Kurzkritiken zu den Kinostarts der Woche Ausgehebelte Zivilisation

In ihrer eigenen Welt: Nicolas Bro und Mads Mikkelsen in einer Szene von "Men & Chicken".

(Foto: Rolf Konow / DCM)

Geboten werden: degenerierte Brüder, die alle eine Lippenspalte haben. Oder: triebhafte Handlanger des Bösen. Doch sowohl die "Men & Chicken" als auch die "Minions" muss man einfach gerne haben. Welche neuen Filme sich lohnen und welche nicht.

Von den SZ-Kinokritikern

Ich seh, ich seh

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Ich seh, ich seh

Die klaren Konturen und das sterile Klima der Wirklichkeit sind trügerisch, denn diese Geschichte ist ein einziger Alptraum.

Die klaren Konturen und das sterile Klima der Wirklichkeit sind trügerisch, denn diese Geschichte ist ein einziger Alptraum. Auf die Erschütterungen ihrer Welt, die Trennung der Eltern und einen Unfall, nach dem das Gesicht der Mutter (Susanne Wuest) einbandagiert ist, reagieren die traumatisierten Kinder mit der ihnen eigenen grausamen Konsequenz. In ihrem Debütfilm nähren Veronika Franz und Severin Fiala die Geister von Ulrich Seidl und Michael Haneke, all die schrecklichen Kinder, deren Spiel zum reinen Psychoterror wird. Anke Sterneborg

Liebe auf den ersten Schlag

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Liebe auf den ersten Schlag

Thomas Cailleys Komödie propagiert die radikale Unabhängigkeit seiner Hauptfigur, die dann doch zum Konsens zurückdriftet: eine alternative Lebensvorstellung, an die er selbst nicht glaubt.

Mannsweib Madeleine (Adèle Haenel) will sich im Sommercamp der französischen Armee fürs autonome Überleben der ihrer Meinung nach bevorstehenden Apokalypse abhärten; ihr (etwas zarterer) Verehrer begleitet sie. Thomas Cailleys Komödie propagiert die radikale Unabhängigkeit seiner Hauptfigur, die dann doch zum Konsens zurückdriftet: eine alternative Lebensvorstellung, an die er selbst nicht glaubt. Philipp Stadelmaier

Marry Me!

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Neelesha Barthels Augenzwinkergeschichte einer Single-Mom weiß nicht, was sie sein will. Mal Bollywood-Tänzchen und fidele Oma aus Kalkutta, dann feministisches Fernsehspiel, zumeist aber Comedy-Klamauk.

Die nächste Berlin-Kreuzberger Multikultikomödie. Diesmal mit Indien-Flavour und narrativen Identitätsproblemen. Neelesha Barthels Augenzwinkergeschichte einer Single-Mom (Maryam Zaree) weiß nicht, was sie sein will. Mal Bollywood-Tänzchen und fidele Oma aus Kalkutta, dann feministisches Fernsehspiel, zumeist aber Comedy-Klamauk, dem zu Kreuzberg gerade mal Esoteriktrottel und prollige Ossis einfallen. Rainer Gansera

Men & Chicken

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Mads Mikkelsen spielt mit Lippenspalte und Schnauzer einen von fünf ziemlich degenerierten Brüdern, die man ins Herz schließt, obwohl sie sich sehr seltsam verhalten.

Ein ehemaliges Beelitzer Lungensanatorium als Hort für die finsteren Geister medizinischer Experimente und eine große Tafel, die wie ein opulentes Vanitas-Gemälde anmutet. Wie schon in früheren Regiearbeiten erschafft das dänische Drehbuch-Wunderkind Anders Thomas Jensen auch in seinem vierten eigenen Spielfilm eine hermetisch geschlossene, aus der Zeit gefallene Welt, in der die Regeln der modernen Zivilisation komisch absurd ausgehebelt sind. Und Mads Mikkelsen spielt mit Lippenspalte und Schnauzer einen von fünf ziemlich degenerierten Brüdern, die man ins Herz schließt, obwohl sie sich sehr seltsam verhalten. Anke Sterneborg

Minions 3D

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Minions 3 D

Ein Film, der vom Slapstick der kleinen Männchen lebt. Lustig, aber etwas blutleer.

