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Kurzkritik:Widersprüchlich

"Bombe spricht" im Schwere Reiter

Der Anfang ist voller Poesie. Vier Männer schaukeln im Gebet, legen Fäden wie Gebetsriemen an, einen Metallständer mit Gebetsschals im Rücken. Dieser symbolisiert, wie einer von ihnen irgendwann erklärt, eine notwendige Mauer. Denn man arbeitet an diesem 75 Minuten kurzen Abend unter dem Titel "Bombe spricht" im Schwere Reiter mit religiösen und politischen Anspielungen; reißt viele Themen an, ohne sie dann zu vertiefen. Ins Publikum gefragt: Woran erkennt man einen Juden? Und: Wer kennt einen Juden? Zielführender fürs Stück ist da schon die Frage, wer zuerst da war, die Juden oder die Araber und wem also das Land Israel gehört.

Die vier tanzenden Israelis aus Jerusalem der Gruppe Between Heaven and Earth sind Männer von heute, auch wenn sie sich Orthodoxe nennen. Denn Bart tragen nicht nur die Frommen. Damit treten sie auf als personifizierter Widerspruch, als hippe Tänzer ganz von dieser Welt, ohne Schläfenlocken und ohne Scheu, tanzend fremde Frauen zu berühren. Aber das eigentliche Thema von "Bombe spricht" soll die erste blutige Flugzeugentführung in Deutschland sein, woran schändlicherweise nicht einmal eine Gedenkplakette erinnert. Eine El-Al-Maschine am Flughafen Riem im Februar 1970 zu entführen, scheiterte auch dank der Courage des Passagiers Arie Katzenstein, der sich schützend über eine Handgranate der Entführer warf und so zahlreiche Leben rettete. Diese Geschichte wird erzählt. Weshalb diese vom Pathos herausgebrachte, dramaturgisch kaum stringente und wenig durchdachte deutsch-israelische Gemeinschaftsproduktion sich bemüßigt fühlt, nach einem "positiven Suizidbomber" zu fragen.

Katzenstein als ideologisch präparierter Selbstmörder? Absurd. Aber die Tänzerinnen und Tänzer sind stark, schmeißen sich voll rein in Yoshiko Wakis immer rüderes Tanztheater-Kamikaze von Bodytalk, begleitet von akustischen Bombendetonationen. Vor bald 50 Jahren explodierte eine Bombe in München. In Israel explodieren die Bomben leider immer wieder.