im Leben noch gekoppelt. Das ist hier anders. Sebastian und Mia werden ein Liebespaar und versuchen, Karriere zu machen, aber das Glück in der Kunst, der Erfolg als Musiker oder als Schauspielerin ist mit dem privaten Glück schwer vereinbar.

Eines Abends sitzen sie einander gegenüber und fauchen sich an, während hinter ihnen die Wandfarbe giftgrün funkelt wie in einem OP-Saal. Die gemeinsame Operation droht zu scheitern. Man muss sich irgendwann entscheiden: entweder gemeinsam leben oder Erfolg haben, jeder für sich. Im Jahr 2017 sind gemeinsame Träume fragile Patienten.

Die artifizielle Welt, die Chazelle zeigt, ist nicht einfach irgendeine Traumblase, sie gleicht unserer Zeit. Die Welt ist heute mehr denn je Bühne. Singen und tanzen tun heute viele, nicht nur Stars wie Fred Astaire. Man könnte auch sagen: Im Zeitalter von Social Media, in der überall Kameras und Bildschirme sind, hat die Bühne über die Welt gesiegt.

Das Kino als Kuppler: Erst als einmal der Film reißt, können die beiden sich küssen

Jeder ist nunmehr Schauspieler seines eigenen Lebens. So ist das Theaterstück, das Mia schließlich schreibt, ein Ein-Frau-Stück für sie allein. Und der Jazzclub, von dem Sebastian träumt, fühlt sich an wie ein Tempel für ihn allein; und den Barhocker einer alten Jazzlegende, den er wie einen Fetisch verehrt, wie eine Leidenschaft, die nur ihn etwas angeht.

Letztlich tanzt und träumt 2017 niemand mehr zusammen und jeder für sich. Bei Minnelli verbanden noch lange Kamerabewegungen die Kunst mit dem Leben und die Tänzer untereinander. Bei Chazelle hingegen fängt das anfängliche Kunststück in einer Einstellung auf der Autobahn nur die Virtuosität jedes Einzelnen ein, der aus seinem Leben eine Bühne, eine Show machen muss, um glücklich zu werden.

Woher kommt aber das Glück, das einen dennoch über den Film hinweg begleitet? Nicht nur aus der Freude, mit der hier jede Einstellung gedreht, jeder Ton gesetzt wird. Sondern vor allem daher, dass in einer Welt, in der sich die Welt der Bühne unterworfen hat und sich jeder sein eigenes Kino macht, das mechanische Band der Träume unterbrochen wird.

Es ist im Kino, während der Ray-Film läuft und reißt, dass sich Sebastian und Mia näher kommen und zum ersten Mal küssen. Als bräuchte es diese Unterbrechung des Films im Film, einen Sprung im Filmstreifen oder zwischen zwei Tönen, um zu zeigen dass immer noch eine echte Verbindung möglich ist, zwischen den Figuren und zu den Figuren, zwischen Bühne und Welt, Kunst und Leben, dem Film und uns.

La La Land, USA 2016 - Buch und Regie: Damian Chazelle. Kamera: Linus Sandgren. Schnitt: Tom Cross. Musik: Justin Hurwitz. Mit Emma Stone, Ryan Gosling, J.K. Simmons, Jessica Rothe, Rosemarie DeWitt, Cinda Adams, Callie Hernandez, Amiée Conn, Terry Walters, Jason Fuchs. Studiocanal, 128 Minuten.

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