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Kurzkritik:Wunderklang

Das Quatuor Modigliani in Grünwald

Am Ende dieses tollen Abends im August Everding-Saal herrschte helle Begeisterung über ein Quartettspiel, dessen rhythmische, virtuos-musikalische und vor allem klangliche Delikatesse zum Allerbesten gehört, was derzeit zu hören und zu erleben ist. Das Quatuor Modigliani (Amaury Coeytaux, Loïc Rio, Violinen; Laurent Marfaing, Viola; François Kieffer, Violoncello) feiert seit 15 Jahren weltweit Erfolge, hat die schwierige Auswechslung des Primarius nicht nur gemeistert, sondern eine Raffinesse in der Klangregie dazu gewonnen, die bei Wolfgang Amadé Mozarts Divertimento KV 138 ebenso in fast ungläubiges Staunen versetzte wie bei Maurice Ravels Quartett von 1904 und bei Edvard Griegs Quartett von 1878.

Die "Modiglianis" entfalteten ganze Welten zwischen zartestem Pianissimo bis hin zum strahlenden, bei aller Kraftentfaltung, nie gewalttätigen Fortissimo. Bei Mozart gelang eine unmittelbare Klarheit der Linienführung, Klangfrische und rhythmischer Witz, dass es eine Freude war. Ravels Quartett gehört für jedes französische Ensemble zu den Paradestücken. Aber wie die Vier auch in den Con-sordino-Passagen des langsamen Satzes, in dessen schwebenden Klangfarbenflächen nie manieristisch säuselten und die Melodie-Kantilenen nie parfümierten, sondern präzise artikuliert ausformulierten, das grenzt ans Wunderbare, vom Feuer des Pizzicato-Satzes gar nicht zu reden.

Griegs von Kontrasten geradezu geschütteltes Quartett verleitete die Modiglianis nicht zu Kraft- und Krachgesten, sondern forderte ihre Klangsinnlichkeit nun von anderer Seite heraus. Daran änderte auch nichts, dass dem fabelhaften Primarius eine Saite riss. Im Gegenteil, noch intensiver, breiter im Strich und gedanklich noch eindringlicher glückte dieses hierzulande leider viel zu selten gespielte Stück. Mit Erich Wolfgang Korngolds Intermezzo und Dmitri Schostakowitschs Polka dankten die glorreichen Vier dem brausenden Beifall.

© SZ vom 15.02.2020
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