Dies ist ohne Frage das Filmkunstwerk der Woche. Uh oh. Eijeijeij. Hehehehehe. Man verfällt unwillkürlich in Minions-Sprache, wenn man das sagt. Pierre Coffin und Kyle Balda haben den kleinen gelben Handlangern des Bösen aus "Ich - Einfach unverbesserlich" ihren eigenen Film spendiert, der in der Zeit der Dinosaurier beginnt. Superschurkin Scarlett Overkill (im Original von Sandra Bullock gesprochen, deutsch von Carolin Kebekus) heuert in den Swinging Sixties drei besonders abenteuerlustige Minions an, die unter anderem in den Tower of London einsteigen, auf der Jagd nach der Krone der Queen. Herrliche Brabbel-Comic ohne jede Impulskontrolle - das geht zurück bis zu den ältesten Wurzeln des Kirmes-Kinos. Tobias Kniebe

Der Papst ist kein Jeansboy

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Der Papst ist kein Jeansboy

Der Papst ist kein Jeansboy

Wie erzählt man von einem Menschen, der so vieles ist? Hermes Phettberg, österreichischer Provokateur und närrische Querdenker, Narzisst und Sado-Maso-Aktionist, Kult-Talkmaster in den 90ern, heute Sozialhilfeempfänger. Sobo Swobodnik besuchte ihn in seiner Wohnung und zeigt seinen Alltag in poetischen Schwarz-Weiß-Bildern als berührend-verstörenden Leidens- und Überlebensgeschichte. Annett Scheffel

Seht mich verschwinden

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Seht mich verschwinden

Eine verworrene Geschichte, in der Innen und Außen, Wahrheit und Lüge die ganze Zeit durcheinander gehen.

Kiki Allgeier hat einige Jahre Isabelle Caro begleitet, die als magersüchtiges Model berühmt wurde auf den Fotografien von Oliviero Toscani - eine verworrene Geschichte, in der Innen und Außen, Wahrheit und Lüge die ganze Zeit durcheinander gehen. Caro hatte sich, soviel versteht man hier, eine Parallel-Biografie entworfen, weil sie sich mit sich selbst nicht anfreunden konnte, und sie gab bis zu ihrem Tod den Eltern schuld an allem, was sie tat. Verworren bleibt das alles trotzdem. Ein Film, der nicht weiß, was er sein will über eine Frau,die unbedingt jemand anders sein wollte. Susan Vahabzadeh

Worst Case Scenario

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Worst Case Scenario

Franz Müller zeigt Wahrheiten über das Filmemachen, oder über ein grandioses Scheitern, was ja nah beieinanderliegt - und am Ende wird es doch eine Liebesgeschichte.

Film im Film: Ein Dreh in Polen wird abgeblasen während er grade anfängt. Der Regisseur gibt nicht auf, die Lage schreit nach Independentkino. Deutsche Campinggäste werden engagiert, polnische Schauspielschüler auch, Konzepte werden erstellt und verworfen. Franz Müller zeigt Wahrheiten über das Filmemachen, oder über ein grandioses Scheitern, was ja nah beieinanderliegt - und am Ende wird es doch eine Liebesgeschichte. Doris Kuhn

Tempo Girl

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Tempo Girl

Wie ein Schüleraufsatz, der Gefühlsimitate und Posen stapelt. Motto: Ich hab? nix zu sagen, aber es muss geil aussehen!

"Du bist nicht authentisch", sagt der Lektor zur Berliner Möchte-gern-Popliteratin Dominique (Florentine Krafft). Schon düst sie ins Alpenländli ab. Sie möchte dort als Nachtclubtänzerin mal echt authentisch was erleben. Dominik Lochers Debütfilm bemüht sich heftig, wild&stylisch zu sein. Wie ein Schüleraufsatz, der Gefühlsimitate und Posen stapelt. Motto: Ich hab' nix zu sagen, aber es muss geil aussehen! Rainer Gansera